Auf eigenen Beinen

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Als ich nach der Trennung  völlig aufgewühlt nach Hause gekommen war, erlaubte ich mir endlich, meine Gefühle mit voller Wucht zu spüren. Ich weinte die ganze erste Nacht hindurch. Ich weinte um unsere Ehe, um unsere Träume von einem glücklichen Familienleben, um unseren unerfüllten Kinderwunsch und die Ironie des Schicksals, dass er sich ausgerechnet jetzt noch erfüllen sollte. Ich weinte beim Gedanken daran, wie viele Abende ich allein oder in schlechter Stimmung mit Paul zusammen in dieser Wohnung verbracht hatte, statt auszugehen und Spass zu haben wie meine Freundinnen. Wie wenig hatte ich in den letzten Jahren gelacht, wie sehr hatte ich mich verloren. Unsere gegenseitige Lieblosigkeit machte mich tieftraurig, wie auch die Tatsache, dass ich nicht entschlossener für meine eigene Selbständigkeit gekämpft hatte. „Wir hätten uns mehr streiten sollen, ich hätte zumindest auf einer Teilzeitarbeit für mich bestehen müssen“, dachte ich, doch ich wusste, dass Paul Konfrontationen und Beziehungsgespräche jeglicher Art hasste und jedes Mal ausgewichen oder davongelaufen war. Zu jener Zeit war es noch üblich, dass man Eheprobleme gegen aussen tunlichst versteckte und überspielte. Niemand hatte gewusst, wie es bei uns aussah, nicht einmal meine Familie und schon gar nicht meine Freundinnen.

Es war absolut nicht so, dass ich Paul allein die Schuld am Scheitern unserer Ehe gab. Ich hatte mir ebenfalls keine Mühe mehr gegeben und mich mit Dingen abgefunden, die man nicht anstehen lassen darf, wenn eine Beziehung Zukunft haben soll. Genau genommen hatte ich, mit meinen Malstunden und dem verheimlichten Geld, ebenso ein Doppelleben geführt wie er.

Die Schwangerschaft änderte meine Einstellungen von Grund auf. Als es Tag wurde, versprach ich meinem ungeborenen Kind, dass ich in Zukunft kompromisslos zu mir, zu uns zwei, stehen würde. Leider würde ich von Paul finanzielle Hilfe verlangen müssen, zumindest für die ersten Jahre. Ich hätte es so gern allein geschafft, doch wie, ohne eigenes Geld? Nie wieder, so schwor ich mir und meinem ungeborenen Kind, während es draussen langsam hell wurde; nie wieder würde ich mich in eine solche finanzielle Abhängigkeit begeben.

Sobald am nächsten Morgen die schlimmste Übelkeit nachgelassen hatte, holte ich Geld in meinem Atelier und ging zu einem Coiffeursalon, an dessen Türe ich das Schild „Ohne Voranmeldung“ bemerkt hatte. Ein junger Mann bediente mich. Er fasste mit beiden Händen in meine langen Haare, hob sie vom Gesicht weg und drehte die Locken um seine Finger. Ich hatte eigentlich schönes Haar, damals noch aschblond, doch leider war es schon immer fein, fisselig und schlecht frisierbar gewesen. „Du könntest sowieso erst am Nachmittag arbeiten“, scherzte Paul jeweils, „schliesslich brauchst du den Vormittag für deine Frisur.“ Und doch liebte er meine langen Haare so sehr, dass ich es jeweils kaum wagte, auch nur die Spitzen schneiden zu lassen. „Was kann ich heute für Sie tun?“ fragte der junge Haarkünstler. Ich holte tief Luft und sagte mit fester Stimme: „Schneiden bitte. Ganz kurz.“ Er schaute mich erstaunt an. „Sind Sie sicher?“ Ich nickte, hielt jedoch die Augen geschlossen als er, nach nochmaliger Rückfrage, die Schere ansetzte. Er hatte mir ein Frisurenmagazin angeboten, damit ich einen Haarschnitt aussuchen könne, doch ich hatte versichert, ich überlasse es ganz ihm. „Ich möchte stark und selbstbewusst aussehen“, war alles, was ich ihm als Instruktion gab und er hatte genickt.

Nun, ich sah zumindest sehr verändert aus. Am Anfang erschrak ich jedes Mal, wenn ich mich zufällig in einem Schaufenster oder Spiegel entdeckte. Da ich klein bin, hatte ich mit den langen Haaren eher püppchenhaft ausgesehen. Nun wirkte ich ganz anders, jungenhaft, fast androgyn. „Gut, zumindest dies wird sich ändern“, dachte ich amüsiert und versuchte, meinen Bauch weit heraus zu strecken. Zwar hatte ich keine Ahnung, wie ich mein Leben jetzt auf die Reihe kriegen sollte, doch ich versprach dem Winzling in mir, dass ich es schaffen würde und dass es ihm an nichts fehlen sollte.

Ich sah Paul erst am Tag der Scheidung wieder. Er hatte mich kaum erkannt mit der neuen Frisur, starrte mich an und öffnete und schloss seinen Mund ein paar Mal, bevor er offenbar entschied, gar nichts zu sagen.  Seine Freundin war bei ihm und wartete später im Korridor. Wir zwei würdigten uns keines Blickes. Paul trat sehr selbstbewusst auf. „Nur damit du es weisst“, zischte er mir zu, als wir vor dem Zimmer warten mussten, „wenn dies hier vorüber ist, gehe ich mit ihr auf eine Weltreise. Ich lege ein Sabbatical Jahr ein. Falls du Unterhaltszahlungen erwartest, kannst du ja versuchen, mich zu betreiben. Wenn du mich findest, heisst das. Geh besser gleich arbeiten, das wolltest du doch schon immer.“ Nun kam mein Moment. Den hatte ich mir trotz aller Selbstkritik verdient. „Ach weisst du“, sagte ich harmlos lächelnd, „ zumindest die Kinderalimente bekomme ich von der Gemeinde bevorschusst. Die haben ihre Wege, das Geld von dir zurück zu fordern, da muss ich mir überhaupt keine  Gedanken machen. Sehen wir also zu, dass diese Abfindung schön grosszügig ausfällt. Vielleicht überlegst du dir eine Einmalzahlung, damit du ohne Schulden auf deine Weltreise gehen kannst?“ Er rollte mit den Augen, schnaubte verächtlich und schüttelte den Kopf. „Kinderalimente?! Guter Versuch. Du schreckst wohl vor nichts zurück. Willst du etwa eine Schwangerschaft vortäuschen? Und was machst du in ein paar Monaten, willst du dann ein Kind vortäuschen? Oder stiehlst du eines? Was sind deine Pläne?! Da hast du wohl etwas nicht bis zum Ende durchgedacht.“ Genau in dem Moment wurden wir in den Raum gerufen. Ich ging vor Paul durch die Türe und schwenkte noch kurz ein Couvert vor seiner Nase. „Arzt Attest“, sagte ich kurz. Er packte mich am Arm und sah nun gar nicht mehr selbstsicher, sondern richtiggehend erschüttert aus. „Willst du mir etwa ein Kind unterschieben? Bist du wirklich schwanger? Von wem?“ Ich schaute ihm in die Augen. „Du darfst jederzeit gern einen Vaterschaftstest machen“, sagte ich knapp, „ auf deine Kosten natürlich.“

Daraufhin wurden wir schnell und ohne grosse Diskussionen geschieden. Paul war bleich und ruhig geworden. Im Jahr 1990 musste man als Kläger oder Klägerin noch Gründe für den Scheidungswunsch angeben und sozusagen öffentlich schmutzige Wäsche waschen, damit der „schuldige“ und der „unschuldige“ Ehepartner ermittelt werden konnte. Als ich nach meinen Gründen gefragt wurde, sagte ich: „Unüberbrückbare Differenzen“ und schaute Paul dabei unverwandt an. Er verstand, was ich ihm wortlos sagen wollte, nämlich: „Sag ja zu grosszügigen Alimenten und mach‘ mir keine Schwierigkeiten, dann lasse ich die Fotos von meinem blauen Auge in der Tasche und die Freundin bleibt unerwähnt.“ Er senkte seinen Blick und stimmte mehr oder weniger jedem Vorschlag des Richters zu. Als die Verhandlung fertig war, ging er schnell aus dem Zimmer, legte den Arm um seine Freundin und verliess mit ihr das Gebäude, ohne sich noch einmal umzusehen. Ich ging langsam hinterher, strich über die noch kaum fühlbare Wölbung meines Bauches und flüsterte: „Das haben wir nicht schlecht hingekriegt, mein Kleines.“

Ein paar Monate später brachte ich einen wunderschönen kleinen Jungen mit ernstem Engelsgesichtchen zur Welt. Ich nannte ihn Cedric, ein Name, den Paul verabscheut hätte. Er hatte sich immer einen Paul Junior gewünscht, das war so Tradition in seiner Familie und hätte garantiert zu viel Streit geführt, hätten wir während der Ehe einen Sohn gehabt. Timo war jedoch nicht der einzige, der  einen Wunschnamen, in seinem Fall für Buddy, in einem Kinderbuch gefunden hatte. Mir hatte die Hauptfigur in „Der kleine Lord“, Cedric Fauntleroy, immer riesig Eindruck gemacht. Als Kind wünschte ich ihn mir sehnlichst als Bruder. Der Name gefällt mir heute noch und ein anderer wollte mir partout nicht in den Sinn kommen.

Mein Sohn ist mein Licht, mein Leben, mein Stern; doch nicht einmal ich hätte ihn früher je „Sonnenschein“ genannt. Er war ein kluges Kind, genauer gesagt, ein ziemlich altkluges. Man konnte wunderbar mit ihm diskutieren und früh schon philosophieren. Er wälzte bereits als kleiner Junge wichtige Gedanken in seinem Kopf und schaute oft ernsthaft und nachdenklich in die Welt. Ich fand ihn bezaubernd. Doch wenn ich die anderen Kinder beobachtete, wie sie spielten und tobten, lachten und Blödsinn machten, war mir klar, dass mein kleiner Ceddie viel zu ernst war für sein Alter. Es war nicht mal so, dass ihn die  Kinder nicht gemocht hätten, er wurde weder gehänselt noch gemobbt. Die andern schauten im Gegenteil eher zu ihm hoch. Dennoch gehörte er nie richtig dazu.

Ich versuchte oft, etwas Spass und Freude in unser Leben zu tragen, doch mein Sohn war nur schwer zum Lachen zu bringen. Spontane Heiterkeit erlebte ich bei ihm selten. Die erfolglosen Versuche machten mich müde, vor allem, als ich nach den Babyjahren eine Teilzeitstelle angenommen hatte. Sein höfliches, distanziertes Lächeln, wenn ich versucht hatte, lustig oder gar albern zu sein, beleidigte mich und machte mich traurig. Eine alleinerziehende Mutter zu sein war ohnehin viel, viel schwieriger, als ich es mir ausgemalt hatte. Ohne die Hilfe meiner Familie hätte ich es nicht geschafft. Auch wenn ich zumindest am Anfang keine finanziellen Schwierigkeiten hatte, hätte ich alles darum gegeben, die unvermeidlichen Ängste und Sorgen spontan mit jemandem teilen zu können. Oder sich in durchwachten Nächten, wenn Ceddie zahnte oder krank war, abwechseln zu können. Auch die vielen schönen Momente hätte ein anwesender, stolzer Vater bestimmt noch schöner gemacht, oder so dachte ich zumindest manchmal sehnsüchtig. Nicht dass ich die Scheidung je bereut hätte. Paul hatte kommentarlos seine Unterhaltszahlungen geleistet bevor er auf Weltreise ging. Seither hatten wir keinen Kontakt mehr.

Wenigstens konnte ich meiner Mutter und den Schwestern von Cedrics Besessenheit von Architektur, Häusern und Bauten erzählen. Während seine Kollegen Fussball spielten, streifte mein Sohn durch die Stadt und bewunderte alte Gebäude. Von klein auf zeichnete er fantasievolle Pläne für neue Städte und Gartenanlagen. Als er in die Pubertät kam, lag er mir monatelang in den Ohren wegen eines Computers, die damals noch nicht so selbstverständlich zu jedem Haushalt gehörten wie heute. Schliesslich legten wir alle zusammen und schenkten ihm einen auf Weihnachten. Für einmal sah ich Cedrics Augen leuchten, er tanzte sogar vor Freude. Dann setzte er sich vor die Kiste und, so scheint es mir rückblickend, bewegte sich kaum mehr davon weg in den nächsten Jahren. Wenn ich mit ihm reden wollte, liess er mich immer spüren, dass ich ihn gerade bei etwas sehr Wichtigem störte. Natürlich hing dies auch mit seinem Alter zusammen. Doch mich erschreckte es bis aufs Mark. Hatte ich früher neben meinem Mann her gelebt ohne richtige Gespräche, lebte ich jetzt auf die gleiche Art neben unserem Sohn her.

Fast über Nacht war Cedric in die Höhe geschossen, er, der immer der Kleinste und Dünnste seiner Klasse gewesen war. Noch mit 10 Jahren hatte er mir sehr geglichen mit seinem zarten Körperbau, den aschblonden Haaren und den grauen Augen. Nun wurde er immer mehr zum Abbild seines Vaters, was mich sehr irritierte. Seine Haare und sogar seine Haut wurden dunkler. Sein Gesicht bekam einen härteren Ausdruck, die Augen verloren die kindliche Arglosigkeit und schauten jetzt oft misstrauisch in die Welt.

Es hatte niemanden überrascht, dass Cedric Hochbauzeichner werden wollte. Er ging auf in seinem Beruf, doch privat wurde er immer mehr zum Eigenbrötler. Ich hatte den Zugang zu ihm verloren. Die Tatsache, dass ich mich mit Computern nicht auskannte, machte mich in seinen Augen zur ungeeigneten Gesprächspartnerin. Natürlich war ich froh, dass mein Sohn sich nicht herumtrieb, keine Drogen nahm und offenbar keinen Alkohol trank, dennoch machte ich mir Sorgen um ihn. Meine ältere Schwester hatte vorsichtig angedeutet, dass Cedric homosexuell sein könnte, da er offenbar auch kein Interesse am Ausgehen mit Mädchen zeigte. Zwar kamen wirklich ab und zu Kollegen auf Besuch, doch die Zimmertür stand immer offen und die intensiven Diskussionen drehten sich offenbar stets um Computerprobleme. „Alles Nerds“, hatte  Anja schulterzuckend gesagt und ich hatte mich nicht getraut zu fragen, was sie damit meinte.

Meine Arbeit in einem Laden für Zeichenbedarf machte mir Spass. Doch durch die langen Stunden und das viele Stehen war ich oft sehr müde. Ich verstaute meine eigenen Malsachen auf dem Estrich. Wenn ich den ganzen Tag lang über Stifte, Farben und Papier geredet hatte, wollte ich wenigstens am Abend an etwas anderes denken. Gern hätte ich Cedric von meinem Arbeitstag erzählt, von unserem cholerischen Chef zum Beispiel und der Zeichensprache, die wir Mitarbeiterinnen untereinander benutzten, um uns gefahrlos austauschen zu können. Doch Cedric hatte sich unterdessen ein Handy gekauft und war ständig damit beschäftigt. Als ich dies bei Tisch verbot, ass er trotzig, ohne ein Wort zu sprechen und ohne einmal den Blick vom Teller zu heben. Ich schob solche Vorkommnisse noch auf die Pubertät, als Cedric, genau betrachtet, längst aus diesem Alter heraus war. Vielleicht sagte ich es mir aus Selbstschutz. Nach Abschluss der Lehre blieb er, wohl aus Bequemlichkeit, weiterhin bei mir wohnen. Ich wollte ihn nicht wegschicken, obwohl er unterdessen ganz gut verdiente. Doch als mir eines Tages ein bitterer Zug um seinen Mund auffiel, sank mein Herz.

Ich hatte nicht nur Pauls kalte, distanzierte Art noch gut in Erinnerung, sondern auch seine wundersame und plötzliche Veränderung später. Als Cedric 23 Jahre alt wurde, passierte dasselbe über Nacht bei ihm. Ich erkannte die Anzeichen sofort wieder. Entspannte Gesichtszüge, häufiges Lächeln, selbst längere Gespräche waren wieder möglich. Am Anfang hielt ich jedes Mal die Luft an, wenn ich ihn heimkommen hörte, und atmete auf, wenn er immer noch gut gelaunt war. „Es hält, was immer es ist“, jubelte ich innerlich. Eines Abends, ich war gerade beim Kochen, fing mein Sohn doch tatsächlich an zu pfeifen, während er aus eigenem Antrieb den Tisch deckte. Ich fasste Mut.  „Und wann stellst du mir deine Freundin vor?“ fragte ich, ohne ihn anzusehen. Das Spaghetti Wasser benötigte genau in diesem Moment zwingend Beobachtung. Erst blieb es ruhig im Raum. Ich bereute mein Vorpreschen bereits, als Cedric zu lachen begann. „Ich weiss nicht, wie Mütter das machen. Ist dies die berühmte weibliche Intuition? Gut, ich bringe sie am Wochenende mit nach Hause, damit ihr euch kennen lernen könnt.“

So trat Angelita in mein Leben. Eine grosse, fröhliche, laute und liebevolle Italienerin mit langem, lockigem Haar, die für ein Jahr als Austauschstudentin in Zürich war. Unsere Wohnung füllte sich schlagartig mit Lachen und mit Leben. Da Angelita in einem kargen Studentenzimmer wohnte, war sie bald fast nur noch bei uns. Cedric und ich liebten sie gleichermassen. Sie brachte alles mit, was uns beiden gefehlt hatte. Mit ihr war es einfach, fröhlich und übermütig zu sein. Ich nannte sie Engel und sie mich Mamita. Mit Angelita im Haus war es unmöglich, trüben Gedanken nachzuhängen. Wenn ich müde heimkam, drehte sie die Musik auf und wirbelte mich durch die Zimmer. Sie war mein Sonnenschein, meine Wahltochter, meine Freundin. Wir gingen zusammen einkaufen und kochten zusammen. Wir machten uns gegenseitig die Haare und die Nägel. Angelita hinterliess überall kleine Zettel für Cedric und für mich. So klebte zum Beispiel ein Post- it mit  „Ciao Mamita, hab‘ schönen Tag“, am Badezimmerspiegel, oder eines mit „Gute Nacht, sogni d’oro“ auf meinem Kopfkissen. Einmal öffnete ich die Zuckerdose und da lag ein kleines Kärtchen obenauf: „Du bist so süss wie Zucker, Mamita.“

Es war die glücklichste Zeit meines Lebens. Cedric war aufgeblüht, ich erkannte meinen Sohn nicht wieder. Hätte ich Angelita nicht so sehr geliebt, wäre ich vielleicht ein wenig eifersüchtig oder verletzt gewesen beim Gedanken, dass alles, was ich versucht hatte, um ihn glücklich zu machen, mehr oder weniger an ihm abgeprallt war. Doch so freute ich mich, dass ich seine liebevolle, entspannte Seite überhaupt erleben durfte und war Angelita sehr dankbar. Ich dachte an Paul und das strahlende Lächeln, mit dem er damals die Freundin begrüsst hatte im Restaurant. Doch diese Wunde war verheilt und schmerzte nicht mehr wirklich.

Es dauerte nur ein paar Monate und Angelita war schwanger. Sie konnte es nicht lange geheim halten, denn sie musste sich von Anfang an sehr häufig übergeben. Ich war bestürzt. Hätte ich mit diesen jungen Erwachsenen etwa noch über Verhütung sprechen müssen?! Doch beide versicherten mir, dass sie sich Kinder gewünscht hätten, allerdings sei es ein bisschen früher passiert als geplant. „Ich will viele Kinder, wie meine Schwestern und Cousinen“, versicherte Angelita, obwohl die Schwangerschaft sie sehr mitnahm. Sie konnte nicht mehr zur Schule gehen. Das Erbrechen hörte nicht auf und wurde schliesslich unstillbar. Angelita musste ein paar Tage im Spital bleiben und bekam Infusionen. Wie ich nach und nach hörte, lag nicht nur der Wunsch nach vielen Kindern in ihrer Familie, sondern auch die Tendenz zu schwierigen Schwangerschaften.

„Meine Mama kennt sich mit jeder Komplikation aus, das ist doch gut für mich und das Baby“, sagte mein Engel drei Tage später am Telefon. „Bitte Mamita, sei nicht traurig. Komm uns ganz oft besuchen.“ Da war sie bereits unterwegs nach Rom mit ihrer Mutter, die kurzerhand beschlossen hatte, ihre Tochter nach Hause zu holen. Ich wusste, dass dies das Beste war für Angelita und gönnte ihr die Pflege und Aufmerksamkeit von ihrer grossen Familie, doch ich vermisste sie so sehr. Cedric liess sich intern versetzen und bekam Aufgaben, die er grösstenteils übers Internet erledigen konnte. Bald reiste er ebenfalls nach Italien. „Mein Kind soll auf gar keinen Fall ohne Vater aufwachsen wie ich“, sagte er, wahrscheinlich ohne mich bewusst verletzen zu wollen. Wenn ich nun abends nach Hause kam, setzte ich mich meistens aufs Sofa und lauschte ungläubig der Stille. Es war alles so schnell gegangen. Ich fand weiterhin kleine Zettelchen, die Angelita für mich versteckt hatte. Im Bad lagen noch ihre Haarspangen. Ich glaubte, überall ihr Parfum zu riechen. Natürlich vermisste ich auch meinen Sohn, der in letzter Zeit so zugänglich gewesen war. Beide fehlten mir sehr. Doch wenn ich allzu traurig wurde, bekam ich umgehend ein schlechtes Gewissen. Ich wollte ja das Beste für die kleine Familie und dies war sicher die optimale Lösung.

7 Monate später kam Sofia zur Welt. Sie war gesund und, wie ich auf den Fotos sehen konnte, wunderschön. Angelita war dünn geworden im Gesicht, doch sie strahlte. „Alles gut gegangen, Mamita“, sagte sie am Telefon, „komm uns bald besuchen!“ Zwei Monate später flog ich nach Rom. Vorher hatte ich keinen Urlaub bekommen im Geschäft. Es war Sommerferienzeit und alle Kolleginnen mit Schulkindern hatten Priorität. Nach der Kälte der Flugzeug  Klimaanlage  erschlug mich die Hitze in Italien fast. Cedric holte mich mit dem Familienauto ab.  Er war braun geworden und sprach recht gut italienisch. Ich staunte, wie sicher und ruhig er durch diese Riesenstadt fuhr, trotz Stau, dichtestem Verkehr und viel Huperei. Es schien mir alles sehr laut hier.

Die Castanos wohnten in einem grossen, malerischen, wenn auch leicht herunter gekommenen Haus mit riesigem Garten. Ich weiss bis heute nicht, wie viele Personen dort eigentlich lebten. Jedenfalls viele! Und wer nicht dort wohnte, kam täglich zu Besuch. Es war ein ständiges Kommen und Gehen, fröhlich, laut, chaotisch. Wir verbrachten viele Stunden am Esstisch, die Mama trug Gang um Gang auf. Leider verstand ich nur wenig Italienisch. Angelita und Cedric gaben sich Mühe, deutsch mit mir zu sprechen, doch im allgemeinen grossen Palaver vergassen sie es immer wieder und fielen zurück ins Italienische. Alle waren sehr herzlich zu mir, doch mich ermüdeten der Lärm und das viele Reden und Lachen, da ich meistens nichts verstand und nur schweigend daneben sitzen konnte.

Meine kleine Enkeltochter durfte ich kaum einen Moment für mich allein geniessen. Wenn ich sie endlich auf dem Arm hatte, zupfte mich garantiert schon bald jemand aus der grossen Familie am Ärmel: „Posso?“ Und ich konnte nicht einmal erklären, dass ich die Kleine so gern noch etwas länger festhalten wollte. Ich versuchte mir alles einzuprägen: ihren Duft, ihr feines flaumiges Haar, ihr süsses Gesichtchen. Ich war hingerissen von ihr und wollte sie nie mehr loslassen.

Am letzten Abend beobachtete ich das fröhliche Treiben im Esszimmer vom Garten aus. Da wurde viel geneckt und gelacht, die Kinder rannten um den Tisch herum und die Erwachsenen diskutierten lauthals, was für mich immer wie Streiten tönte. Alle halfen irgendwie beim Kochen mit oder standen zumindest im Weg herum. Angelita lehnte mit Sofia im Arm am Türrahmen, Cedric hielt beide liebevoll und beschützend fest. Mama referierte gerade aufgeregt über irgendetwas, gestikulierte wild dazu und schwenkte den Kochlöffel. Sie kleckerte schwungvoll über den ganzen Tisch. Alle lachten.

Da war sie, die Familie, die ich mir immer gewünscht hatte. Nur gehörte ich nicht wirklich dazu.

Ich war bereit gewesen für die Konfrontation mit meinen Erinnerungen, doch nun wurde ich von den widersprüchlichsten Gefühlen überwältigt. Ich packte alles bis auf meine Malsachen wieder in die Kartons. Dann griff ich nochmals hinein und wühlte herum, bis ich es gefunden hatte, das kleine Kärtchen. Ich nahm es mit in die Wohnung und klebte es an den Spiegel im Bad: „Du bist so süss wie Zucker, Mamita.“

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