Familienbande

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Nachdem wir uns telefonisch angemeldet hatten, packten wir Bella in ihre Tragetasche und fuhren zur Tierarztpraxis. Destiny und die Welpen waren tagsüber noch immer im Nebenzimmer untergebracht. „Es ist am einfachsten so“, meinte Lola, „im Moment schlafen die Kleinen noch fast den ganzen Tag. Doch bald werden sie anfangen, ihre Umgebung zu erkunden, deshalb wollen wir die Hundefamilie zu Mona bringen, sobald wir deren Betreuung untereinander organisiert haben. Wir dürfen das Auto ausleihen, wärst du bereit zu fahren, Timo?“ Als er nicht gleich Antwort gab, realisierte sie offenbar, dass nichts mehr war wie früher. „Kein Problem, ich frage jemand anderes“, sagte sie schnell, ohne Timo anzuschauen.

Bellas Gesundheit hatte sich tatsächlich massiv verschlechtert. „Sie ist nun im vierten und letzten Stadium der Krankheit, doch für den Moment geht sie gut damit um“, informierte mich der Doktor und sah mich mit seinen dunklen Augen mitfühlend an. „Wie Timo vermutet hat, braucht deine Katze Kalium und leidet unter Blutarmut. Die kam wohl schleichend, und da ich die Ursache, die Insuffizienz der Nieren, nicht beseitigen kann, wird es schwierig werden, etwas dagegen zu unternehmen. Ich spüre trotz allem Energie und Lebenskraft in ihr, sie bleibt dir sicher noch eine Zeitlang erhalten. Doch leider kann es irgendwann plötzlich schnell gehen.“ Ich liess mir die Medikation erklären und setzte Bella wieder in ihren Tragekorb, nur wenig beruhigt. „Komm, schauen wir uns die jungen Hunde an“, schlug Timo vor. „Das wird dich aufheitern.“ Wir durften meine Katze bei Lola am Empfang lassen und gingen ins Nebenzimmer. Destiny lag auf der Seite, während drei ihrer Babys selig am Nuckeln waren. Sie machten zufrieden schmatzende Geräusche, während ihre kleinen Stummelschwänzchen begeistert hin und her wackelten. Nur der kleine, goldfarbene Nachzügler schlief, an den Bauch seiner Mutter gepresst. „Er ist unser Sorgenkind“, hatte uns Lola bereits erzählt. „Zwar trinkt er brav, doch er wird schnell müde und schläft ein, bevor er die nötige Menge Nahrung zu sich genommen hat. Er wiegt dementsprechend ein bisschen weniger als seine Geschwister. Wir achten nun darauf, dass er möglichst an einer der hinteren Zitzen saugt, die produzieren in der Regel mehr Milch als die vorderen.“ Nun kam sie mit der Waage ins Zimmer. „Ich werde die Jungen nach dem Trinken wiegen und kurz mit Destiny rausgehen. Könnt ihr in der Zwischenzeit die Tücher in ihrem Korb auswechseln? Danach lassen wir die Hundefamilie wieder in Ruhe, in den ersten Tagen sollte sie so wenig wie möglich gestört werden.“

Als wir gegen Mittag wieder zuhause waren, rief Cedric an und berichtete, dass er am Abend mit seinem ehemaligen Arbeitsteam essen gehen werde. „Ich fliege am Freitagmorgen zurück. Kochst du morgen zum Abschied für mich, Mama? So sehr ich das italienische Essen geniesse, ich vermisse deine Küche. Vor allem die superfeine Rahmwähe – bäckst du mir eine zum Dessert?“ Ohne die Antwort abzuwarten, redete Cedric weiter. So merkte er nicht, dass ich schlucken musste und nicht wusste, was ich sagen sollte. Zwar war mein Sohn darüber informiert, dass ich mich unterdessen vegan ernährte. Was er offensichtlich nicht realisiert hatte, war, dass ich es nicht mehr übers Herz brachte, überhaupt noch Milchprodukte zu kaufen. Früher nahm ich gedankenlos an, dass Kühe ohnehin Milch produzieren und gemolken werden müssten. Dass dies nur möglich ist, indem man die Muttertiere immer wieder schwängert und ihnen dann ihre Kälbchen sofort wegnimmt, damit nicht diese, sondern wir Menschen die Muttermilch trinken können, verdrängte ich lange. Erst als ich Timo und seinen kompromisslosen Tierschutz kennenlernte, stellte ich mich der Wahrheit und schaute mir sogar ein Video zum Thema an. Das sehnsüchtige, verzweifelte Muhen von Mutter und Kind, die in verschiedenen Teilen des Stalles untergebracht waren und sich hören, jedoch nicht sehen konnten, ging mir nie mehr aus dem Kopf.

„Du siehst nicht glücklich aus“, bemerkte Timo, als ich den Hörer aufgelegt hatte. „Cedric würde sich sehr freuen, wenn du mit uns isst morgen Abend“, richtete ich ihm aus, „doch nun weiss ich ehrlich gesagt nicht, was ich kochen soll und vor allem, welches Dessert ich meinem Süssigkeiten liebenden Sohn zubereiten könnte, wenn es schon nicht seine Lieblingswähe sein wird. Er wird so oder so enttäuscht sein.“ Als ich Timo mein Dilemma erklärt hatte, schmunzelte dieser und startete seinen Laptop. „Ich glaube, da kann ich dir helfen…Rahmwähe und Nidelwähe ist dasselbe, oder?“ Als ich nickte, rief er zufrieden: „Da habe ich es doch bereits. Wir kaufen seit Neuestem fast alles, was wir brauchen, übers Internet ein. Wir haben da einen ganz tollen veganen Shop gefunden, der stets prompt und zuverlässig liefert. Albert bringt die Pakete jeweils mit ins Haus. So einfach hatten wir es noch nie mit Kochen, schau dir mal die vielen feinen Vorschläge auf diesen Seiten an! Und hier hab ich’s schon gefunden: das Rezept für vegane Nidelwähe.“ „Sieht fantastisch aus“, musste ich zugeben, „doch ob sie auch gut schmeckt? Das Original bestand doch fast nur aus Rahm.“ „Das tut sie bestimmt! Wir waren noch nie von einem der Rezepte enttäuscht. Wie wäre es, wenn du Cedric gar nichts sagst und schaust, ob er den Unterschied überhaupt merkt?“ Ich nickte bloss, denn ich war überrascht über die vielen kreativen Koch- und Backvorschläge und scrollte ungläubig durch die Seiten: „Schau mal! Ob Sauce Hollandaise, Käsefondue, Muffins, Weihnachtsgebäck, Dreikönigskuchen, Brownies, Panna Cotta …alles kannst du vegan herstellen! Das wusste ich ja gar nicht! Doch nun ist bereits Mittag vorbei und ich brauche die Produkte morgen, ist es nicht zu spät für eine Bestellung?“ „Im Gegenteil“, meinte Timo vergnügt, „wir können uns noch über eine Stunde Zeit nehmen, in Ruhe einkaufen und dennoch kommt das Paket morgen pünktlich mit der Post. Dieser tolle Service rettet uns jeweils bei Mona. Was denkst du, was da diskutiert wird, bis wir die Bestellung zusammen haben und jeder seinen Senf dazu gegeben hat.“

Bella bekam ihre neuen Medikamente und legte sich erschöpft schlafen. Sie, die früher Tierarztbesuche stoisch über sich ergehen liess, regte sich nun jedes Mal fürchterlich auf. Je älter sie wurde, desto entschlossener war sie, sich von niemandem in einer Praxis anfassen zu lassen. Dies war der Grund dafür, dass ich die nötigen Kontrollen gern hinauszögerte, oft fast zu lange. Meine vierbeinige Seniorin wollte partout nicht mehr untersucht werden, sie fauchte, kratzte und versuchte zu beissen. Vor lauter Entrüstung hörte sie weder auf Timo noch auf Lola und dass sich nun ein besonders attraktiver Tierarzt um sie kümmern wollte, beeindruckte sie schon gar nicht. Sie konnte sich kaum mehr beruhigen und pinkelte auf dem Heimweg aus Protest in ihren Tragekorb. Erst zuhause, mit Leckerli verwöhnt und ausgiebig gestreichelt, hatte sie sich langsam wieder beruhigt.

Während Timo und ich nun unsere gewünschten Lebensmittel in den virtuellen Warenkorb legten, sah ich meinen Moment gekommen. „Weisst du was“, sagte ich möglichst nebenbei, „wir können doch Helene zum Essen einladen morgen Abend. Dann lerne ich sie endlich richtig kennen und Cedric freut sich sicher auch.“ „Guter Versuch, du Wundernase“, lachte Timo und knuffte mich in die Seite, „du willst schon lange wissen, was zwischen uns los ist. Beziehungsweise, ob überhaupt noch etwas los ist.“ Dann seufzte er theatralisch. „Gut, dies ist wohl mein Preis für die Unterkunft hier. Lass uns die Bestellung fertig machen und dann erzähle ich dir alles.“ Und so hörte ich bei einer Tasse Tee, dass Timo schon länger ein Auge auf die hübsche Frau geworfen hatte, die er immer wieder mal im Shoppingcenter antraf. Als er mich damals losschickte, um mit ihr zu sprechen, hatte er ihren Frust und die Mutlosigkeit darüber gespürt, dass keine Boutique ihren Schmuck verkaufen wollte. Insgeheim hatte er gehofft, dass ich im Gespräch mehr über sie erfahren würde. Da dies nicht der Fall war, musste Timo selber aktiv werden „Zum Glück kauft sie oft in denselben Geschäften ein und dass man sie von weitem an ihrem Afrolook erkennt, half ebenfalls.“ Die Erinnerung liess Timo lächeln. „Dennoch brauchte ich Tage, bis ich den Mut fand, sie anzusprechen. Wir verstanden uns auf Anhieb und hatten eine wunderbare erste Zeit zusammen, doch jetzt…“ Er zuckte mit den Schultern und suchte nach Worten. Ich goss Tee nach und liess ihn in Ruhe seinen Gedanken nachhängen. „Helene hat einen grossen Bekanntenkreis. Die meisten sind nicht Künstler wie sie, sondern Leute, die sie durch ihren älteren Bruder kennt“, fuhr Timo schliesslich fort. „Mit diesem kam ich vom ersten Moment an nicht klar und dies beruht auf Gegenseitigkeit. Wenn Helene und ich allein waren, verstanden wir uns prächtig. Ich half ihr, einen mehrsprachigen Online Shop für ihren Schmuck einzurichten, der bereits guten Erfolg hat. Für ihre Freundinnen und Freunde war und blieb ich jedoch der Eigenartige, der Sonderling, der Verrückte, der mit den Tieren spricht. Sie nannten mich den Hundeflüsterer und meinten dies nicht etwa als Kompliment. „Obendrein ist er ein überzeugter Veganer? Überrascht mich nicht. Die sind doch alle total extrem, wie jedermann weiss“, stichelte der Bruder dazu. Er behandelte sein Schwesterchen, wie er sie nannte, immer sehr fürsorglich und beschützend. Ich glaube, er hatte sich einen anderen Freund für sie vorgestellt. In einer solchen Runde bringt diskutieren nichts, das weiss ich unterdessen und spare mir normalerweise die Energie. Doch weil ich für Helene von ihrem Freundeskreis akzeptiert werden wollte, habe ich irgendwann versucht, zu erklären. „Ich bin nicht extrem“, begann ich. „Ich bin einfach gegen Gewalt an sensiblen, leidensfähigen Lebewesen und gegen jegliche Unterdrückung und Ausbeutung von Tieren.“ Als ich mich so reden hörte, merkte ich, wie sehr ich mich bereits daran gewöhnt hatte, dass immer mehr Leute in meinem Umfeld ganz selbstverständlich vegan oder vegetarisch leben. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich mich das letzte Mal für meine Überzeugung hatte rechtfertigen müssen. Doch in diesem Kreis kamen sofort Spötteleien. Die Männer ereiferten sich zum Teil auch aus Eifersucht, wie ich bald merkte, denn Helene gefällt vielen. Ihr Bruder förderte das, ich glaube, jeder in der Clique wäre ihm lieber gewesen als Freund für sein Schwesterchen. Selbst die Gewissensfrage wurde mir gestellt!“ Ich lachte laut heraus. „Tatsächlich! Und was hast du geantwortet?“ Die Gewissensfrage nannten wir das Szenarium, welches den meisten von uns früher, als der vegetarische und vegane Lebensstil den Leuten noch exotisch erschien, immer wieder mal ausgemalt wurde. Es lief stets ungefähr nach diesem Muster: Wie würden wir entscheiden, wenn wir auf einer einsamen Insel gestrandet wären und nun wählen müssten zwischen verhungern oder den mitgestrandeten, süssen Hund aufessen. Wahlweise hatten wir soeben ein Erdbeben oder einen Flugzeugabsturz überlebt, immer allein und mit einem herzigen Tier als einzig Essbarem. Timo grinste: „Ich sagte mit ernster Stimme, dass mir dieses Risiko sehr bewusst sei, da so etwas offenbar zwangsläufig passiere, sobald man aufhöre, Fleisch zu essen. Ich hätte deshalb immer Energieriegel in der einen Hosentasche und Hundefutter in der anderen, damit ich gewappnet sei. Sie fanden es nicht lustig. Ich hätte ihre Sticheleien dennoch problemlos ignorieren können, schliesslich wollte ich einfach mit meiner Freundin zusammen sein, doch mir blieb nicht verborgen, dass sie selbst zunehmend hin- und hergerissen war. Obwohl sie kaum Fleisch isst und Milchprodukte ohnehin schlecht verträgt, war sie eine „Normale“ für ihre langjährige Clique. Manchmal beneide ich sie fast, die Leute, die so unbelastet durchs Leben gehen und sich absolut keine Gedanken darüber machen, was sie mit ihrem Konsum anrichten. Ich möchte natürlich nicht zu ihnen gehören“, sagte er schnell, als er meinen Blick bemerkte, „doch Verantwortung für die Umwelt zu übernehmen macht nicht immer nur Spass.“

Timo hatte während dem Sprechen seine Unterlagen für einen neuen Übersetzungsauftrag zusammen gesucht, doch er fing noch nicht an zu arbeiten, sondern schaute aus dem Fenster. „Habt ihr euch getrennt?“ fragte ich vorsichtig. „Auf das kommt es wahrscheinlich heraus“, sagte er leise und traurig. „Im Moment bezeichnen wir es als Beziehungspause. Macht es jedoch nicht besser.“ Mir tat das Herz weh für Timo. In seinem Freundeskreis war er eine Art Leader, geachtet und respektiert von allen und der Kopf hinter den Flashmob-Aktionen. Liebevolle Spötteleien waren an der Tagesordnung und es gab auch mal Streit, so hatte man mir zumindest erzählt, doch gegenseitiger Respekt war immer da. „Ja, meine Flashmobber“, griff Timo meine Gedanken auf, „es gab tatsächlich einen davon in Helenes Clique. Ich hatte ihn sofort erkannt, doch er tat so, als ob er mich zum ersten Mal sehen würde und schaute schnell weg, wenn ich zu ihm hinblickte. Er passte sich seinen Freunden an und hatte nicht den Mut, zu seinen Überzeugungen zu stehen, wohl um nicht ausgelacht zu werden. Hättest du gedacht, dass es das noch gibt? Ein Problem waren auch Helenes Eltern. Da gab es den traditionellen Sonntagsbraten und die Einstellung, dass Tiere schliesslich zum Essen da seien, wozu denn sonst? Bloss ihrem Chihuahua gestanden sie Gefühle zu. Im Urlaub geht der Vater gern zum Hobbyangeln, daraus ergab sich natürlich auch kein erfreulicher Gesprächsstoff für uns beide. Kurz: der neue Freund ihrer Tochter war kein durchschlagender Hit bei der Familie.“ „Aber diese Tochter ist doch erwachsen“, warf ich ein. „Wohnt sie denn immer noch zu Hause?“ „Nein, das nicht; und am Anfang hielt sie fest zu mir und versicherte, dass ihr die Meinung anderer egal sei. Doch mit der Zeit merkte ich, dass es ihr halt doch etwas ausmacht. Sie ist noch jung und leicht beeinflussbar. Die Clique rund um ihren Bruder bedeutet ihr viel und wenn da jedes Mal Sprüche und Witze über meine offenbar übertriebene Tierliebe gemacht wurden und ich der Aussenseiter war, merkte ich immer öfters, dass sie lieber einen Freund hätte, der sich nicht so angreifbar macht. „Hat sie die Beziehungspause vorgeschlagen?“ fragte ich. Helene war mir damals sehr sympathisch gewesen und ich war enttäuscht, dass sie und ihre Clique nicht toleranter waren. „Intolerant würde ich die meisten nicht nennen“, erriet Timo wieder einmal meine Überlegungen. „Eher gedankenlos. Ich glaube der Hauptgrund, warum die Leute Tiere essen, ist, dass sie so aufgewachsen sind. Lange Zeit haben das die wenigsten hinterfragt, es war einfach normal und man machte sich keine weiteren Gedanken darüber. Durchs Internet kommen jetzt jedoch die üblen Praktiken der Massentierhaltung ans Licht, wie auch die verheerenden Auswirkungen für die Umwelt. Man kann die Augen nicht mehr davor verschliessen. Manche Leute ändern daraufhin ihre Lebensweise über Nacht, für andere braucht das Umdenken mehr Zeit. Du kennst sicher das Zitat von Mark Twain: ‚Eine Gewohnheit kann man nicht einfach zum Fenster hinauswerfen; man muss sie Stufe für Stufe die Treppe hinunterlocken‘. Je nach Quelle heisst es auch: ‚die Treppe hinunterprügeln‘ oder ‚hinunterboxen‘. Für mich machen die verschiedenen Übersetzungen Sinn: nicht jede Gewohnheit will schliesslich gleich behandelt werden. Die einen sind hartnäckiger und aufsässiger als andere.“ Wir schwiegen beide. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich Timo. Er sah niedergeschlagen aus, Helene hatte ihm offenbar viel bedeutet. „Apropos hartnäckig, Timo“, sagte ich leise, „ vielleicht musst du um Helene kämpfen? Wie seid ihr denn verblieben, hört ihr voneinander?“ „Im Moment nicht – es gab letzte Woche eine Art Eklat. Wir waren zur Grillparty in einer Waldhütte eingeladen. Ich hätte zwar viel lieber den Abend mit Helene allein verbracht, doch es wurde die Verlobung einer ihrer Freundinnen gefeiert, da wollte sie nicht fehlen. Als wir ankamen, sah ich nur Maiskolben, Gemüsespiesse und grosse Champignons auf dem Grill, sowie Salat und Brot auf den Tischen. Dies erstaunte mich für einen kurzen Moment, doch dann roch ich den Fleischgeruch in der Luft, den ich natürlich erwartet hatte. „Hier drüben wartet ein Tier auf dich, Timo, willst du ihm nicht noch etwas sagen zum Abschied?“ johlte Helenes Bruder über den Platz. Er hatte offenbar bereits einige Biere intus. ‚Es gibt Spanferkel‘, verkündete die Gastgeberin stolz. Ein Spanferkel, Wispy, das heisst, es würde eigentlich noch gesäugt von der Mutter! Mir wurde übel angesichts dieses Tierbabys mit dem feinen, jetzt verbrannten Gesichtchen, der empfindsamen Schnauze und den zarten Ohren, den Körper von einem Stab durchbohrt, welches sich über einem Feuer um sich selbst drehte. Schweine sind noch intelligenter als Hunde, ihr Bewusstsein entspricht etwa dem eines fünfjährigen Kindes. Dieses Tier hat Angst und Entsetzen erlebt, als es geschlachtet wurde, seine Mutter vermisst es schmerzlich und trauert. Mit einem Schlag vertrug ich die blöden Sprüche nicht mehr, das herzlose Lachen rundum; und ich gebe zu, ich bin ausgerastet. Ich weiss gar nicht mehr, was ich alles gesagt habe, doch ich glaube, es machte Eindruck. Wahrscheinlich nicht auf eine positive Art, allerdings waren alle ganz still, als ich wegging. Ohne Helene. Am nächsten Tag textete sie mir: ‚Ich hatte noch nie einen Mann so lieb wie dich, doch nun weiss ich nicht mehr, ob wir überhaupt eine Zukunft haben‘.“ Ich schrieb zurück: ‚Ich glaube, wir brauchen eine Pause, um nachzudenken‘ worauf sie nur noch mit ‚Ok‘ antwortete. Wahrscheinlich ist sie froh, dass sie mich los ist. Ich war ihr wohl zu unbequem. Heute Abend stand Kino auf dem Plan, wir wollten uns mit der Clique zusammen den neuen Star Trek Film ansehen. Ich werde stattdessen meine Eltern besuchen, sie reisen nun bald ab. So haben wir ein unverfängliches Gesprächsthema für den Abend, Mona wird mir nicht mal in den Sinn kommen. Am liebsten würde ich selbst auf eine lange Reise gehen. Oder auswandern.“

So kannte ich Timo gar nicht, ich hatte ihn schon wütend, jedoch nie traurig oder mutlos gesehen. „Helene weiss gar nicht, was für einen besonderen, wunderbaren Menschen sie hier im Begriff ist zu verlieren“, ereiferte ich mich. „Vielleicht sollte ich einmal mit ihr sprechen?“ Timo lächelte müde. „Ich habe zwei Mütter, Wispy, das reicht.“ „Hast du ihr denn von mir erzählt? Weiss sie, dass wir uns kennen?“ wollte ich doch noch wissen. Er schüttelte den Kopf. „Noch nicht, ich wollte ihr erst noch alles erklären, bevor ich sie dir demnächst offiziell vorgestellt hätte. Sie hat dich bestimmt nicht vergessen.“ Timo trank seinen Tee aus und meinte, er mache sich jetzt besser hinter die Arbeit. Zuvor drückte er, zum wiederholten Mal heute, einen Anruf auf seinem Handy weg. „Meine Mutter“, sagt er auf meinem fragenden Blick hin. „Diejenige, die mich zur Welt gebracht hat. Ich bin noch nicht bereit, mit ihr über die ganze Sache zu sprechen. Ganz Mona kann sie nicht verstehen, dass es sich hier für einmal nicht nur um sie dreht.“ Mir kam eine Idee. „Timo“, fragte ich, „wenn du schon hier arbeitest, könntest du zu Bella schauen wenn sie wieder erwacht und sie füttern, bevor du zu deinen Eltern gehst? Ich würde gern auf einen Schwatz bei Samira vorbeischauen und das könnte dauern.“ Timo sagte sofort zu, ich glaube, er war froh, für eine Weile allein zu sein. Ich fuhr direkt zur Buchhandlung. Samira war offensichtlich erleichtert, mich zu sehen und zu hören, wie es weiter gegangen war. Als sie sich nochmals für ihre Schwatzhaftigkeit Gian-Luca gegenüber entschuldigte, hatte ich mein Stichwort. „Das kannst du wieder gutmachen, meine Liebe. Du begleitest mich heute Abend ins Kino und zeigst mir nochmals ein Muster deiner Schauspielkunst. Bis zum Ladenschluss bleibt mir genug Zeit, um dich genau zu instruieren.“

Ich hatte Tickets für die zwei äussersten Sitze in der hintersten Kinoreihe besorgt, so dass wir vor der Pause aufstehen und ins Foyer gehen konnten, ohne jemanden zu stören. Helene und ihre Clique sassen viele Reihen weiter vorne, ich war nun ebenfalls froh, dass die junge Frau eine so auffallende Frisur hatte und leicht auszumachen war. Als sie sich während der Pause in die lange Reihe der Wartenden vor den Toiletten einreihte, standen Samira und ich sofort hinter ihr. Zum Glück waren ihre Freundinnen zum Kiosk gegangen, so hatten wir die junge Frau für uns. „Helene!“, tat ich überrascht, „Wie schön, dich zu sehen! Kannst du dich an mich erinnern? Ich habe dich vor einigen Wochen in einem Einkaufszentrum auf deinen Schmuck angesprochen.“ „Sicher erinnere ich mich an dich, du hast mir damals den Mut gegeben, meine Kollektion weiter anzubieten. Unterdessen verkaufe ich sie online und es läuft recht gut“, lächelte Helene freundlich. Ich stellte ihr Samira vor. „Ich habe meiner Freundin gerade heute von dir erzählt. Sie führt eine kleine, feine Buchhandlung in der Innenstadt. Im Oktober wird sie Bücher zum Thema ‚Kunst und Kreativität‘ ausstellen und ich darf bei der Gelegenheit meine Bilder präsentieren. Wir suchen noch weitere Künstlerinnen und Künstler, die etwas beisteuern können und die Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen, nutzen möchten.“ Nun überliess ich Samira das Feld, die erst mal überschwänglich den Schmuck bewunderte, den Helene trug und ihr ihre Visitenkarte gab. Ich war froh, dass sich die Schlange so langsam vorwärts bewegte. Die beiden schönen, auffallenden Frauen waren sich nicht nur vom Typ her etwas ähnlich mit ihren lockigen Haaren, sie hatten offenbar auch denselben Geschmack in Kleidern. Beide trugen lange Röcke und luftige Blusen über engen Tops, die ihre schlanken Figuren zur Geltung brachten. Sie verstanden sich auf Anhieb und waren gleich in ein angeregtes Gespräch über alles Mögliche verwickelt. Doch als die Schlange vor den Toiletten kürzer wurde und wir aufschliessen konnten, warf ich Samira einen warnenden Blick zu. Sie begriff sofort und sagte, als ob es ihr gerade in den Sinn gekommen wäre: „Nochmals zu meiner Buchhandlung…wir wollen vor der Kunst noch das Thema veganes Essen aufgreifen, um unsere vielen tollen Kochbüchern zu präsentieren. Die vegane Küche wird immer populärer. Ich dachte an einen Degustationsabend zum Auftakt und brauche noch Helferinnen. Würdest du mitmachen?“ Helene rollte die Augen: „Nein danke, von diesem Thema habe ich im Moment mehr als genug.“ „Warum denn das? Will dich jemand überzeugen?“ lachte Samira. „Das nicht, aber mein Freund ist Veganer und es ist nicht immer einfach.“ „Ja, die können recht intolerant und missionarisch sein“, nickte Samira. „Nein, das ist er überhaupt nicht. Wenn ich es mir recht überlege, sind in meinem Fall die Fleischesser die Intoleranten“, seufzte Helene mit einem schnellen Blick zu den anderen, die in einer Gruppe zusammen standen und unter viel Gelächter Popcorn in die Luft warfen und reihum versuchten, dieses mit dem Mund aufzufangen. Ich wusste sofort, welcher der jungen Männer Helenes Bruder war, selbst wenn sie sich äusserlich nicht besonders ähnlich sahen. Ich habe einen Blick für den Anführer oder das Alphatier einer Gruppe. „Doch sie sind meine langjährige Freundinnen und Freunde und ich mag sie“, fuhr Helene fort, „zudem schlägt meine ganze Familie in dieselbe Kerbe. Sie sind keine schlechten Menschen, nur manchmal gedankenlos und oberflächlich. Mein Freund missioniert zwar nicht mit seinen Ansichten, doch steht er klar zu dem, was er glaubt und wovon er überzeugt ist. Ich vermute, vor allem die Männer in meinem Freundeskreis sind ein wenig eifersüchtig auf ihn. Er ist auf eigenwillige Art attraktiv und weiss, was er will im Leben. Zudem hat er gewisse…na ja, aussergewöhnliche Fähigkeiten. Er versteht zum Beispiel immer, was andere Leute denken.“ „Hm“, sagte Samira nachdenklich zu mir. „Einen offenbar gut aussehenden Freund zu haben, der integer ist, klar zu seinen Überzeugungen steht und dennoch tolerant ist, das tönt wirklich nach einem schwierigen Schicksal.“ Und zu Helene gewandt: „Ich würde ihn sofort loswerden.“ Zum Glück hatte Helene Sinn für Humor und lachte laut heraus. „OK, das habe ich verdient. Wir sehen uns im Moment tatsächlich nicht, weil wir uns gestritten haben. Ehrlich gesagt, vermisse ich ihn sehr, doch ich spüre auch meine verdammte Harmoniesucht. Ich merke, dass ich automatisch von einem neuen Freund erwartete, dass er sich nahtlos in mein Leben einfügt und mich überall hin begleitet, ohne durch Anderssein anzuecken. Apropos Intoleranz: Mir wird grad einiges klar.“ Dann, mit einem schnellen Blick in Richtung ihres Bruders: „Doch es ist nicht einfach.“ „Tönt für mich, als ob du dir besser einen Hund statt eines Freundes zulegen würdest“, sagte Samira gnadenlos. „Wenn du Glück hast, liegt der brav und ruhig unter dem Tisch, stört nicht und bringt niemanden zum Nachdenken.“ „Ja, ja, ich hab’s verstanden, du kannst aufhören damit. Schönen Abend noch“, meinte Helene nun leicht genervt und verschwand in einer freien Toilette. „Ich habe noch viel zu sagen“, Samira war so richtig in Fahrt, „ich warte hier auf sie.“ „Ganz sicher nicht“, protestierte ich und zog sie weg. „Du hast das gut gemacht, doch du musst auch merken, wenn es genug ist. Du hast Helene auf jeden Fall einen Gedankenanstoss gegeben. Das reicht für heute. Ich wollte vor allem wissen, wie sie über Timo spricht und ob es noch eine Chance gibt für die beiden. Ich glaube, das kann man mit ‚Ja‘ beantworten. Sie hat nun deine Adresse, vielleicht nimmt sie das Angebot für eine Ausstellung an oder kommt zur veganen Degustation. Gute Idee übrigens! Wir müssen sofort die Webseite aktualisieren.“ „Ach, weisst du, das war nur so ein spontaner Gedanke, um aufs Thema zu kommen, eigentlich hatte ich für die nächsten Wochen eine Ausstellung über Fotografie geplant“, fing Samira an, doch mit einem Blick in mein Gesicht versicherte sie schnell: „Vegane Küche, geht klar. Zwei Schaufenster reichen, oder?“ „Eines der grossen ist genug, finde ich, dafür braucht es zusätzlich eine Themenecke im Ladeninneren. Dort, wo der Tisch und die Stühle stehen, damit es sich Interessierte mit den Büchern gemütlich machen und Rezepte nachschlagen können. Das Ganze muss nicht zwingend lange dauern, wenn du willst, kannst du eine vegane Woche daraus machen, dann hast du immer noch Zeit für deine Fotoausstellung.“ Ich hatte absolut nicht im Sinn, Samira so leicht davonkommen zu lassen.

Den zweiten Teil des Films schenkten wir uns. Es war lange her, seit ich die Originale von Star Trek gesehen hatte und im Moment stand mir der Sinn weniger nach galaktischen Abenteuern. Dass ich bald für Monate nach Italien ziehen würde, beschäftigte mich zunehmend, selbst wenn ich mich sehr auf Angelita und meine kleine Enkeltochter freute. Timo hatte getextet, dass er bei den Eltern übernachten und erst am nächsten Vormittag wieder zu mir kommen würde. „Buddy hat sich so sehr über mein Kommen gefreut und Mom braucht Hilfe bei den Reisevorbereitungen. Sie kann sich nicht vorstellen, mit nur wenig Gepäck wochenlang unterwegs zu sein. Mein Vater ist da keine Hilfe“, schrieb er. „Zudem will er die Reiseroute nur in grossen Zügen festlegen und viel Platz für Spontanität lassen, eine Herausforderung für einen Kontrollfreak wie meine Mutter. Sie braucht ein bisschen moralische Unterstützung.“

Cedric war noch nicht zuhause, als ich es mir mit Bella auf dem Schoss vor dem Fernsehgerät bequem machte. Doch die Fernbedienung blieb unberührt. Ich streichelte hingebungsvoll meine schnurrende Katze und liess die letzten Monate nochmals vor meinen Augen Revue passieren. So viel hatte sich in meinem Leben verändert, seit ich Timo kennengelernt hatte. Es war bewegter und schöner geworden, vor allem viel aufregender. Doch was auch immer passiert war, ich hatte stets diese gemütliche Wohnung als Rückzugsort, wo meine geliebte Katze auf mich wartete. Die Zukunft hielt plötzlich viel Ungewisses für mich bereit. Als Bella aufstand, um zu fressen, ging ich ins Malzimmer und schaute mir die angefangenen und die bereits fertigen Bilder an. Es roch nun immer ein wenig nach Farbe in der Wohnung. Ich hatte mir mit meinem Hobby ein Stück meiner Seele zurückgeholt. Wie hatte ich es so lange ausgehalten ohne zu malen? Der Gedanke, meine Werke zum ersten Mal öffentlich zu zeigen, machte mich jedoch sehr nervös. Samira hatte sich als Sujet Tiere und Wildnis gewünscht, passend zu ihren Reisebüchern. Konnte ich diesen Auftrag überhaupt erfüllen? Früher hatte ich eher abstrakt gemalt. Waren die Bilder denn schön genug für eine Ausstellung? Hätte ich doch besser wieder einmal einen Malkurs belegen sollen? Plötzlich waren da so viele Selbstzweifel in meinem Kopf. Während ich grübelnd mitten im Zimmer stand, hörte ich trotz der ziemlich späten Stunde Ernas Stimme unten im Treppenhaus. Mein Blick fiel auf die Kissen, die sie Cedric ausgeliehen hatte. „Oh gut“, dachte ich. „Die bringe ich ihr jetzt gleich zurück. Wenn sie mit jemand anderem im Gespräch ist, wird sie mich nicht auszufragen versuchen.“ Erst im helleren Licht des Treppenhauses sah ich die vielen Katzenhaare auf dem samtähnlichen Stoff. Bella hatte der weichen Unterlage offenbar nicht widerstehen können. Ich ging zurück in die Wohnung, um die Kleiderbürste zu holen und blieb dann horchend stehen. Da ich die Wohnungstüre offen gelassen hatte, hörte ich bis in die Wohnung, wie im unteren Stock eine tiefe, kräftige Männerstimme ungeduldig sagte: „ Nein, natürlich bin ich nicht ihr Ex-Mann, sonst wüsste ich ja wohl, wie sie mit richtigem Namen heisst. Sie ist eher klein und sieht irgendwie zipfelig aus, wie eine Troll Puppe mit schneeweissen Haaren. Sie wohnt bestimmt in diesem Haus, zumindest habe ich meinen Sohn einmal hier abgesetzt, als er sie besuchte. Er nennt sie nur Wispy.“ Ich ahnte gleich, dass es mit dem friedlichen, ruhigen Abend abrupt vorbei sein würde.

 

Anmerkung: Wer neugierig ist, woher die Inspiration zu der veganen Nidelwähe kam, dem verrate ich hier den Link:

https://www.hellovegan.ch/shop/rezepte/desserts/zutaten-vegane-nidelwaehe/

Lasst euch überraschen! Maja