Bleibt nichts, wie es war?

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Ich ging Gian-Luca auf der Treppe entgegen und drückte im Vorbeigehen Erna die Kissen in den Arm. Sie öffnete den Mund, wohl um etwas zu fragen, doch ich sagte nur kurz: „Jetzt nicht bitte!“ und wandte mich Timos Vater zu. „Ich nehme an, dass du mich meinst?“ Er nickte, offensichtlich erleichtert, von meiner neugierigen Nachbarin wegzukommen. „Ist etwas passiert?“ fragte ich, plötzlich alarmiert, doch Gian-Luca schüttelte bloss den Kopf und machte beruhigende Gesten mit den Händen. „Nun sag schon was“, dachte ich ungeduldig. Ich hatte überhaupt keine Lust, ihn um diese Zeit in meine Wohnung mitzunehmen, zudem war ich überzeugt, dass Timo nicht ahnte, dass sein Vater mich aufsuchte. Gian-Luca wirkte unbehaglich und warf Erna finstere Blicke zu, doch diese lehnte erwartungsvoll an der Wand, die Arme vor der Brust verschränkt. So standen wir alle abwartend da, als einen Moment später die Haustüre unten geöffnet wurde und wir Schritte hörten auf der Treppe. Zu meiner Erleichterung kam Cedric nach Hause. Erstaunt musterte er unsere kleine Dreiergruppe. „Was ist denn hier los? Brauchst du Hilfe, Mama?“ Offenbar hatte er die angespannte Stimmung richtig gedeutet. Ernas Gesicht hingegen hatte bei seinem Anblick aufgeleuchtet, offenbar hoffte sie auf ein interessantes Abendprogramm direkt vor ihrer Wohnungstüre. Innerlich seufzend gab ich auf und stellte die drei einander kurz vor. „Ich nehme an, dass Gian-Luca etwas mit mir besprechen will“, bemerkte ich, bevor ich die Treppe hoch zurück in meine Wohnung ging. Dieser nickte und die beiden Männer folgten mir.

Während ich Bella in der Küche gefüttert hatte, war es ruhig geblieben im Wohnzimmer. Gian-Luca hätte ganz offenbar gern mit mir allein gesprochen. Er sah aus, als ob er gleich platzen würde und ging nervös hin und her. Cedric lehnte sich in seinem Sessel zurück und machte ohne Worte klar, dass er nicht im Sinn hatte, sich zurückzuziehen. „Du bist nicht mit dem Auto hier, oder?“ fragte ich Timos Vater. Ich hatte plötzlich die Idee gehabt, dass vielleicht ein klein wenig Alkohol Gian-Lucas Zunge lösen könnte und nahm die noch ungeöffnete Flasche Zwetschgenschnaps, die mir meine Freundin Britta einst geschenkt hatte, aus dem Schrank. „Du musst allerdings wissen“, hatte sie mich gewarnt, „er könnte stark sein. Mein Nachbar, der Bio-Bauer, hat ihn selbst gebrannt.“ Seit Britta aufs Land gezogen war und eine Familie gegründet hatte, sah ich sie leider nicht mehr oft. War sie früher mit ihren eigenen Kindern beschäftigt, so hütete sie jetzt hingebungsvoll die Enkelkinder. Seit wir beide Internet und Smartphones besassen, war unser Kontakt zwar wieder reger geworden, doch wir trafen uns nur noch selten.

„Doch“, sagte Gian-Luca, „mein Auto steht vor dem Haus und Buddy wartet drinnen auf mich. Ich will dich nicht lange stören.“ Ich stellte die Flasche zurück auf den Küchentisch und setzte mich ins Wohnzimmer zu den beiden Männern. „Dawn und Timo wissen nicht, dass ich hier bin und ich möchte auch nicht, dass sie es erfahren“, fing er an. „Sie denken, ich ginge mit Buddy spazieren.“ Dies hatte ich erwartet und nickte bloss. „Ob ich mich daran halten werde, hängt ganz davon ab, was du mir erzählst“, dachte ich. Gian-Luca setzte sich endlich hin und nahm zwei oder drei Seiten zusammengefaltetes Papier aus der Kitteltasche. „Du musst mit Ramona, ich meine Mona, sprechen“, stiess er schliesslich heftig hervor, zu mir gewandt. „Ich weiss nicht, wen ich sonst darum bitten könnte.“ Nach Bitte hat dies nun nicht gerade getönt, dachte ich verstimmt, und laut sagte ich: „Ich bin nicht Monas Freundin, falls du da etwas falsch verstanden hast. Im Gegenteil, ein persönliches Gespräch mit ihr finde ich etwa so erfreulich wie einen Zahnarztbesuch. Einmal alle 12 Monate reicht vollkommen und somit habe ich beides für dieses Jahr bereits hinter mir.“ Gian-Luca trommelte nervös mit den Fingern auf den Kaffeetisch und überhörte meinen Einwand geflissentlich. „Sie hat dies hier gestern Nacht geschrieben. Es ist der Brief, den sie mir für Dawn mitgeben will. Ich habe darauf bestanden, dass sie meiner Frau selbst erklärt, weshalb sie uns alle so verarscht hat in den letzten Monaten.“ Ich schaute demonstrativ auf die Uhr: „Dann ist doch alles in Ordnung, oder nicht?“ Timos Vater wirkte plötzlich kleinlaut, als er murmelte: „Eben nicht. Das Problem ist….“ Wieder schaute er meinen Sohn an, als ob er ihn gern wie von Zauberhand verschwinden lassen würde, doch der setzte sich interessiert auf und warf mir einen schnellen Blick zu. „Ich erzähle dir die Vorgeschichte dazu später, Cedric“, sagte ich und zu Gian-Luca: „Ich habe keine Geheimnisse vor meinem Sohn. Doch ich bin müde und möchte ins Bett. Also…?“

Und so erfuhren wir, dass Mona noch einen Trumpf im Ärmel versteckt hatte. Sie war offenbar entschlossen, reinen Tisch zu machen und Dawn alles zu erzählen, auch wie es zu ihrer Schwangerschaft, dem Fremdgehen und der Trennung von damals gekommen war. Zudem wollte sie Dawn verraten, dass ihr Ehemann eine heftige Affäre mit einer ehemaligen Nachbarin gehabt hatte. „Natürlich bevor ich Dawn kennen lernte“, versicherte Gian-Luca schnell auf meinen verblüfften Blick hin. „Es begann gleich, nachdem ich von Monas Fremdgehen erfahren hatte und war zuerst wohl eine Art kindischer Rache. Diese Marisella hatte schon lange ein Auge auf mich geworfen, dies nutzte ich aus.“ „Du hast es Dawn nie erzählt“, kombinierte ich. „Warum nicht, wenn diese Beziehung wirklich beendet war, als ihr beide zusammen kamt?“ „Diese…Beziehung, wie du es nennst, war…wie soll ich sagen…na ja, mehr auf der körperlichen Ebene und ziemlich leidenschaftlich. Marisella hatte sich damals soeben von ihrem Mann getrennt und da sie seine Eifersucht fürchtete, trafen wir uns nur heimlich. Sie war eine heissblütige, sexy Latina…“ Unwillkürlich lächelte Gian-Luca mit anerkennender Miene bei dem Gedanken, hatte sich jedoch sogleich wieder unter Kontrolle. „Ich musste mir die Zeit für sie stehlen, da Mona bereits ausgezogen war und meine Mutter und ich gemeinsam zu Timo schauten. Nach dem erlebten Verrat war Marisellas unverblümtes Verlangen Balsam für meine Seele. Bald war ich ihr total verfallen und drängte sie nach kurzer Zeit, ihren Ehemann vor vollendete Tatsachen zu stellen und sich zu mir und meinem Sohn zu bekennen. Doch sie dachte nicht im Traum daran. Ihr gefiel ihre neue Unabhängigkeit. ‚Ich werde nie wieder für einen Mann Socken waschen oder putzen, ich will nur noch die schönen Seiten einer Liebe geniessen. Windeln wechseln gehört definitiv nicht dazu‘, war ihre Antwort. In ihrer grossen Familie und Verwandtschaft gab es bereits viele Kleinkinder, die sie manchmal hütete, dies reichte ihr vollkommen. Ich glaube nicht, dass sie andere Männer hatte, sie war ziemlich verrückt nach mir…“ Wieder schmunzelte Gian-Luca einen Moment lang bei der Erinnerung. Ich räusperte mich und er fuhr fort: „Ich versuchte eine ganze Weile lang, sie zu dazu zu bringen, es wenigstens zu versuchen. Doch als ich mir eingestehen musste, dass sie meinen Sohn immer als Störfaktor zwischen uns sehen würde, machte ich schweren Herzens Schluss. Kurz darauf lernte ich Dawn kennen. „Doch du warst immer noch in Marisella verliebt“, vermutete Cedric. „Am Anfang schon“, gab Gian-Luca zu. „Obwohl da sicher mehr Lust als Liebe im Spiel war. Und ich bewunderte Dawn vom ersten Moment an. Dass sie sich für mich interessierte, schien mir wie ein unverdientes Geschenk. Als ich sah, wie sie Timo sofort akzeptierte und sich liebevoll um ihn zu kümmern begann, hätte ich alles getan, um diese Frau nicht wieder zu verlieren. Es dauerte bedeutend länger, bis ich sie wirklich erobert hatte, sie war viel zurückhaltender und reservierter als Marisella. Ich hätte mich nie getraut, ihr von der so kurz zurückliegenden Affäre zu erzählen, und diese neue Liebesgeschichte damit zu gefährden. Ich wollte nicht, dass sie denkt, ich hätte mich nur meines Sohnes wegen für sie entschieden. „Obwohl es so war“, warf Cedric trocken ein. „Nicht wirklich“, wehrte sich Gian-Luca. „Ich fand Dawn von Anfang an wunderschön, faszinierend und sehr begehrenswert. Doch sich emotional von jemandem zu lösen und wieder neu zu verlieben, geht bei mir nicht über Nacht. Dies erklärte ich Dawn sogar und sie verstand es völlig, doch sie münzte es auf Mona und ich berichtigte sie nicht. Dawn ist meine Traumfrau. Sie kämpfte auf ihre eigene Art um mich, indem sie alles für Timo tat und mir damit zeigte, wie ernst es ihr mit uns war. Wir sind nach einer nicht immer einfachen Anfangszeit zusammen sehr glücklich geworden. In den ersten Jahren war sie mir manchmal zu reserviert und ich ihr zu emotional und zu stürmisch, doch unterdessen hat sich dies ausgeglichen.“ „Und Marisella?“ fragte ich. „Da sie ihre Meinung nicht änderte, musste sie meine Entscheidung wohl oder übel akzeptieren. Als sie jedoch realisierte, dass es bereits eine neue Frau in meinem Leben gab, machte sie mir einige sehr eifersüchtige und emotionale Szenen und hatte meistens verheulte Augen, wenn wir uns zufällig in der Nachbarschaft begegneten. Irgendwann zog sie weg. Darüber war ich sehr erleichtert, hatte ich doch immer befürchtet, sie würde Dawn etwas erzählen.“ Gian-Luca atmete tief durch und bat mich um ein Glas Wasser. Dann fuhr er fort: „Marisella hatte dies auch im Sinn gehabt, doch das weiss ich erst seit heute. Offenbar fing sie Mona nach einem ihrer Besuche bei uns ab, erzählte ihr alles von uns beiden und versuchte, sie mit unwahren Behauptungen gegen Dawn aufzuhetzen. Doch Mona durchschaute sie sofort und glaubte ihr kein Wort. Sie hatte Dawn mit ihrem Sohn zusammen beobachtet und obwohl es ihr das Herz brach, wie sie schreibt, beschloss sie das zu tun, was für Timo am besten war. Ja, sie drehte sogar den Spiess um und drohte Marisella damit, sie in der ganzen Nachbarschaft als Schlampe hinzustellen. Offenbar wusste sie noch ein paar weitere Details aus deren Liebesleben. Dass Mona die ganze Sache bis heute für sich behalten hat, muss ich ihr hoch anrechnen. Doch jetzt findet sie, wenn die Wahrheit auf den Tisch müsse, dann die Ganze. Ohne meine Affäre mit Marisella, so glaubt sie nämlich bis heute, hätten wir beide noch eine Chance gehabt und sie hätte ihren Sohn nicht zurücklassen müssen. Irgendwie verstehe ich sie sogar, doch ich weiss nicht, wie Dawn auf gleich zwei solche Eröffnungen reagieren wird. „Ihr seid ja dann auf Reisen“, gab ich zu bedenken. „Vielleicht nimmt sie es weit weg vom Alltag ziemlich entspannt und sonst habt ihr viel Zeit, darüber zu reden, bis ihr wieder zurück kommt.“ „Das ist es ja“, seufzte Gian-Luca. „Jetzt, wo es ans Packen geht, realisiere ich erst, dass dieser Urlaub mein langgehegter Traum ist, nicht ihrer. Ich glaube, ich überfordere sie damit. Und wenn ich ihr noch mit solchen Enthüllungen komme…“

Wir schwiegen eine ganze Weile lang. Dann fragte ich: „Und was genau sollte ich mit Mona besprechen, Gian-Luca?“ „Ihr sagen, dass sie die Marisella-Geschichte auslassen soll in ihrem Brief und sie allgemein nicht mehr erwähnen….“ Doch Timos Vater merkte wohl selber, dass dies ein illusorischer Wunsch war, denn seine Stimme verlor sich. Offenbar war er ein impulsiver Mensch, der handelte, bevor er lange nachgedacht hatte. Ich fühlte mich plötzlich fürchterlich müde. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich Mona von ihrem Vorhaben abbringen lässt“, sagte ich schliesslich. „Doch es gibt bestimmt eine Lösung. Heute Nacht mag ich jedoch nicht mehr darüber nachdenken. Du solltest jetzt nach Hause gehen, Gian-Luca.“ Als er sich erhob, fügte ich an: „Und vergiss nicht, Timo zu erzählen, dass du bei mir warst. Ich werde ihn morgen danach fragen.“ Gian-Luca drehte sich überrascht zu mir um. „Cosa? Assolutamente no!!“ rutschte ihm vor Überraschung auf Italienisch heraus. Ich stand ebenfalls auf und hielt mich sehr gerade. Ich versuchte, aus meinen knappen ein Meter sechzig herauszuholen, was möglich war, um neben dem grossen und kräftigen Mann selbstbewusst und stark zu wirken. „Du bist mit einer Bitte zu mir gekommen, Gian-Luca“, sagte ich mit fester Stimme. „Und hier gelten meine Regeln. Ich habe mir vorgenommen, keine Geheimnisse mehr vor Timo zu haben, schon gar nicht wegen Mona. Das eine Mal hat mir gereicht.“ „Was soll ich ihm denn sagen?“ fragte Gian-Luca entgeistert und wollte sich wieder setzen. Doch ich stand bereits im Korridor und hielt die Türe auf. „Das kannst du dir auf der Heimfahrt zurechtlegen. Dass du meinen Rat brauchtest für etwas, was du nun zuerst mit deiner Frau ausdiskutieren müsstest zum Beispiel. Timo wird es verstehen. Bleib einfach bei der Wahrheit. Gute Nacht, Gian-Luca.“

Endlich konnte ich die Tür hinter Timos Vater schliessen. „Das sind ja ganz neue, resolute Töne von dir, Mama“, rief Cedric aus der Küche. „Hast du dir vorher kräftig Mut angetrunken?“ Er kam mit der Flasche Zwetschgenschnaps ins Wohnzimmer und prüfte mit zusammengekniffenen Augen scherzhaft den Inhalt. „Ist da überhaupt noch etwas drin? Muss ich mir Sorgen machen?“ „Schau nach, sie ist noch voll“, beruhigte ich ihn lachend. „Zudem stand sie schon länger im Schrank.“ „Sieht nach Eigenbrand aus“, meinte Cedric, öffnete die Flasche und roch mit Kennermiene am Inhalt. „Nehmen wir ein Glas zusammen?“ Eigentlich war ich unterdessen zu müde dafür, doch gemeinsame Stunden mit meinem Sohn waren selten genug und ich wollte jeden Moment geniessen. Wir setzten uns mit der Flasche und kleinen Gläsern ins Wohnzimmer. Sofort spürte ich den Alkohol warm durch meinen Körper fliessen. Er entspannte mich und so protestierte ich nur halbherzig, als Cedric uns das zweite Glas einschenkte. „Wie war es eigentlich für dich, eine alleinerziehende Mutter zu sein?“ fragte mein Sohn plötzlich und zum ersten Mal konnte ich mit ihm, unterdessen erwachsen und selbst Vater, offen über alles sprechen. Ich hatte immer versucht, Paul nicht schlecht zu machen in seinen Augen, doch nun sprach ich ehrlich über die Turbulenzen und Schwierigkeiten unserer Ehe und erzählte kurz, weshalb sie zu Ende gegangen war. Daraufhin stellte Cedric die Frage, die ich spätestens seit seiner Teenagerzeit eigentlich immer erwartet hatte: „Weisst du, wo mein Vater sich jetzt aufhält?“ „Nein, ich habe nie wieder von ihm gehört, nachdem er seine Abfindung geleistet hatte. Falls du nach ihm suchen möchtest, helfe ich dir selbstverständlich dabei. Es sollte nicht allzu schwierig sein, ihn zu finden. Du musst einfach bedenken…“ ich zögerte und wusste nicht, wie ich es formulieren sollte. Cedric schenkte uns schon wieder ein. „Stopp“, rief ich, „nicht für mich! Ich bin mich starken Alkohol nicht gewöhnt.“ „Eigenbrand macht nicht so schnell betrunken, es ist eine ganz andere Qualität von Schnaps“, versicherte mir Cedric, und tatsächlich fühlte ich mich immer noch klar im Kopf, gleichzeitig gelöster und weniger müde als zuvor. „Also, was muss ich wissen, Mama?“ „Paul hatte wie ich schon lange jede Hoffnung auf Nachwuchs aufgegeben. Ich habe ihn mit der Schwangerschaft völlig überrumpelt und daraufhin die Tatsache für mich ausgenutzt während der Scheidung. Dass er in den ersten Monaten nicht nach dir gefragt hatte, konnte ich verstehen. Damals war er ohnehin im Ausland mit seiner Freundin. Doch als die Jahre vergingen, heilten auch meine Wunden aus der schiefgelaufenen Ehe, und seine bestimmt ebenfalls…“ Wieder wusste ich nicht weiter. „Du willst sagen, wenn es ihn interessiert hätte, sein Kind kennenzulernen, hätte er die Initiative ergriffen.“ „Richtig. Ich hatte eigentlich immer damit gerechnet und es auch gehofft. Ich hätte dir einen anwesenden Vater so sehr gegönnt. Du hast zum Glück nicht oft nach ihm gefragt.“ „Als Kind spürt man, was solche Fragen auslösen und ich wollte dich nicht traurig machen. Doch ich war oft wütend auf diesen unbekannten Vater. Seit ich selbst eine Tochter habe, kann ich seine Reaktion noch weniger begreifen. Angelita könnte mir nichts antun, was mich dazu bringen würde, Sofia zu verlassen.“ „Die Situation ist nicht ganz dieselbe“, gab ich zu bedenken. „Du kanntest deine Tochter vom ersten Augenblick an, warst sogar dabei als sie zur Welt kam. Paul weiss überhaupt nichts von dir, wahrscheinlich nicht einmal, ob er einen Sohn oder eine Tochter hat. Glaub‘ mir, wenn er dich gesehen hätte…“ Mir kamen die Tränen. Vom Alkohol oder weil diese eine Wunde doch noch nicht ganz geschlossen war? Cedric griff nach meiner Hand. „Lass gut sein, Mama. Wir werden ihn finden und uns seine Seite anhören. Er kann kein völlig schlechter Mensch sein, wenn du so lange mit ihm verheiratet warst.“ Dieser ungewohnte Versuch meines Sohnes, mich zu trösten, rührte mich und ich heulte eine weitere Runde, worauf uns Cedric erneut einschenkte. Danach liessen wir die Flasche stehen, doch wir redeten fast die ganze Nacht durch. Noch nie waren wir uns so nah gewesen. Ich erfuhr alles über seine Eifersucht auf die anderen Kinder, die Vater und Mutter hatten und seine Schwierigkeiten während der Pubertät. In dem Alter hatte er sich einen Vater ausgemalt, der technisch bewandert war und seine Liebe zu IT und Architektur teilte. In seiner Vorstellung war dieser Mensch perfekt in jeder Beziehung, während ich im realen Leben den Alltag bewältigen musste, Regeln aufstellte und ab und zu mit ihm schimpfte. Da er seine Gedanken und Fantasien nicht mit mir teilen konnte, hatte er sich von mir zurückgezogen. Angelita rückte jedoch seinen Kopf zurecht. „Mamita musste deine Pubertät allein durchstehen? Kannst du dir überhaupt vorstellen, was das bedeutet? Da gehst du an manchen Tagen barfuss zur Hölle und wieder zurück. Ich glaube, ich würde meinen Sohn stattdessen bei den Grosseltern abgeben, bis er erwachsen und vernünftig ist.“ Dies glaubte ihr Cedric zwar nicht, doch zum ersten Mal wurde ihm bewusst, dass unsere Situation nicht nur für ihn oft schwierig gewesen war. In der italienischen Grossfamilie sei ihm zudem schnell klar geworden, dass alles seine Vor- und Nachteile hat. „Du warst immer für mich da und hast mich in allem gefördert und unterstützt. Nicht alle Kinder haben so viel Glück, egal, wie viele Personen in einem Haushalt leben“, schloss er liebevoll. Ich erzählte Cedric im Gegenzug zwar nicht meine ganze Ehegeschichte, doch genug, dass er meine Seite begreifen konnte. Als ich ihm schilderte, wie ich die Trennung durchgezogen hatte, war er beeindruckt. „Souverän und wirkungsvoll, das muss ich dir lassen. Das pure Gegenteil eines langen Rosenkrieges.“ Dieses Kompliment freute mich besonders, denn ich hatte mich in den folgenden Jahren ab und zu gefragt, ob ich zu hart gewesen sei und somit schuld, dass mein Sohn ohne Vater aufwachsen musste. Dann kamen wir vom Hundertsten ins Tausendste, redeten über Mona und meine neuen Freunde, über Bella, die jungen Hunde wie auch über Cedrics Arbeit und sein Leben in Rom. Und darüber, wie sich mein Aufenthalt in Italien wohl gestalten würde.

Es dämmerte bereits, als wir zu Bett gingen. Ich hatte mich schon lange nicht mehr so glücklich gefühlt und wachte wenige Stunden später ziemlich ausgeruht wieder auf. Zwar spürte ich die halb durchzechte Nacht, doch von einem Kater konnte man nicht wirklich sprechen. Nach zwei Tassen starken Kaffees war ich wieder voller Tatendrang. Cedric war bereits fort, doch er hatte mir eine Notiz hinterlassen: „Ich treffe heute einen alten Schulfreund und werde danach ein paar Mitbringsel für meine italienische Familie einkaufen. Mein Flug geht kurz vor sieben Uhr abends. Ist ein spätes Mittagessen, etwa um halb drei, in Ordnung für dich?“ Dies erinnerte mich an meine Bestellung beim Hello Vegan Shop, und tatsächlich, das Paket stand bereits im Hauseingang. Alles war liebevoll verpackt und wo nötig mit gefrorenen PET-Fläschchen gekühlt. Als Timo bei mir auftauchte, war die süsse Rahmwähe bereits im Ofen. Als Vorspeise hatten wir eine kalte, erfrischende Gurkensuppe geplant, gefolgt von einem veganen Moussaka. Pasta würde mein Sohn bestimmt genug zu essen bekommen in Italien, war unsere Überlegung. Wir machten uns gleich an die Arbeit und rüsteten die Kartoffeln und das übrige Gemüse. Weder Timo noch ich sagten viel, wir hingen beide unseren Gedanken nach. „Hat dein Vater dir erzählt, dass er gestern hier war?“ fragte ich schliesslich. Timo lachte. „Hat er! Mit einer sehr komplizierten und eher unwahrscheinlich klingenden Erklärung. Doch ich nehme an, es ging um die heisse Nachbarin von früher? Mona will es Dawn erzählen?“ Ich hätte vor Überraschung um ein Haar die Kuchenform fallen gelassen, die ich gerade aus dem heissen Ofen nahm. „Du weisst von Marisella? Wie denn das?“ „Du wirst staunen – ich weiss es von Mom, und zwar schon lange“, grinste Timo. „Als sie damals mit Dad zusammen kam, gab es bekanntlich noch keine Handys. Doch mein Vater hatte einen Festnetzapparat, der die Nummern der einkommenden und ausgehenden Anrufe speicherte. Vermutlich hatte er dies nicht einmal realisiert, doch meine Mutter, technisch immer auf dem neuesten Stand, nutze diese Listen für ihre Rückrufe. Damals lernte man die häufig benötigten Rufnummern gezwungenermassen auswendig oder notierte sie irgendwo, wenn man nicht jedes Mal im Telefonbuch nachschauen wollte. Als Dawn eine Nummer auffiel, die eine Weile lang sehr oft gewählt wurde und von der aus viele Anrufe gekommen waren, erfuhr sie über die Telefonauskunft Mariellas Namen und Adresse. Nun ist Mom von Natur aus eher beherrscht und vernünftig und reagiert selten übermässig emotional, ausser wenn es um Mona geht. Auf manche Leute wirkt sie sogar kühl und unnahbar.“ Ich dachte an Samira, die eine Erkältung befürchtet hatte und musste lächeln. „Dawn kontrollierte die Daten dieser Anrufe“, fuhr Timo fort. „Sie hatten aufgehört, bevor sie meinen Vater kennengelernt hatte. Mom hielt noch längere Zeit Augen und Ohren offen und schaute immer wieder mal auf die Nummernliste, doch nach einiger Zeit war sie überzeugt, dass dies eine Geschichte vor ihrer Zeit gewesen war. Eine Untreue hätte sie meinem Vater nicht verziehen, doch mit seiner Vergangenheit konnte sie leben. Sie sprach ihn nie darauf an. Mir erzählte sie es, als ich in der Pubertät war und meinen ersten Liebeskummer hatte, Eifersucht und Misstrauen inklusive. Dass Marisella weggezogen war, hatte Mom, trotz aller Coolness gegen aussen, doch sehr beruhigt. Auch wenn sie es nicht so zeigen kann, liebt sie meinen Vater über alles.“ In diesem Moment klingelte Timos Telefon. „Mona“, sagt er mit einem Blick aufs Display, doch diesmal nahm er ab. Nach einer ziemlich kühlen Begrüssung hörte er eine Weile wortlos zu. „Weisst du was, Mona“, sagte er schliesslich. „Schreib ihr alles, was du auf dem Herzen hast. Mich musst du nicht im Detail darüber informieren, es geht um euch zwei. Schreib Dawn ruhig von dieser Nachbarin, wenn du das loswerden willst. Mein Vater und sie werden ohnehin viel zu reden haben auf der Reise. Wenn sie zurückkommen, haben sie hoffentlich alles durchgesprochen und geklärt. Dann bringst du nichts Neues mehr, hörst du mich? Was nicht in diesem Brief steht, wirst du nie mehr aufs Tapet bringen, das verlange ich von dir. Also spuck alles aus, schreib es dir von der Seele und lass die beiden nachher in Ruhe, ok? … Ja, du und ich, wir werden uns auch aussprechen. Irgendwann. Lass mir noch etwas Zeit.“ Danach beendete er das Gespräch ziemlich abrupt. „Nicht ganz fair“, fand ich und musste trotzdem schmunzeln. „Du lässt deine leibliche Mutter und deinen Vater unnötigerweise in ihren Zweifeln schmoren.“ „Ich will mich in diese Gespräche nicht einmischen, das würde alles nur noch komplizierter machen“, fand Timo, doch ich sah das Lächeln auf seinen Stockzähnen. Wahrscheinlich dachte er, die beiden hätten es verdient. Dann kam ihm offenbar etwas anderes in den Sinn. Er drehte sich zu mir um und drohte mit gespielter Empörung mit dem Zeigefinger: „Apropos einmischen, Wispy. Wie war das mit Helene? Was für ein unglaublicher Zufall, dass ihr euch im Kino getroffen habt!“ Doch gleich darauf gab er mir grinsend einen Kuss auf die Wange und sagte: „Sie lässt für die Einladung danken und kommt gern ein anderes Mal. Heute muss sie arbeiten.“ Ich lächelte zufrieden vor mich hin.

Cedric genoss das feine Mittagessen sehr, doch ich merkte, wie er zunehmend irritiert zwischen Timo und mir hin und her schaute. „Ich dachte, ihr beide esst vegan? Die Suppe war doch wunderbar cremig und im Moussaka hat es eindeutig Hackfleisch…“ „Richtig, doch nichts davon kommt von Tieren“, sagte ich stolz. „Ich lerne erst jetzt, was alles möglich ist, ohne dass jemand dafür leiden muss. Für mich allein habe ich bisher wenig fantasievoll gekocht, doch das will ich nun ändern. Viele der Rezepte sind schnell nachgemacht und brauchen nur wenige Zutaten.“ Als ich die duftende, goldgelbe Rahmwähe anschnitt, freute sich Cedric wie ein kleines Kind. „Mmh“, kam geniesserisch von ihm, als er beim ersten Bissen die Augen schloss, „fast wie ich sie in Erinnerung hatte. Bloss etwas weniger schwer und üppig, scheint mir, doch darüber bin ich froh nach diesem reichhaltigen Essen.“ Schnell öffnete er die Augen und beobachtete, erstaunt den Kopf schüttelnd, wie wir ebenfalls mit Genuss in die Wähe bissen. „Jetzt veräppelt ihr mich aber, oder? Auch vegan?! Die Rahmwähe?! Du wirst für uns kochen müssen in Italien, Mama. Dafür können wir dich jederzeit auf ein feines Eis einladen, es gibt in allen Gelaterias milchfreies Fruchteis in grosser Auswahl.“

Bevor sich Cedric auf den Weg zum Flughafen machte, sprachen wir noch via Videochat mit Angelita und Sofia. Meine Enkeltochter schien in Rekordzeit zu wachsen, ich freute mich auf die Zeit mir ihr. Angelita sah bleich und mitgenommen aus, doch sie war begeistert, dass ich nach Rom ziehen würde. Ich bedankte mich für die vielen lieben Post-it Mitteilungen, die ich mir aufsparte, indem ich jeweils nur am Morgen und am Abend eines aus der Schachtel nahm zum Lesen. „Wenn du sie durch hast, ist es Zeit zu kommen, Mamita, damit ich sie dir wieder persönlich geben kann“, lachte Angelita und ich schaute schnell zu Bella hinüber. „Denk nicht, dass du wegen Italien bald von mir gehen musst“, flüsterte ich ihr innerlich zu, „ich bleibe bei dir, solange du mich brauchst. Notfalls nehme ich dich mit.“ Bella richtete sich auf und fixierte mich eine Weile lang mit festem Blick. Ich glaube, ich hätte sie verstanden, wenn ich nicht gleichzeitig mit Angelita am Reden gewesen wäre.

Nachdem sich Cedric verabschiedet hatte, fuhren Timo und ich nochmals zur Tierarztpraxis, um die Hundefamilie zu besuchen und Lola und dem Doktor ein wenig zur Hand zu gehen. Sie waren froh um unsere Hilfe, denn sie konnten sich unterdessen nicht mehr über zu wenig Arbeit beklagen. Ihre unkonventionelle Zusammenarbeit und die erfolgreichen Behandlungen hatten sich herumgesprochen. Wir räumten das Wartezimmer und den Empfangsbereich auf, während die beiden sich um die letzte vierbeinige Patientin des Tages kümmerten. „Wir schneiden nur kurz einer alten Katze die Krallen“, rief Lola durch den Türspalt. „Dann sind wir für heute fertig.“ Timo und ich fuhren richtig zusammen, als aus dem Behandlungsraum kurz darauf lautes, hysterisches Kreischen, Fauchen und Knurren ertönte, gefolgt von einer Art heiserem Bellen. Die beruhigenden Stimmen von Lola und dem Doktor gingen unter, für einmal bewirkten gar nichts. Selbst die Besitzerin konnte ihr Tier offenbar nicht beschwichtigen. Das Jaulen steigerte sich im Gegenteil zu einem ohrenbetäubenden Crescendo. „Hat sie Katze oder Löwin gesagt?“ fragte mich Timo. „Denkst du, sie brauchen Hilfe?“ Ich schüttelte den Kopf: „Ich nehme es nicht an. Sie würden uns bestimmt rufen.“ Doch die schrillen, wütenden Schreie und das herzzerreissende Gejaule liessen mir fast das Blut in den Adern stocken. „Wenn diese Mieze nur nicht einen Herzinfarkt erleidet vor lauter Aufregung“, dachte ich und war erleichtert, als sich nach langen Minuten endlich die Türe öffnete und es ruhig wurde. Zuerst kam eine etwas verlegene Kundin mit dem Katzenkorb in den Vorraum. Dahinter Lola. Sie zog sich soeben Schutzhandschuhe aus, die bis über die Ellbogen reichten und sah im Übrigen leicht zerzaust aus. Die Katzenhalterin hielt den Korb in die Höhe: „Ich nenne sie nicht umsonst Greta Garbo, sie ist eine Diva, die sich nichts gefallen lässt“, erklärte sie uns. „Es tut mir leid, dass sie sich so rüpelhaft benommen hat.“ Im Korb sass ein wunderschönes, wenn auch gebrechlich wirkendes schwarz-weisses Kätzchen und putzte sich die Pfoten, als ob es kein Wässerchen trüben könnte. Obwohl die Kleine offensichtlich ziemlich alt war, hielt sie sich sehr stolz und aufrecht. Timo und ich prusteten los. „Dieses winzige Geschöpf hat einen solchen Lärm gemacht?“ fragten wir ungläubig. „Kaum zu glauben, nicht wahr?“ sagte der Doktor, der nun ebenfalls aus dem Zimmer trat. Er sah auch nicht mehr ganz frisch aus und desinfizierte sich einen blutigen Kratzer an der Hand. „Greta Garbo wiegt keine drei Kilogramm, doch sie ist kaum zu bändigen. Erstaunlich ist, dass sie sich jeweils sofort wieder erholt. Normalerweise sind Katzen eine ganze Weile lang verstört, wenn sie sich so aufgeregt haben. Manchen muss ich eine Beruhigungsspritze oder Notfall Tropfen geben für den Heimweg. Nicht dieser Diva hier – die ist bereits wieder ruhiger als wir alle.“ Als die Besitzerin nach dem Bezahlen den Korb aufhob und an uns vorbei ging, sass Greta Garbo so würdevoll darin wie eine Prinzessin in ihrer Sänfte. Kurz vor dem Ausgang drehte sie den Kopf und sah mir direkt in die Augen. „Ich hab’s allen gezeigt“, gurrte sie zufrieden und grinste wie die Katze aus Alice im Wunderland. Ich sah verblüfft zu Timo hin: „Hast du das gehört?“ „Habe ich“, meinte dieser lächelnd. „Doch sie hat mit dir gesprochen. Die Tiere fangen an zu merken, dass du sie verstehst. Du wirst nun immer mehr solche Erfahrungen machen. Ich bin wahnsinnig stolz auf dich.“ Obwohl mich dieses Lob freute, wurde ich gleichzeitig traurig. Bella würde nicht mehr viel von meinen neuen Fähigkeiten haben und Timo würde schon bald meine Fortschritte nicht mehr beobachten können. Die zwei, drei Monate bis zu meiner Abreise würden im Nu vorbei gehen. „Wirst du mich in Rom besuchen?“ fragte ich, als wir später vor Destinys Lager kauerten und dem Gewusel ihrer Babys zuschauten, doch er antwortete nicht. Ich streichelte sanft den Bauch des kleinen Nachzüglers, der es mir am meisten angetan hatte. „Na, Benjamin“, fragte ich ihn, „trinkst du auch immer schön jetzt, damit du gross und stark wirst?“ „Wie ich höre, hast du deinem Hund bereits einen Namen gegeben. Benji würde zu dem Winzling jedoch besser passen “, tönte es fröhlich hinter mir. Ich hatte Lilly nicht kommen gehört und freute mich sehr, sie wieder einmal zu sehen. „Es ist nicht mein Hund, ich kann mir keinen halten“, berichtigte ich, doch Lola, die im Zimmer aufräumte, meine nur trocken: „Klar ist es ihr Hund. Schau dir die beiden doch an.“ „Ich kann wirklich keinen der Hunde zu mir nehmen, aus verschiedenen Gründen“, protestierte ich weiter, doch die drei warfen sich nur einen Blick zu und gingen nicht auf meine Argumente ein. „In meinem Wohnhaus sind sie verboten, ausserdem werde ich für eine Weile nach Italien ziehen“, fügte ich schliesslich hinzu, doch das schien niemanden zu beeindrucken. „Für die nächsten Monate bleibt die Hundefamilie sowieso zusammen. Bis die Jungen weggegeben werden, fliesst noch viel Wasser den Rhein hinunter“, meinte Lola leichthin.

„Du bist mir noch eine Antwort schuldig“, erinnerte ich Timo später, als wir zusammen die noch einigermassen warme Spätsommernacht am Seeufer genossen. Nach und nach waren alle gekommen, die normalerweise ihre Abende bei Mona verbrachten. Deren Geheimnis hatte sich herumgesprochen und alle verstanden, dass Timo zwiespältige Gefühle hatte ihr gegenüber. Dennoch musste besprochen werden, wie es mit den Welpen weitergehen sollte. „Ob ich dich in Italien besuche, meinst du“, antwortete Timo nach kurzem Nachdenken. „Ehrlich gesagt, kann ich es dir nicht versprechen. Ich habe wirklich Lust, im Winter selbst für eine Weile wegzugehen, um mit mir ins Reine zu kommen. In meinem Freelancer Beruf gibt es da zum Glück Möglichkeiten. Vielleicht kommt Helene mit, falls sie es einrichten kann. Bis dahin wissen wir hoffentlich, ob wir beide eine reelle Chance haben zusammen.“ Ich versuchte, meine Enttäuschung zu verbergen und beobachtete die jungen Menschen, die ich unterdessen so ins Herz geschlossen hatte. Sie lachten viel und neckten sich, während sie ihr mitgebrachtes Essen teilten. Patrick und Johanna rannten dem Ufer entlang und bespritzten sich gegenseitig mit Wasser, während ich dagegen plötzlich fröstelte und meine Jacke enger um mich zog. „Vergiss nicht, dass du nun die italienische Sprache verstehst, es wird ganz anders sein als bisher“, tröstete mich Timo, der mich durchschaut hatte. „Wir werden noch fleissig üben, bis du gehst. Du freust dich doch sicher auf deine Familie.“ „Ja, das tue ich, sehr sogar“, sagte ich wahrheitsgemäss. „Doch ihr seid auch eine Art Familie für mich geworden. Falls Angelita mich länger braucht, werde ich vielleicht nicht so bald zurückkehren.“ Timo sah nachdenklich auf den See hinaus, doch plötzlich lachte er auf und drückte mich an sich. „Mir ist gerade eine Idee gekommen. Ich kann sie dir noch nicht verraten, denn ich muss erst einige Abklärungen machen. Dies könnte länger dauern, doch falls es klappt, wirst du dich sicher freuen.“ Er hatte plötzlich ein verschmitztes, jungenhaftes Lächeln im Gesicht, welches ihn den ganzen Abend über nicht mehr verliess.