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  • Abschied 27.10.2017 by seiltanzdergedanken

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    Als ich zwei Monate später mit gemischten Gefühlen die letzten Sachen für Italien zusammenpackte, dachte ich an die intensiven letzten Wochen zurück. Dave und ich hatten nur noch telefonischen Kontakt gehabt, bis wir uns zu unserer Aktion trafen. Ich versuchte, ihm in Sachen Samira auf den Zahn zu fühlen, doch er blockte jedes Mal zwar charmant, jedoch entschieden ab. Irgendetwas war da noch offen zwischen den beiden, doch Samira wollte genauso wenig darüber sprechen wie Dave. Selbstverständlich war ich aus rein freundschaftlichen Gefühlen Samira gegenüber so neugierig, mit romantischer Liebe für mich selbst hatte ich schon lange abgeschlossen.

    Unsere Antipelz-Aktion hatte viel Aufmerksamkeit erhalten. Meine Idee mit den Fotos war von den Aktivistinnen und Aktivisten positiv aufgenommen und sofort in die Tat umgesetzt worden. Pünktlich zu Beginn der Winterzeit waren die Bilder plötzlich überall zu sehen: auf Plakaten, Flyern und in Magazinen. Mona und Timo hatten sich ausgesprochen, und selbst wenn sie immer noch vorsichtiger und distanzierter als früher miteinander umgingen, war mir Mona offenbar sehr dankbar. Nicht, dass sie mir das gesagt oder direkt gezeigt hätte! Doch sie hatte die sehr eindrücklichen Portraits professionell herstellen und ihre Kontakte spielen lassen, um sie weitflächig zu verbreiten, über den Kanton und sogar die Schweiz hinaus. „Pelz trage ich nur so“, verkündeten die mehrheitlich jungen Leute auf den Plakaten mit jeweils einem entzückenden Felltier, oft ihrem eigenes Haustier, auf den Armen. Wenn ich ‚mehrheitlich junge Leute‘ sage, dann, weil Timo darauf bestanden hatte, dass ich ebenfalls Modell stehe – mit Benji. In den ersten Tagen erschrak ich jedes Mal, wenn ich mir plötzlich irgendwo entgegenschaute, aus der Pendlerzeitung zum Beispiel. Doch ich musste heimlich zugeben, dass das Foto sehr gut gelungen war. Meine Haare waren so gestylt worden, dass sie rundum frech in die Höhe standen und auf Benjis Kopf waren einige der goldenen Löckchen ebenso gekämmt. Er hatte genau im Moment der Aufnahme den Kopf gehoben und wir schauten uns innig in die Augen. Selbst als ich danach wieder meine Alltagsfrisur trug, wurde ich oft erkannt und auf das Bild angesprochen. Viele Leute versicherten mir, dass Pelz zu tragen für sie überhaupt nicht mehr in Frage käme, selbst künstlicher nicht. Der Skandal um die gefälschten Etiketten hatte sie schockiert und wütend gemacht. Genauso ging es den anderen Modellen, allen voran Timo. Er war auf dem Foto ganz in schwarz gekleidet und sah ausgesprochen gut und männlich aus mit seinem ernsten, schönen Gesicht. An seinen Hals kuschelte sich ein winziges weisses Kaninchen, von Timos Hand vorsichtig festgehalten. In seinem Fall ging es sogar so weit, dass junge Damen die Flyer in der Handtasche mit sich trugen, um Timo um ein Autogramm zu bitten, wenn sie ihm irgendwo begegneten. Keine hätte es gewagt, ihm mit einer pelzverzierten Jacke unter die Augen zu treten. Wir bekamen viel Gelegenheit, mit Leuten zu sprechen und Aufklärungsarbeit zu leisten. Auch von Helene gab es ein sehr eindrückliches Bild. Sie streichelte darauf einen jungen Chinchilla, während ihre grossen, dunklen Augen unter der auffallenden Lockenfrisur melancholisch in die Ferne schauten. Zu unserer Freude wurden die Fotos sehr häufig in den sozialen Netzwerken geteilt. Tausende von Tierbesitzern zeigten sich daraufhin ebenfalls mit ihren Vierbeinern auf dem Arm zum Text: „Pelz trage ich nur so“ und die Anzahl der Beiträge wuchs stündlich. Wir hatten gute Arbeit geleistet.

    Am Tag, als Dave und ich unsere Tour durch die Pelzgeschäfte starteten, war ich sehr aufgeregt. „Ich hole dich im Theatercafé ab“, hatte er gesagt, denn dort wurde ich von Lena für den ersten Einsatz perfekt geschminkt und gestylt, damit ich dies von ihr lernen konnte. Zum Glück bereiteten sie und Susanna jeweils schon am Vormittag alles für die abendliche Probe vor. Ich wäre zu aufgeregt gewesen, um die erforderliche ruhige Hand für das ungewohnte Schminken zu haben. Dave hingegen hätte ich überhaupt nicht erkannt, wenn die beiden Frauen nicht gewesen wären. Der Pferdeschwanz war einer gepflegten Kurzhaarfrisur gewichen, und Daves Gesicht war glatt rasiert. Ohne das üppige Barthaar fielen sofort eine ausgeprägte Nase und schöne, klar gezeichnete Lippen auf. Mit einem Schlag war ich unsicher und nervös geworden. Alles, was ich im Moment denken konnte, war, wie gut Dave und Samira optisch harmonieren mussten. Dies löste widersprüchliche Gefühle in mir aus. Ich fühlte mich trotz eleganter Kleidung und gekonntem Make-up unscheinbar und war froh um Susannas und Lenas unbefangenes Geplauder. Selber brachte ich kaum ein Wort über die Lippen.

    Im Auto entspannte ich mich ein wenig, da sich Dave auf den Verkehr konzentrierte und offenbar nichts dagegen hatte, dass ich nicht sehr kommunikativ war. Mein Herz raste, als wir die erste Pelzboutique betraten. Die zwei anwesenden Verkäuferinnen überschlugen sich fast beim Versuch, Dave zu gefallen und beachteten mich kaum mehr. Mein Komplize wickelte die beiden Frauen charmant um den kleinen Finger, während ich durch die Kleiderständer mit Fellmänteln und pelzverbrämten Jacken ging. Zum Teil fehlte die Deklaration völlig oder die Tierart wurde falsch bezeichnet. Ich erkannte dies unterdessen, da ich meine Hausaufgaben gemacht und die lateinischen Namen gelernt hatte. Seit 2013 muss in der Schweiz zumindest ersichtlich sein, ob das Tier in Freiheit aufgewachsen und durch Fallen- oder andere Jagd getötet worden oder in einer dieser erbärmlichen Pelzfarmen zur Welt gekommen war. Keine dieser Methoden rechtfertigte natürlich auch nur annähernd den Kauf von echtem Fell, doch wir hofften, dass diese Deklarationspflicht das Verkaufspersonal wie auch die Kundinnen und Kunden daran erinnern würde, dass für ihr Modeaccessoire Tiere brutal getötet wurden. In die Taschen der Kleidungsstücke liess ich unauffällig kleine Kärtchen mit Rokos Bild gleiten. Er schaute mit flehendem Blick zwischen den Gitterstäben hindurch. Darunter stand nur ein einziges Wort: „Warum?“ Wir hatten zudem die neuen Flyer dabei und die schwer entfernbaren Klebebilder, die den Etiketten Schwindel anprangerten. In den fehlbaren Geschäften brachten wir diese heimlich an verschiedene Stellen an, zum Beispiel in den Umkleidekabinen, wo sie später von der Kundschaft gesehen werden würden. Diesen Teil hatte ich mir als sehr schwierig vorgestellt, doch Dave lenkte das Verkaufspersonal überaus gekonnt ab. In diesem ersten Geschäft erzählte er gerade eine lustige kleine Anekdote, als ich mich wieder zu ihnen gesellte. Die Damen lauschten hingerissen und wechselten einen kurzen Blick, als sein wohlklingendes Lachen der Erzählung folgte. Dann schaute mich Dave fragend an und ich schüttelte fast unmerklich den Kopf, was bedeutete, dass sich das Geschäft nicht an die Vorschriften hielt. Dave nahm sein Handy hervor und fragte: „Darf ich Ihnen ein kurzes Video zeigen?“ Die Verkäuferinnen nickten und steckten kichernd ihre Köpfe über dem kleinen Bildschirm zusammen. Doch ihr Lachen erstarb schnell, als sie sich unvermittelt mit heimlich aufgenommenen Szenen aus einer Pelzfarm konfrontiert sahen. Verwirrt schauten sie hoch, doch Daves Miene war mit einem Mal hart und abweisend geworden. Er war ohne Zweifel ein guter Schauspieler. Es traten soeben zwei weitere Kundinnen ins Geschäft, offensichtlich Mutter und Tochter, als Dave mit leiser, jedoch schneidender Stimme den wahren Grund unseres Besuches bekannt gab. „Was hier an Ihren Kleiderständern hängt, ist das Ergebnis grosser Qual und Unmenschlichkeit. Halten Sie sich wenigstens an die Gesetze“, schloss er kalt. Damit öffnete er mir die Tür und wir traten auf die Strasse hinaus, kurz darauf gefolgt von den zwei Kundinnen. Diese machten einen scheuen Bogen um uns, akzeptierten jedoch die hingestreckten Flyer. Obwohl Dave kaum die Stimme erhoben hatte, machte er plötzlich einen gefährlichen, fast unberechenbaren Eindruck.

    In den nächsten Tagen arbeiteten wir unsere Liste mit Adressen ab. Meine Aufgabe war in den meisten Geschäften einfach auszuführen, doch Daves Schauspielkunst bewunderte ich von Tag zu Tag mehr. Mit Ladenbesitzerinnen und Besitzern ging er anders, irgendwie formeller um als mit Verkaufspersonal und wirkte plötzlich reicher und geheimnisvoller. Er schien immer den richtigen Ton zu treffen. Wenn die Deklarationen korrekt waren, verabschiedeten wir uns mit den Worten, dass wir uns den Kauf nochmals überlegen wollten. Die anderen Geschäfte bekamen gnadenlos ihr Fett weg und Dave liess keinen Zweifel offen, was er übers Pelztragen dachte. Auf den Fahrten im Auto und beim Essen in Restaurants plauderten wir beide jeweils angeregt und mittlerweile vertraut, doch seine schnelle Wandelbarkeit verunsicherte mich. „Was ist echt, was Show, auch mir gegenüber?“ dachte ich oft, während ich versuchte, unauffällig sein Gesicht zu studieren.

    Am letzten Tag wurden wir beide langsam müde. Wir waren jeweils vom Morgen bis zum Abend unterwegs gewesen. Dies trug wohl dazu bei, dass Dave und ich am letzten Tag einen kleinen Streit vom Zaun brachen. Ich weiss nicht einmal mehr, worum es ging, doch zu unserer Schande muss ich gestehen, dass wir uns in einem der Geschäfte zankten. Dort war alles korrekt deklariert, das Verkaufspersonal hatte kompetent Auskunft gegeben und sanft auf einen Verkaufsabschluss gedrängt. Auf kleinen Podesten waren rundum Fellpantoffeln und Mützen mit Pompons ausgestellt, was mich besonders traurig machte. Mit solchen Artikeln und den Fellkrägen hatte die Modeindustrie quasi durch die Hintertür Pelz wieder salonfähig gemacht. Ich spürte Aggression in mir hochsteigen. Zudem verleidete mir das Schauspielern langsam, ich fand es auf die Länge nur noch anstrengend. Vielleicht ging es Dave ebenso, jedenfalls hatten wir plötzlich beide schlechte Laune und fingen an, gereizt miteinander umzugehen. Als wir merkten, dass eine der Verkäuferinnen uns erstaunt beobachtete, schwiegen wir beide verlegen. Dann lachte Dave auf, schüttelte den Kopf und nahm mich in den Arm. „Du hast Recht, Schatz“, flüsterte er, doch so, dass es rundum gut hörbar war, „ gehen wir nach Hause und überlegen uns das Ganze nochmals.“ Damit küsste er mich kurz, jedoch intensiv auf den Mund und schob mich dann Richtung Türe, denn ich war wie versteinert stehen geblieben.

    Auf dem Heimweg schwiegen wir beide. „Das war bloss Schauspielkunst, komm wieder runter“, versuchte ich vergebens mein rasendes Herz zu beruhigen. In meiner Strasse hielt Dave an. Ich wollte aussteigen, doch er fasste nach meiner Hand und hielt sie für einen Moment fest, während er  wortlos aus dem Fenster schaute. Schliesslich blickte er mich an. „Bart und Pferdeschwanz sind weg. Dies war der einfache Teil. Nun gibt es anderes aufzuräumen in meinem Leben. Darf ich mich wieder bei dir melden, wenn ich überall reinen Tisch gemacht habe?“ Vor lauter Überraschung konnte ich bloss nicken. Dave küsste mich schnell und leicht auf die Wange, bevor er die Autotür für mich öffnete. Ich stöckelte auf meinen hohen Schuhen zum Hauseingang und fragte mich, welche Wispy ihm wohl Eindruck gemacht hatte – falls es diese Fremde mit den ungewohnten Kleidern und dem Make-up im Gesicht war, würde ich ihm sagen müssen, dass sie gar nicht wirklich existierte. Doch da ich seither nichts mehr von ihm gehört hatte, erübrigte sich diese Erklärung.

    Timo und Lilly hatten für mich einen wunderschönen Abschiedstag organisiert. Da es zu kalt war, um draussen zu sitzen, wurde Monas Heim an einem Sonntag zum ‚Open House‘ erklärt. Von morgens bis abends war etwas los, Gäste kamen und gingen und ich wurde immer wieder aufs Neue überrascht. Zwar hatte mich Timo um die Namen und Adressen der Menschen gebeten, die mir nahe standen, doch ich dachte nicht, dass sie alle kommen würden. Leider leben meine Eltern nicht mehr, doch meine Schwestern tauchten auf und sogar meine beiden Brüder, die ich eher selten sehe. Meine Freundin Britta war da samt Ehemann wie auch einige ehemalige Nachbarinnen, die ich vermisst hatte und natürlich Erna, der ich diesen spannenden Anlass nicht vorenthalten durfte. Schliesslich hatte sie oft zu Bella geschaut. Ich beobachtete gerührt, wie gut sich diese Menschen, die ich schon so lange kannte, mit Timo und seiner Clique verstanden, wieviel gelacht und gescherzt wurde. Samira hatte eine ganze Kiste Prosecco mitgebracht. Sie schien mir gegenüber etwas reserviert, doch ich war nicht sicher, ob ich mir dies nur einbildete. Mona hatte die übrigen Getränke besorgt. Johanna und Lilly grillierten draussen Maiskolben, Gemüse und Pilze während Timo, Uwe und Patrick uns mit grossen Platten veganer Häppchen und Tapas verwöhnten. Lola hatte sogar gebacken, etwas windschiefe, jedoch köstliche Kuchen, während ihr Doktor in einer kleinen Kühltruhe veganes Eis mitgebracht hatte. An Essen und Trinken fehlte es also nicht und die Stimmung war ausgezeichnet. Dennoch wurde ich gegen Abend melancholisch. All diese geliebten Menschen würde ich nun vielleicht länger nicht mehr sehen. Samira hatte tatsächlich Hanni und Nanni adoptiert und würde sie in Kürze übernehmen. Dies hätte ich gerne miterlebt. Mona hatte zu unserem Erstaunen erklärt, dass Destiny und ihr erstgeborener Sohn bei ihr bleiben dürften. „Albert hat die beiden sehr ins Herz geschlossen und wird hauptsächlich für sie verantwortlich sein. Zudem ist es nicht schlecht, wenn das Haus in unserer Abwesenheit bewacht wird“, hatte sie die Entscheidung mit ihrer typischen Reserviertheit begründet. Doch ich bemerkte, wie ihr Blick weich wurde, wenn sie die Hundefamilie beobachtete. Aus Timo und Helene wurde ich weiterhin nicht schlau. Sie hatten sich am Nachmittag bereit erklärt, mit allen Hunden spazieren zu gehen und als sie nach ziemlich langer Zeit zurückkamen, sah ich, wie sie sich vor der Türe lange umarmten. Doch dann behauptete Helene zu meiner Überraschung, dass sie bereits gehen müsse. Als sie sich von mir verabschiedete, hatte sie Tränen in den Augen. Wohl kaum meinetwegen.

    Rasch wandte ich mich der herzlichen und liebevollen Lilly zu und verwickelte sie in ein Gespräch. Sonst wären mir vielleicht ebenfalls die Tränen gekommen beim Gedanken, dass für meinen Benji noch immer kein Heim gefunden worden war. Und dass ausgerechnet Dave sich für heute entschuldigen liess, nagte ebenfalls an mir. Er hatte es mir nicht einmal persönlich gesagt, sondern über Susanna und Lena ausrichten lassen. Ich wurde den Verdacht nicht los, dass es mit Samira zu tun hatte. Diese hatte bis zum Abend eindeutig zu viel von ihrem Prosecco getrunken und benahm sich ziemlich laut und auffällig. Während der veganen Woche in ihrer Buchhandlung hatte sie sich mit Helene, die uns überraschend zu Hilfe kam, angefreundet. Die beiden Frauen hatten viel Gemeinsames und konnten stundenlang über Schmuck, Mode und Frisuren sprechen. Auch an diesem Sonntag hatten sie etwas miteinander zu tuscheln gehabt, bevor Helene sich verabschiedete. Am späteren Abend schauten Timos Eltern kurz rein. Sie waren soeben von ihrer Reise zurückgekehrt und dementsprechend müde. Während sie Mona zwar höflich, jedoch zurückhaltend begrüssten, waren sie zu mir auffallend herzlich. Sie hatten mir meine Einmischung offenbar verziehen.

    So war ich an jenem Sonntag zwar sehr glücklich und dankbar für all die Liebe, die mir entgegen gebracht wurde, fühlte jedoch gleichzeitig eine gewisse Angespanntheit und Nervosität. Ich freute mich riesig auf Angelita, Sofia und meinen Sohn Cedric. Doch der Gedanke, monatelang in einem ziemlich kleinen Zimmer im lauten und chaotischen Haushalt der Castanos zu leben, belastete mich ein wenig. Wie würde ich in diesem Umfeld Angelita die Ruhe und Geborgenheit geben können, die mein Engel offenbar dringend brauchte? Timo hatte mir seine gute Idee, von der er behauptete, sie würde mich sehr glücklich machen, immer noch nicht verraten. „Es sieht gut aus“, versprach er zwar, „doch mein Vater hat das letzte Wort in dieser Angelegenheit. Ich werde dir schreiben, sobald ich seine Antwort habe. Vor deiner Abreise wird es sich wohl kaum mehr entscheiden.“ Insgeheim war ich etwas enttäuscht und konnte mir immer weniger vorstellen, dass diese Nachricht mich so sehr jubeln lassen würde, wie Timo behauptete. Die Freude darüber würde ich ohnehin nur mit wenigen Leuten teilen können, wenn ich erst einmal in Rom lebte.

    Schnell schüttelte ich die trüben Gedanken ab und konzentrierte mich wieder aufs Packen. Cedric würde jeden Moment hier sein. Zu meiner grossen Überraschung hatte er verkündet, dass er mich mit dem Auto abholen und nach Italien fahren würde. „Wie ich dich kenne, Mama“, hatte er gescherzt, „nimmst du deinen halben Hausrat mit und bevor ich ein Vermögen für Übergepäck bezahle, hole ich dich lieber gleich mit dem Auto ab. Ich bin bereits am Abend zuvor bei dir, damit wir am nächsten Tag früh losfahren können. Wir nehmen es gemütlich, damit du auf der Fahrt die schöne italienische Landschaft bewundern kannst. Und nein, es ist mir wirklich nicht zu viel, noch liegt ja kein Schnee auf den Strassen und ich bin sehr froh, dass du zu uns kommst.“ Von Timo hatte ich bereits zwei Tage zuvor Abschied nehmen müssen. „Selbständig arbeiten heisst leider selbst und ständig arbeiten“, hatte er gescherzt und erzählt, dass gleich drei wichtige Aufträge hereingeschneit wären. „Zudem gehe ich lieber in Ruhe nochmals mit dir essen, als deine Abreise mitzuerleben. Natürlich weiss ich, dass ich mir damit etwas vormache, doch Abschiede sind nicht so mein Ding. Zum Glück bist du nun am letzten Abend nicht allein zu Hause. Grüss deinen Sohn von mir.“ Selbst wenn ich ihn verstehen konnte, war ich ein wenig traurig. Ich hätte ihn so gern nochmals mit Cedric zusammen beobachtet, ihren jugendlichen Sprüchen und Spässen zugehört. Andererseits musste sich mein Sohn ohnehin von der langen Fahrt ausruhen. Ich vermisste Timo bereits schmerzlich. Dieser junge Mann war in den letzten Monaten mein bester Freund und engster Vertrauter geworden. Dennoch hatte ich es nicht gewagt, ihn nach Helene zu fragen. So sehr ich ihm Glück in der Liebe wünschte, so genau wusste ich unterdessen, dass er mir ihre Geschichte erst erzählen würde, wenn er so weit war. Dafür hatte er mir versprochen, dass Benji bei ihm bleiben dürfe, bis er einen wirklich guten Platz für ihn gefunden habe. Dawn hatte die Freude am Reisen entdeckt und machte bereits  weitere Pläne, sehr zu Gian-Lucas Begeisterung. So hatte ich die heimliche Hoffnung, dass sie meinem Liebling ein Heim geben würden, begraben müssen.

    Bevor Cedric und ich am nächsten Morgen losfuhren, packten wir gemeinsam den Rest von Bellas Utensilien zusammen. Ich hatte es bis dahin nicht fertig gebracht, ihren Lieblingskorb, ihre Decken und die Spielsachen wegzugeben. Doch nun war die Zeit gekommen. Da alles frisch gewaschen, sauber und ganz war, fuhren wir bei einem Tierheim vorbei und spendeten die Sachen. Dann machten wir uns auf den Weg. Cedric war bester Dinge und sang lauthals italienische Lieder, damit ich mich bereits an die Sprache gewöhnen könne, wie er meinte. Als Timo und ich uns ein letztes Mal umarmt hatten, hatte er mir ein kleines Päckchen in die Tasche geschoben. ‚Darf erst in Italien geöffnet werden‘ stand darauf. Als wir die Grenze überquert hatten, öffnete ich neugierig die Schachtel. Auf farbigem Seidenpapier lag die blaue Kette, die ich damals in Timos Auftrag von Helene gekauft hatte. „Mein Abschiedsgeschenk“, schrieb Timo auf einer Karte dazu. „Die Halskette passt wunderbar zu deinen neuen Kleidern, die du hoffentlich eingepackt hast. Zieh sie häufig an! Geniess das italienische Leben, trag hochhackige Schuhe, geh tanzen, trink viel Rotwein und lass dir das feine Essen schmecken. Wie wäre es übrigens mit einem Latin Lover?“ Darunter hatte er ein Smiley und viele Herzen gemalt. „Er hat Recht“, lachte Cedric, dem ich die Zeilen vorlas, „du bist wirklich noch nicht zu alt für romantische Erlebnisse, Mama!“ Da er sich gerade sehr auf den Verkehr konzentrieren musste, sah er zum Glück nicht, wie mir die Röte in die Wangen schoss. Ich beschäftigte mich schnell damit, die Lagen farbigen Seidenpapiers in der Schachtel glatt zu streichen, als ich etwas Festes darunter spürte. Es war ein Brief, in einer Schrift an mich gerichtet, die ich nicht kannte. Ich spürte, wie mein Gesicht erneut zu glühen begann. Und wirklich, die Zeilen waren von Dave. Er entschuldigte sich nochmals dafür, dass er an meinem Abschiedsfest gefehlt hatte und wünschte mir alles Gute für meinen Italienaufenthalt. Doch es war der letzte Abschnitt, der mich unwillkürlich aufschreien und den armen Cedric vor Schreck fast in den Strassengraben fahren liess. „Ich hatte in den letzten Wochen viel zu tun“, schrieb Dave. „Unter anderem wechselte ich die Wohnung. Bei dieser Gelegenheit entsorgte ich sehr vieles aus meiner Vergangenheit, was zeitaufwendig und zugleich aufwühlend war. Ich hatte in dieser Zeit das Bedürfnis, allein zu sein mit meinen Gedanken und Erinnerungen. Nun habe ich damit abgeschlossen und bin bereit für die Zukunft. Wenn ich darf, werde ich dich ab und zu für ein paar Tage besuchen kommen. Zum Glück kann ich Benji mit ins Flugzeug nehmen, da er noch so klein ist. Ja, du liest richtig! Timo durfte es dir nicht verraten, so wenig wie ich dir seine Überraschung erzählen werde – dein Benji lebt jetzt bei mir! Vor allem seinetwegen bin ich umgezogen, denn ich durfte in der alten Wohnung keine Haustiere halten. Je länger ich Timo mit seinem Buddy beobachtete, desto mehr wünschte ich mir einen eigenen Hund. Ich hoffe, du freust dich, wenn wir beide bald bei dir auftauchen werden.“

    Freuen war gar kein Ausdruck, ich lachte und weinte gleichzeitig vor Glück und quatschte Cedric die Ohren voll. Als wir zwei Stunden später bei einem Restaurant anhielten, um etwas zu essen, hatte ich mich immer noch nicht erholt. „Doch wo können Dave und Benji jeweils wohnen, Cedric? Gibt es in eurer Nähe ein hundefreundliches Hotel?“ kam mir plötzlich in den Sinn. „Ah, da mach dir keine Gedanken“, winkte mein Sohn ab und studierte eingehend die Speisekarte. „In Italien sind die Leute meistens sehr tierliebend.“ Danach blickte er auf und nahm meine Hand. „Ich muss dir noch etwas sagen, Mama“, begann er und wirkte plötzlich ganz unsicher. „Du hast doch damals gesagt, dass es in Ordnung sei, wenn ich meinen Vater suchen würde.“ Ich nickte, doch mein Herz klopfte plötzlich heftig. „Hast du ihn gefunden, Ceddie?“ half ich meinem Sohn, der offenbar nicht wusste, wie er am besten fortfahren sollte. Cedric nickte. „Ja, er lebt jetzt in Basel. Vor kurzem ist seine Frau gestorben und es geht ihm gesundheitlich nicht gut. Ich habe ihn nicht gefragt, ob diese Gattin seine damalige Freundin war. Nachdem ich ihm zuerst eine Karte geschrieben hatte, telefonierten wir miteinander. Er tönte sehr aufgewühlt und behauptete, dass er oft an dich denke und dich sehr gern wiedersehen würde. Er wusste bereits meinen Namen, kannte mein Geburtsdatum und hatte herausgefunden, welche Schulen ich besucht hatte. Ich glaube, mein Vater bereut sehr, was damals geschehen ist. Ob es damit zu tun hat, dass er jetzt allein und offenbar einsam ist, weiss ich natürlich nicht. Ich soll dich jedoch fragen, ob du zu einem Treffen bereit wärst.“  Ich atmete tief durch. Dann fasste ich in meine Tasche, um Daves Brief zwischen meinen Fingern zu spüren. „Ja, Cedric, jederzeit“, sagte ich schliesslich. „Jedoch nur zusammen mit dir. Wenn ihr euch kennenlernen wollt, unterstütze ich das. Sonst habe ich deinem Vater nichts mehr zu sagen und für sein Lebensglück fühle ich mich nicht zuständig.“ Da gerade unser Essen serviert wurde, sprachen wir nicht mehr weiter über dieses Thema und setzten bald darauf unsere Reise fort.

    Die lange Fahrt und die ganze Aufregung hatten mich müde gemacht und kurz nach Florenz war ich tief eingeschlafen. Als ich die Augen öffnete, blickte ich direkt aufs Meer. Glücklich schaute ich aufs Wasser hinaus und träumte vor mich hin, bis mir plötzlich einfiel, dass dies kaum der direkte Weg nach Rom sein konnte. Machte Cedric mir zuliebe einen Umweg? Auf meine Frage hin lächelte er bloss. „Dein Dave ist nicht der einzige, der dich heute überraschen wollte, Mama. Geniess einfach die Fahrt und die wunderschöne Aussicht. Ich weiss doch, wie sehr du das Meer liebst.“ Weitere Fragen blockte er ab. „Freu dich einfach“, war alles, was ich von ihm zu hören bekam. Nach einer weiteren Stunde Fahrt parkierte er bei einem Strand und fragte mich, ob ich Lust hätte, mir die Füsse zu vertreten, während er Angelita anrufen würde, um ihr unsere baldige Ankunft mitzuteilen. „Weisst du was?“ fragte er danach. „Lass uns doch noch ein wenig am Meer entlang spazieren. Etwas Bewegung tut uns gut nach dem langen Sitzen.“  Nur zu gern stimmte ich zu. Der lange Sandstrand, gesäumt von weissen Häusern, die kreischenden Möwen am Himmel und die klare Luft taten meiner Seele gut. Eine tiefe Abendsonne tauchte alles in ein weiches, goldenes Licht. „Ist das schön hier“, flüsterte ich überwältigt. Cedric lachte. „Wir sind hier in Santa Marinella, nicht mehr weit von Rom entfernt. Du solltest diesen Platz im Sommer sehen! Er ist das Ziel vieler Kreuzfahrer und ein Lieblingsstrand der Römer, will heissen, die Badestrände sind oft völlig überfüllt. Im Winter läuft hingegen nicht viel, doch wenn man Ruhe und Erholung sucht, kann man es kaum besser treffen.“  Obwohl es bereits gegen Weihnachten zuging, war die Temperatur angenehm und ich hatte meinen Wintermantel im Auto zurücklassen können. Sehnsüchtig schaute ich aufs Meer hinaus und atmete die feuchte, salzige Luft tief in meine Lungen ein. „Hier wäre ich viel lieber als in der lauten, hektischen Grossstadt“, dachte ich, doch ich bekam sogleich ein schlechtes Gewissen. Schliesslich freute sich meine Familie in Rom auf mich. Doch als ich einige Minuten später damit beschäftigt war, hübsche farbige Steine vom Strand aufzusammeln, stupste mich mein Sohn in die Seite: „Schau mal, wer da kommt!“ Ich blickte auf und traute meinen Augen nicht: Über den Strand kam strahlend Angelita auf uns zugeeilt, die schlafende Sofia im Buggy. Wir rannten uns entgegen und fielen uns um den Hals, während Cedric den Kinderwagen übernahm. „Du holst uns hier ab! Wie schön! Warum hast du denn nichts gesagt, Ceddie?“ Mein Sohn grinste. „Weil sie dich nicht abholt. Dein Timo war nicht ganz ehrlich zu dir. Seine Überraschung ist schon länger fest organisiert. Gian-Luca besitzt hier direkt am Strand ein Haus, welches er den grössten Teil des Jahres über vermietet. Normalerweise bewohnen es im Winter immer dieselben zwei Familien, eine holländische und eine deutsche. Es ist ein doppelstöckiges Gebäude und bietet genug Platz für etwa 8 Personen. Doch die Holländer bekommen demnächst Zuwachs und bleiben dieses Jahr lieber zu Hause. Die deutschen Mieter sind ältere Leute und waren schliesslich damit einverstanden, für diese Saison eine zentraler gelegene Wohnung auszuprobieren, die ihnen Gian-Luca vermittelt hat.“ Angelita packte mich und wirbelte mich wie früher im Kreis herum. “Wenn wir wollen, dürfen wir bis zu den Frühlingsferien hier bleiben! Cedric wird jedes Wochenende und die Feiertage mit uns verbringen und für den Rest meiner Familie liegt jederzeit ein Nachmittagsbesuch drin. Du und ich, wir können jeden Tag mit Sofia am Strand entlang spazieren oder durch die Stadt bummeln, zusammen einkaufen, kochen und unsere Terrasse mit Meerblick geniessen. Uns gehört der ganze obere Stock, der untere ist seit gestern von einem jungen Pärchen mit Hund bewohnt. Du wirst sie mögen.“ Ich war froh, dass wir uns in ein Strandcafé setzen konnten, denn ich hatte ganz weiche Knie bekommen vor Glück und Aufregung. Cedric und Angelita freuten sich riesig über die gelungene Überraschung und genossen meine ungläubige Sprachlosigkeit. „Träume ich wirklich nicht?“ brachte ich die schliesslich heraus und die beiden redeten und lachten durcheinander, bis die kleine Sofia erwachte und zu weinen begann. Angelita gab ihr ein Biskuit in die Hand und meinte: „Kommt, gehen wir zum Haus. Sofia hat Hunger und ich könnte wetten, ihr beide auch! Das Nachtessen sollte eigentlich jetzt bereit sein.“ Diese Bemerkung verwirrte mich etwas. „Hast du einen eigenen Koch, Angelita?“ fragte ich scherzhaft  und sie schmunzelte: „So ähnlich! Die jungen Leute wollten unbedingt dein Willkommensessen übernehmen.“ „Tatsächlich?! Sie kennen mich doch gar nicht“, sagte ich überrascht und Angelita grinste: „Sie wollen offenbar einen guten ersten Eindruck machen. Schliesslich werden wir für eine längere Zeit Hausnachbarn sein.“

    Ich verliebte mich auf den ersten Blick in das Haus. Es war hell getüncht mit blauen Fensterläden und sah sehr einladend und wohnlich aus. Ein weisser Zaun umschloss den Sitzplatz mit grossem Esstisch und vielen Stühlen, sowie einen kleinen Kräutergarten. Ich stand überwältigt da und liess das Bild auf mich wirken, während Angelita und Cedric das Gepäck aus dem Auto luden. Da ertönte  von der Terrasse her Hundegebell. Die Haustüre öffnete sich und Buddy – wie kam denn Buddy hierhin?! – schoss heraus, schneller als ich ihn je hatte laufen sehen, und sprang freudig an mir hoch. Selbst als ich bereits sein Fell kraulte und er seine feuchte Hundenase an meine Wange drückte, glaubte ich mich erneut in einem Traum. Doch als ich hochsah, stand lächelnd Timo in der Tür. „Ich kann dich doch nicht so lange allein lassen, wer weiss, was du alles anstellst. Arbeiten kann ich auch hier, sogar besser als zu Hause“, konnte er gerade noch sagen, bevor ich ihm um den Hals fiel und vor Freude schrie und hüpfte wie ein durchgeknallter Teenager. Erst als wir meine Sachen in den oberen Stock trugen, erinnerte ich mich daran, dass  Angelita von zwei Personen gesprochen hatte. „Ist Helene hier?“ fragte ich Timo, doch dieser schüttelte den Kopf. „Sie konnte sich nicht wirklich entscheiden. Ich hatte immer wieder mal das Gefühl, dass ich ihr peinlich war, vor allem vor ihrer Familie. So trennten wir uns in Freundschaft.“ Ich zog fragend die Augenbrauen hoch und stupste ihn ziemlich unsanft in die Seite, als er nicht weiter sprach. „Nun erzähl schon! Mit wem bist du hier?“ „Mit meiner neuen Freundin. Sie konnte für den Rest des Jahres Urlaub nehmen, um diese Zeit mit uns zu verbringen. Eigentlich bist du schuld, dass wir zusammen sind“, stachelte Timo meine Neugier weiter an. „Ich?“ wunderte ich mich. „Kenne ich sie denn?“ Timo nickte mit einem verschmitzten Lächeln. „Dein Abschiedsfest gab einiges zu tun und während den Vorbereitungen merkte ich plötzlich, dass da eine Frau war, der ich nie peinlich sein würde. Eine Frau, die mich schon lange aufrichtig liebte und in die ich mich nun ebenfalls sehr verliebt habe.“ „Hattest du denn ihre Gefühle für dich zuvor nicht bemerkt?“ „Doch, aber ich hatte nicht realisiert, wie erwachsen sie geworden war.“ „Sag bloss nicht, dass du mich als kleine Schwester gesehen hast, so ein Vergleich wäre unterdessen ziemlich unpassend“, hörte ich eine fröhliche Stimme hinter mir und noch bevor ich mich umdrehen konnte, schlangen sich Lillys dünne Arme fest um meinen Hals. Da mir dabei fast die Luft wegblieb, wusste ich diesmal mit hundertprozentiger Sicherheit, dass ich nicht träumte.

    -Ende-

     

     

     

     

     

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