Und wer ist Wispy?

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Als ich den eigenartigen jungen Mann am nächsten Tag tatsächlich nicht sah – und auch nicht am übernächsten –  schwankte ich zwischen Erleichterung und, komischerweise, leiser Enttäuschung.

Nicht dass ich ihn gesucht hätte! Allerdings schaute ich mir die Leute im Tram und unterwegs anders an als früher und machte mir meine Gedanken. Ich versuchte ihre Geschichten zu erraten und glaubte hinter den Alltagsmienen Sorgen und Ängste, erfüllte wie enttäuschte Hoffnungen, Liebe und Freude oder Einsamkeit und Frust zu entdecken.

„Was bräuchten diese Menschen wohl, um glücklich zu sein? Was würde sie zum Lächeln bringen? Was würde ihre Sorgenfalten glätten und ihre Augen leuchten lassen?“ fragte ich mich und war so vertieft in meine Vermutungen, dass ich einmal fast meine Haltestelle verpasst hätte. Die  Gratiszeitung blieb in diesen Tagen ungelesen.

Obwohl ich dachte, ich müsse verrückt sein, hatte ich damals beim Aussteigen dem Tramchauffeur ziemlich unbeholfen die Art Komplimente gemacht, die mir dieser Timo aufgetragen hatte. Die Erinnerung an seine Reaktion liess mich schmunzeln. Seine Miene wechselte von mürrischem Misstrauen zu einem ungläubigen kleinen Lächeln, als er mein Strahlen bemerkte. Daraufhin nahm er sein Mikrofon, räusperte sich und wünschte allen Fahrgästen einen schönen Tag, bevor er bedeutend sanfter als zuvor von der Haltestelle wegfuhr, noch immer lächelnd.

Am dritten Tag nach der seltsamen Begegnung kam ich eben aus der Drehtür eines Einkaufszentrums, als mein Mantel auf einer Seite kräftig vollgespritzt wurde durch einen Hund, der soeben energisch das Regenwasser aus seinem Fell schüttelte. Es schien in diesem Frühjahr nur zu regnen. Ich schaute mir das Tier genauer an: Undefinierbare Rasse, undefinierbare Farbe des lockigen Fells…. und ein Stück weiter entdeckte ich auf einer Bank eine geringelte farbige Mütze mit fast  identischem Wuschelhaar  darunter. Unverkennbar.

Neben der Bank stand eine über und über tätowierte junge Frau mit schulterlangen schwarzen Haaren. Viel zu offenherzig angezogen für diese Jahreszeit (in meinen Augen eigentlich für jede Jahreszeit), wohl damit man ihre Körperkunstwerke bewundern konnte. In der Nase einen dieser Ringe, die meine Freundin Türklopfer nennt. Mich erinnern sie eher an ein bestimmtes Grossvieh… Alles versteht man in unserem Alter halt nicht mehr. Die Jugend möge uns verzeihen.

Die junge Frau kickte sichtlich aufgebracht mit ihren klobigen, hockhakigen  Schuhen im Kies umher. Timo und sie waren offenbar in eine lebhafte Diskussion verwickelt, jedenfalls wurde viel gestikuliert. Ich blieb einen Moment lang unsicher vor der Drehtüre stehen. Sollte ich zu ihnen hingehen? Würde er sich überhaupt an mich erinnern?

Als ich versuchte, mit der Hand Schmutz und Wasser von meinem Mantel zu wischen, bemerkte ich, dass sich der Hund Buddy ein paar Meter entfernt hingesetzt hatte. Er wuffte ein einziges Mal und wedelte träge mit dem Schwanz. Dann schaute er mich aufmerksam an, freundlich, doch irgendwie höflich distanziert, wenn man das von einem Hund so sagen kann. Fehlte nur noch ein unverbindliches Lächeln für mich, die unverbindliche Bekanntschaft.

Timo blickte sich um und entdeckte uns bei der Türe. Ach ja richtig, dieser Hund konnte bekanntlich seine Gedanken nicht für sich behalten. Sein Halter stand von der Bank auf und kam zu uns rüber. Er tätschelte Buddy den Kopf. „Du solltest sie nur finden, nicht abduschen“, versuchte er zu tadeln, doch ich sah das Lächeln auf seinen Stockzähnen.

„Der Tierarzt nennt Buddy einen „netten“ Hund“,  sagte Timo statt einer Begrüssung, „ein netter Hund, ich bitte dich! Ich wollte einen wachsamen, mutigen, Respekt einflössenden Beschützer und nun habe ich einen „netten“ Hund!“ „Ein netter Hund und ein netter junger Mann, das passt doch…. und mich nennst du bieder…!“ konnte ich mir nicht verkneifen. Diese Beschreibung hatte mich ziemlich in meinem Stolz getroffen. Timo grinste und versuchte mich in die Seite zu knuffen.

Die junge Frau war langsam hinter ihm hergegangen und stand nun neben uns. Sie war offensichtlich frustriert und verärgert. Ich sah, wie Timos Lächeln  verschwand. Er seufzte und nahm sie beim Arm. Ich sah erst jetzt, dass sein rechtes Handgelenk eingebunden war. Er warf sich mit der linken Hand ein Pfefferminz in den Mund und zerbiss es knirschend.

„Lola,  das ist Wispy“, stellt er mich vor. Ich schüttelte erstaunt den Kopf. „ Wispy?! Nein ich heisse – „ doch Timo unterbrach mich und zupfte rund um meinen Kopf an den schneeweissen Haaren, die in solch feuchtem Wetter leider immer zipflig und kraus auf alle Seiten abstanden. „Wispy passt gut zu dir. Du brauchst zwar keinen Tarnnamen wie wir. Du bist ja sozusagen im Aussendienst.“

„Unsere Tarnnamen haben uns gestern viel genützt“, fiel die junge Frau sarkastisch ein. Sie zog die linke gepiercte Augenbraue hoch und funkelte Timo an, der wiederum seufzte. „Du weisst, dass so etwas passieren kann. Wir alle wissen es. Falls sie eine Busse bekommt, teilen wir die uns natürlich, wie immer. Ich hoffe nur, dass sie nicht zu viel geplaudert hat.“

„Vor allem ist sie jetzt registriert, so ein Mist!“ Lola kickte noch einmal eine Ladung Kies und Dreck knapp an unseren Füssen vorbei und wandte sich  zum Gehen mit der Bemerkung, ihre Pause sei nun vorüber. „Isst du heute Abend bei uns, Bud?“ fragte sie noch missmutig über die Schulter. Timo nickt. „Ich denke schon. Wo soll ich sonst hin im Moment? Ist sowieso besser, wenn dies hier nirgends auffällt in den nächsten Tagen.“ Er zeigte auf sein eingebundenes Handgelenk und liess es wieder unter dem Jackenärmel verschwinden.

„Bud, huh?!“ fragte ich als erstes, doch ich wollte noch viel mehr wissen. Ich fand als seine „Aussendienstlerin“, was immer er darunter verstand, hatte ich ein Recht auf Information. „Ist das dein Deckname? Dein sogenannter Tarnname? Was ist mit deiner Hand passiert? Hast du dich geprügelt? Seid ihr kriminell?“  Eine Weile lang hörte ich nur das geräuschvolle Zerknacken eines weiteren Pfefferminzes.  Timo kraulte seinen Hund im Nacken und sah mich nicht an. Ständig drehte er sein Smartphone in der Hand herum und hätte wohl gern darauf geschaut, doch er beherrschte sich.

„Kriminell sind wir nicht“, sagte er schliesslich. „Nicht wirklich jedenfalls. Oder nur ein bisschen. Hm….es kommt wahrscheinlich darauf an, von welcher Seite her du es anschaust. Wir sehen unsere Aktionen als gute Taten und hoffen etwas zu erreichen damit.“ Er schaute mich nicht an, sondern blickte gedankenverloren auf die Sihl. „Doch offenbar kann man uns auch als Sachbeschädiger und Hausfriedensbrecher betrachten.“ Dies kam etwas leiser, jedoch eher stolz als verlegen oder beschämt. „So eine Art moderner Robin Hood mit Smart Phone?“ Es klang spöttischer, als ich gewollt hatte. Das ständig präsente Telefon irritierte mich langsam und das Sprechen in Rätseln ebenfalls. Doch Timo grinste: „So edel dann doch wieder nicht. Mehr will ich dir nicht erzählen. Du nützt uns nur etwas, wenn du so wenig wie möglich weisst.“

„Toll…! Hast du mich je gefragt, ob ich euch überhaupt nützlich sein will? Warum sollte ich?“ Das „du“ kam mir jetzt leicht über die Lippen. Ich hatte eher das Gefühl mit einem schlecht erzogenen Halbwüchsigen zu reden, als mit einem etwa 27 jährigen Mann. „Ich habe mich nicht um einen Job bei dir beworben, soweit ich mich erinnern kann. Und wer ist überhaupt „wir?“ War das vorhin deine Freundin oder deine Schwester?“ „Wie kommst du denn darauf?“ Den ersten Teil der Frage ignorierte er geschickt. „Weil ihr zusammen esst am Abend….“ „Ach so, das ist am Waldrand. Unser Haus am Waldrand. Wir alle leben teilweise dort, bei Mona. So gesehen ist Lola vielleicht eine Art Schwester – Wahlschwester sozusagen.“

Ich musste unwillkürlich lächeln. Meine weibliche Intuition sagte mir, dass diese Definition der jungen Frau nicht gefallen würde. Ich hatte ihren Blick gesehen. Und mal ganz ehrlich – wenn sie so wütend war auf Timo, wieso war ihr wichtig, wo er zu Abend essen würde? Eben. Männer merken – Ich brach meinen Gedankengang schnell ab, als ich sah, dass Timo die Stirn runzelte und verwirrt den Kopf schüttelte. Du meine Güte, war das anstrengend mit einem Gedankenleser. Wie machte er das überhaupt? Sein Hund war mittlerweile am Flussufer unten und schnüffelte begeistert in der Wiese umher. Es hatte endlich aufgehört zu regnen. Buddy hatte Wichtigeres zu tun, als zu Übersetzen.

„Himmel, Timo, ich kann keine Gedanken lesen! Und ich will dir nicht alles aus der Nase ziehen müssen. Also nochmals, was macht ihr genau? Wer ist „wir“? Und was meinst du eigentlich mit Aussendienst?!“

„Mein Spitzname Bud kommt natürlich von Buddy“, erzählte er mir stattdessen. Endlich schob er das Handy in die Hosentasche. „Als ich etwa 9 Jahre alt war, fand ich auf dem Dachboden unter den alten Kinderbüchern meiner Mutter eines mit dem Titel: „Buddys Augen sahen für mich“. Es war eine rührende Geschichte um einen Blindenhund. Ab sofort wünsche ich mir, blind zu werden. Nicht völlig blind natürlich!“ – ich hatte ihn wohl ziemlich entsetzt angeschaut –  „nur so viel, dass meine Eltern mir aus lauter Sorge und Mitleid sofort einen solchen Blindenhund kaufen würden. Ein Hund war schon lange mein sehnlichster Wunsch, doch den wollten meine Eltern mir nicht erfüllen. Ich hatte es mir schön ausgemalt. Langsam würde ich wieder richtig sehen können, dies jedoch für mich behalten, bis ich sicher sein konnte, dass meine Eltern Buddy fest ins Herz geschlossen hatten. Erst dann würde ich sie in die glückliche und wundersame Genesung einweihen, natürlich nicht ohne klar zu stellen, dass ich ohne Hund sogleich wieder blind werden würde. Nun, ich behielt zum Glück mein Augenlicht, doch war mir von da an klar, dass ich nach dem Ausziehen von zuhause einen Hund namens Buddy haben würde.“

Ich schwieg. Soll er doch meine Gedanken selber lesen, dachte ich trotzig. Was er dann auch tat. „Dies ist nicht die Geschichte, die du hören wolltest.“ Gut, das war nicht schwierig zu erraten. „Nein.“ Wir starrten uns an. Nicht blinzeln, hatte ich gelernt, wenn man überzeugend wirken will. Doch offenbar wusste er das auch.

Erst jetzt bemerkte ich seine fast lächerlich langen Wimpern. „Was für eine Verschwendung für einen Mann“, dachte ich neidisch. Er schmunzelte und zuckte bedauernd mit den Schultern.

Nichts kann man mehr in Ruhe zu Ende denken. Frustrierend.

Ich hielt seinem Blick stand und er meinem. Wenn dieser junge Schnösel dachte, dass ich nachgebe, hatte er sich geschnitten. Ich kenne die englische Sprache gut genug um zu wissen, dass Timo mit „Wispy“ wahrscheinlich nicht nur meine zipfligen, feinen Haarbüschelchen gemeint hatte, sondern meine ganze eher kleine und vielleicht zerbrechlich wirkende Erscheinung. Man könnte mich wegblasen. Denkt er vermutlich.

Junger Mann, auf dich wartet ja vielleicht eine Überraschung.

„Du erinnerst mich an den kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry“, sagte er schliesslich. „Der hat auch nie auf eine Frage verzichtet die er einmal gestellt hatte.“ „Danke gleichfalls, er selber hat bekanntlich auch nie eine Frage beantwortet.“

Gleichstand. Doch ich lächelte.

Auf meiner Seite waren Zeit, Ausdauer und eine gewisse Alterssturheit.

4 Antworten auf „Und wer ist Wispy?“

  1. Ich bin sicher, die nächsten paar Kapitel sind bereits in verschiedenen Tintenfarben auf deinem Schreibblock geboren. Also los…. oder wurdest du bereits zur Geheimhaltung deiner Aussendienst-Tätigkeit verpflichtet 🙂 🙂

    1. Hahaha…danke Hans. Das mit den verschiedenen Tintenfarben weisst du also noch :-). Auch in meinem Kopf läuft der Film sehr farbig ud lebhaft. Doch unterdessen machen meine Hauptpersonen bereits was sie wollen und es ist nicht einfach mit ihnen Schritt zu halten. Deine Ermutigung tut mir jedoch sehr gut und gibt mir den nötigen „Schupf“. Danke 🙂

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