Wie alles begann

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Er wählte die totale Überrumpelung und liess mir so überhaupt keine Wahl. Eben hatte ich noch gemütlich in der hintersten Sitzreihe des Trams meine Pendlerzeitung  gelesen, da sass er plötzlich neben mir. Brachte einen Schwall frischer Luft mit Pfefferminzaroma mit sich und jene fast elektrische Energie, die ich noch gut kennen lernen sollte.

Ich rückte überrascht ein wenig zur Seite, auch weil er einen mittelgrossen, langhaarigen Hund vor sich her in die Sitzreihe schubste, der sich sogleich zufrieden schnaufend auf meine Füsse legte. Zwar liebe ich Tiere sehr, doch auf dieses ziemlich schwere Bündel feuchten Felles in undefinierbarer Farbe auf meinen neuen Schuhen  war ich nicht gefasst gewesen.

Ich erwartet, dass der junge Mann sich entschuldigen und den Hund wegziehen würde, doch er lächelte nur kurz und gab mir die Hand: „Gut treffe ich dich hier, wir haben viel zu tun. Magst du ein Pfefferminz?“ „Wie bitte? Sie verwechseln mich wohl…“ Ich konnte mir die Situation nicht anders erklären. Er schaute mich fast beleidigt an: „Ich weiss wer du bist und ich weiss immer, was ich tue.“ Seinen Hang zu…sagen wir mal leichter Arroganz, würde ich auch noch zur Genüge kennen lernen.

Das mit dem Duzen ist auch so eine Sache in meinem Alter. Ich weiss nie, ob ich nun geschmeichelt sein soll – anscheinend habe ich das langweilige „Respektsalter“ doch noch nicht erreicht – oder unangenehm berührt – werde ich von den Jungen einfach nicht mehr ernst genommen?

„Du bist vor kurzem pensioniert worden und noch ein wenig ziellos in diesem neuen Leben. Manchmal fährst du einfach so mit dem Tram in der Stadt herum.“

Selten, wollte ich sagen, und es ist bestimmt nicht so, dass mein Leben unausgefüllt wäre. Hatte dieser Kerl mich etwa beobachtet?

Ich habe mehr als genug zu tun und viele Ideen für meinen Lebensabend.

„Das weiss ich alles“, kam seine ungeduldige – Antwort?! Hatte ich etwa laut gedacht? „Nicht nötig, wir verstehen dich auch so.“ Wir?!  „Ja“ – er deutete auf seinen Hund – „er versteht deine Gedanken und ich verstehe ihn. Ist ja nicht schwierig.“

Na toll, hatte dieser Irre sich genau neben mich setzen müssen? Ich musterte ihn verstohlen von der Seite. Gross und schlaksig, halblanges, ziemlich wirres Haar unter einer farbigen runden Mütze. Fast wie das Hundefell auf meinen Füssen, dachte ich belustigt. Wache, aufmerksame Augen. Nicht unattraktiv! Man kann ja auch als ältere Frau nicht immer nur auf die innere Schönheit schauen. Er zog die Augenbrauen hoch und lächelte fast ein wenig verlegen. Ich schubste den Hund verstohlen mit meinen Füssen. Du musst ihm sicher nicht alles weiter erzählen! Doch eigentlich glaubte ich ja gar nicht an diese Telepathie Sache. Vielleicht war der junge Mann ein Trickspieler oder ein windiger Wahrsager, einer, der sich aus verschiedenen nonverbalen Informationen ein gutes Bild machen konnte.

„Nein, das bin ich nicht“, unterbrach er meine Gedanken und ich fuhr vor Schreck ein wenig zusammen, „doch mein Hund macht mich verrückt. Er erzählt mir ständig Dinge von den Leuten um mich herum, Gedanken, die er auffängt; und oft bräuchte es so wenig, um jemanden zu trösten, zu ermutigen oder glücklich zu machen.

Die Menschen sehen schnell einmal vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr, sie vergessen ihre Fähigkeiten, Stärken und Ressourcen – und könnten sich doch innert Sekunden in eine ganz andere Stimmung bringen, auf neue Gedanken kommen, schönere Dinge in ihr Leben ziehen. Manchmal bringe ich diese Geschichten kaum mehr aus dem Kopf, weil ich so leicht hätte helfen können.“

„Warum reden Sie nicht einfach mit den Leuten?“ Ein „du“ wollte mir nicht über die Lippen, zu komisch war dies alles. Ihn schien es nicht zu beeindrucken. „Schau mich doch an! Sie würden so denken wie du. Sie hätten vielleicht Angst, ich sei ein Taschendieb oder wolle sie anbetteln. Und nicht alle haben Hunde gern. Doch du bist perfekt dafür, du siehst so schön normal und bieder aus.“ „Wie bitte?!“ Es wurde ja immer besser. Normal und bieder! Ich hätte mich von Anfang an besser hinter meiner Zeitung verstecken sollen.

„Ich weiss nicht, was Sie von mir wollen, zudem muss ich sowieso gleich aussteigen.“

Wir beide steigen gleich aus, deine Haltestelle ist es noch nicht“, grinste er frech. „Steig‘ dann vorne aus und sag dem Tramfahrer, dass du seine souveräne, sichere Fahrweise bewunderst und seine offenbar unerschütterliche Ruhe. Lächle ihn dabei an, als ob er der attraktivste Mann der Welt wäre, das braucht er heute dringend. Nur schon deshalb könnte ich es nicht selber erledigen, das siehst du doch ein…!“ Lachend schubste er mich in die Seite.

Ich schaute ihn entgeistert an. „Warum sollte ich denn so etwas sagen, es stimmt doch alles gar nicht?! Er fährt weder ruhig noch…“. „Richtig! Gut beobachtet!“ Diesmal bekam ich einen herzhaften Klaps auf die Schulter. „Genau deshalb sollst du es ja sagen…“

Ich schaute ihn zweifelnd an und schüttelte langsam den Kopf. „Nein ich –„ doch er unterbrach mich, indem er aufstand und den Hund sanft am Halsband hochzog: „Komm schon Buddy…“ Ich merkte erst jetzt, dass meine Zehen eingeschlafen waren. „Ganz sicher werde ich nicht …„ fing ich nochmals an.

Doch dann beugte sich dieser lange Lulatsch mit einem unglaublich charmanten Lächeln zu mir nieder, küsste mich flüchtig auf die Wange und meinte: „Du siehst eben nicht nur normal und bieder aus, sondern auch lieb. So jemanden brauchen wir. Du wirst schnell lernen. Wir sind jetzt ein Team. Bis morgen. Ich heisse übrigens Timo.“

„Wie bitte?!“ Ich hatte mich von der unerwarteten Charme – Attacke erholt und wollte nochmals protestieren. Doch schon waren die beiden draussen und verschwanden ohne sich nochmals umzusehen in der Menge.

„Bis morgen?“ Wohl kaum.

Wie hätte ich auch ahnen können, dass mein Abenteuer gerade erst begonnen hatte.

4 Antworten auf „Wie alles begann“

    1. Danke Hans :-). Die Fortsetzung ist fast fertig, doch ich bin noch ein wenig überfordert von der technischen Seite des Blogs. Deshalb sehe ich deine Beiträge auch erst jetzt, sorry! Ich freue mich jedoch sehr darüber!

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