Begegnung mit David

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„Also gut“, seufzte Timo schliesslich, „ich gebe auf. Die Geschichte auf Seite 17 der heutigen „Pendler-News“, das waren wir. Ganz so wie beschrieben hat es sich jedoch nicht abgespielt.“

Da ich mich durch Timos Vorbild neuerdings auf die anderen Fahrgäste im Tram  konzentriert hatte, statt wie früher die Neuigkeiten zu lesen, wusste ich von nichts. „Ach komm“, spöttelte er, „als ich dich das erste Mal sah, bist du fast in die Zeitung gekrochen. Ich dachte, du willst sie auswendig lernen. Wobei diese oberflächlichen News Häppchen im Übermass ungesund und nutzlos, sogar gefährlich sein können. Du musst sie nicht alle lesen. Ich konnte an deinem Energiefeld sehen, dass dir gerade etwas als viel einseitiger, dramatischer und drohender verkauft wurde, als es in Wirklichkeit ist. Ich habe dich also sozusagen gerettet.“ Er grinste stolz auf seine unverschämte und dennoch sympathische Art.

„Nun, ich muss doch wissen was so läuft auf der Welt….“ versuchte ich mich zu rechtfertigen.  „Oh, da mach dir keine Sorgen, das Wichtige findet den Weg von selbst zu dir“, meinte Timo. „Du lebst ja nicht unter einer Glasglocke. Pass einfach auf, dass du die negativen Ereignisse der Welt nicht noch verstärkst durch deine Energie und Aufmerksamkeit“.

„Uns geht es hier so gut, wir können doch nicht einfach alles andere ignorieren und nur für uns schauen. Wenn ich dich richtig verstanden habe, machst du das auch nicht?“ fragte ich etwas irritiert. „Das stimmt allerdings“, pflichtete mir Timo bei. „Ungerechtigkeiten kann ich auf den Tod nicht ausstehen. Wie ich auch nicht einfach wegschauen kann, wenn Menschen oder Tiere in Not geraten, ich muss etwas unternehmen.  Leider schiesse ich dabei gern übers Ziel hinaus, so wie gestern. Die Anleitungen zu meinen Aktionen finde ich allerdings nicht in der Zeitung.“

„Hm….“, konnte ich mir nicht verkneifen zu sticheln, „diese Seite 17 von heute, wurde sie dir etwa gegen deinen Willen telepathisch übermittelt?“ „So ähnlich“, schmunzelte Timo, zog eine zerknitterte Zeitungsseite aus seiner Jackentasche und schlug mir damit spielerisch auf den Arm. „Wenn man selber in der Zeitung kommt, gilt das Lesen als Recherche. Um etwas über den Stand der Ermittlungen heraus zu finden zum Beispiel.“ Er zeigte mit dem Kopf auf eine Bank: „Komm, setzen wir uns dorthin. Du kannst den Artikel lesen und ich erzähle dir, was wirklich passiert ist.“

Der Platz hatte sich mit Jugendlichen gefüllt, die offenbar ihre Mittagspause nützten, um nach langer Regenzeit mal wieder im Freien zu essen. Es waren meist jüngere Schüler, etwa 12- bis 13-jährig. Sie waren laut in ihrer pubertären Unsicherheit, in ihrer Suche nach sich selber und nach ihrem Platz in der Gruppe. Einer der Jungs zeigte etwas auf seinem Smartphone herum. Es provozierte Geschrei und lautes Gelächter. Die Mädchen drückten sich in Gruppen zusammen, tuschelten und kicherten, auch von ihnen hatte fast jedes ein Smartphone in der Hand.

Wir gingen an ihnen vorbei und setzten uns auf die Bank. Timo wollte mir soeben die Zeitungsseite geben, als er plötzlich aufmerksam auf etwas zu lauschen schien. „Nein…oh nein, das machst du nicht!“ stiess er hervor und sprang auf. Er zog mich hoch und sagte eindringlich: „Komm mit, ich brauche jetzt eine Frau. Ich brauche dich.“ Und erklärte auf meinen mehr als nur irritierten Blick hin, dass er sonst womöglich in ein schiefes Licht komme.

„Wie, was , warum denn?“ wollte ich wissen, doch Timo zog mich schnell zum Sihl Ufer hin, an den Jugendlichen vorbei. Dort sass ein etwas übergewichtiger Junge ganz allein auf einem grossen Stein und fütterte geistesabwesend die Spatzen mit seinem Sandwich.

Als wir fast bei ihm waren, wurde Timo langsamer und spazierte wie zufällig über den Platz. Er liess meinen Arm los und pfiff Buddy zu sich. Flüsterte ihm etwas ins Ohr, schubste ihn in Richtung Stein und blieb dann beobachtend stehen. Buddy ging in seiner gemütlichen Gangart zum Jungen hin, stupste ihn mit der Schnauze an und legte ihm den Kopf aufs Knie. „Mein netter Hund“, flüsterte Timo zufrieden. Er schlenderte auf den Jungen zu. „Hi, ich bin Timo und dies ist mein Hund Buddy. Hat er dich etwa belästigt?“ „Nein nein“, der Junge schüttelte den Kopf, „ich mag Hunde. Ich wünschte wir hätten einen.“

Ich war abwartend stehen geblieben, doch Timo winkte mich heran. „Komm her zu uns, damit ich nicht wie ein Kinderbelästiger wirke. Du siehst zum Glück aus wie eine Bilderbuch-Oma. Siehst du, wie nützlich du bist!“ Seine Worte weckten widersprüchliche  Gefühle in mir. Grossmutter sein ist ein heikles Thema in meinem Leben, doch das konnte Timo nicht wissen und ich wollte lieber nicht zu sehr darüber nachdenken.

„Wie heisst du?“ fragte Timo den Jungen, „und wie lange hast du noch Pause?“ „David“, antwortete dieser, und nach einem Blick auf seine Uhr: „Noch etwa 20 Minuten, wieso?“ Timo überlegte kurz. Dann kauerte er sich vor David hin. „Dann haben wir nicht viel Zeit. Bitte vertrau mir David. Ich weiss, du wirst jetzt lachen, doch mein Buddy hier weiss recht genau was in einem Menschen vorgeht. Er hat mir verraten, dass es dir heute ziemlich mies geht. Er will unbedingt, dass ich dir helfe – darf ich?“ David beobachtete intensiv die Spatzen, um uns nicht ansehen zu müssen. Dann zuckte er mit den Schultern: „Es ist heute nicht schlimmer als sonst“, meinte er schliesslich, doch seine Stimme klang ziemlich unsicher.

Timo schien zu überlegen. Er biss sich auf die Lippen und schaute einen Moment lang auf die fliessende Sihl die hohes, schmutziges Wasser führte nach all diesen Regenfällen. Dann sagte er zu David: „Es gibt manchmal so Sätze, die man ein Leben lang immer wieder zu hören bekommt. Bis man sie nicht mehr loswird, bis man sie sich sogar selber sagt – und schliesslich daran zu glauben beginnt, obwohl man eigentlich genau weiss, dass sie gemein und unfair sind und überhaupt nicht wahr. Fast jeder kennt solche Sätze. Was viele nicht wissen ist jedoch, dass diese nicht in Stein gemeisselt sind. Man kann sie zerstören. Man kann sie lächerlich machen und ihnen jegliche Kraft nehmen. Ich weiss wie das geht, ich kann es dir zeigen.“  David schwieg. Er kaute an seinen Nägeln herum und sah uns nicht an.

Timos Stimme wurde ganz sanft und weich. „‚Du wirst es nie zu etwas bringen‘ ist dein Satz, nicht wahr? Du hast ihn schon viel zu oft hören müssen in deinem Leben.“ David packte seinen Rucksack und wollte abrupt aufstehen. Ein kleiner Wink von Timo genügte und Buddy legte David mit einem leisen Winseln die Pfote aufs Knie. Der Junge war offenbar hin- und hergerissen zwischen Gehen und Bleiben. „David“, fragte Timo, „wie wäre es, wenn du von jetzt an jedes Mal lachen müsstest, wenn du diesen Satz hörst? Komm, wir machen ihn ein für alle Mal kaputt.“ „Findest du das wirklich lustig?“ stiess David wütend hervor und schickte ein paar wüste Schimpfworte hinterher.

Timo liess sich nicht beirren. „Ich verstehe deine Wut sehr gut. Niemand sollte einen solchen Satz hören müssen. Ich möchte ihn dir jedoch noch ganz viele Male vorsagen jetzt, auf alle möglichen Arten. Und bald wirst du ihn wirklich lustig finden, ich verspreche es dir. Du darfst gern mitmachen. Komm, ich zeige es dir vor.“

Timo sprach ganz langsam und langgezogen: „D-u   w-i-r-s-t   e-s   n-i-e  z-u  e-t-w-a-s  b-r-i-n-g-e-n.“ Dann wiederholte er den Satz ganz schnell. Daraufhin mit einer hohen, näselnden Falsettstimme. Als nächstes piepste er ihn wie ein Mäuschen. David blieb der Mund offen stehen. Timo parodierte Homer Simpson und seine Tochter Lisa. Er trompetete den Satz wie ein Elefant. Sagte ihn mit Micky Maus Stimme und anschliessend mit schwerem französischem Akzent. Er trillerte ihn, flüsterte ihn, jaulte ihn als Hund. Miaute ihn als Katze. Schlug mit der Faust auf den Stein und sagte jedes Mal eines der Worte dazu, schwer und gewichtig. David und ich hielten uns bereits die Bäuche vor Lachen. Timo fing an, jedes Mal ein anderes Wort des Satzes zu betonen. „Du“, sagte er bedeutungsschwer als ob er uns die ganze Wahrheit der Welt verraten wollte, „DU wirst es nie zu etwas bringen. Du WIRST es nie zu etwas bringen. Du wirst es NIE zu etwas bringen. Du wirst es nie zu ETWAS bringen. Du wirst es nie zu etwas BRINGEN.“ Das Ganze untermalte er mit so dramatischen Gesten, dass David und ich uns die Lachtränen abwischen mussten.

Der Satz verlor zusehends seine Kraft und Macht. Wir lachten ihn gemeinsam aus. Timo fing ihn an zu singen mit Melodien aus Kinderliedern wie Pippi Langstrumpf, Hänschen Klein und Biene Maja. Er sprühte nur so vor Ideen und war sehr witzig. „Was magst du denn für Musik?“ fragte er David. Und zusammen sangen sie eine Rock n Roll, eine Techno und eine Hip Hop Version von „Du wirst es nie zu etwas bringen“. Buddy winselte dazu, als ob er mitsingen wollte. Die drei waren so köstlich, dass ich bereits Muskelkater im Bauch spürte vor Lachen.

„Was denkst du David“, fragte Timo schliesslich mit einem Blick zur Uhr, „wird dieser Satz dich je wieder deprimieren und dir dunkle Gedanken in den Kopf setzen können?“ Der Junge schüttelte den Kopf. „Ich werde meinem Vater…und hier in der Schule…“ Seine Stimme brach ab, doch er wirkte eher erstaunt und überrascht als traurig. Timo atmete erleichtert auf. „Dann suchen wir doch noch eine coole Antwort für dich wenn du wieder provoziert wirst. Der blöde alte Satz und alle, die ihn dir an den Kopf werfen wollen, lassen dich von nun an sowieso kalt.“

So gern ich das noch gehört hätte, ich verabschiedete mich und beschloss, nach Hause zu fahren. Meine Katze Bella machte mir Sorgen, sie schien diese Tage nicht richtig gesund zu sein. Ich wollte sie nicht zu lange allein lassen. Timo lief mir ein paar Schritte nach, nahm mich in den Arm und hauchte mir: „Du wirst es nie zu etwas bringen“ mit dieser erotischen ‚Ruf-mich-an‘ Stimme der Spätprogramme ins Ohr. Dazu klimperte er verführerisch mit seinen blödsinnig langen Wimpern. „Die Erwachsenen-Version, funktioniert immer“, grinste er zufrieden, als ich mir eine weitere Lachträne aus dem Auge wischte.

Erst im Tram kam mir in den Sinn, dass ich noch immer nichts über Timos Hausfriedensbruch Aktion von gestern wusste. Der Zeitungshalter war leer, doch drei Sitze weiter vorne lag ein ziemlich schmutziges und zerknittertes „Pendler-News“ Exemplar. Ich hörte eine innere Stimme, die fand, ich sollte nun unbedingt diese Seite 17 lesen. „Du musst schliesslich wissen was los ist.“ „Er wollte es dir ja ohnehin erzählen.“ „Vielleicht ist er trotz allem einfach nur kriminell.“ „Dass noch eine Zeitung da liegt, ist schliesslich ein Zeichen.“  Ich pflichtete allem bei und blieb dennoch einfach sitzen. Das Tram war halb leer um diese Tageszeit. Genau bei der Haltestelle, die mir vor drei Tagen so überraschend Timo und Buddy ins Leben gebracht hatte, stieg ein alter Mann ein und schnappte sich die Zeitung.

Dies war nun mein echtes Zeichen. Ich würde den Artikel auch nicht online lesen. Ich musste nicht mehr alles wissen. Zufrieden schaute ich aus dem Fenster und merkte plötzlich, dass ich die zuvor bei Timo nach langer Zeit wieder einmal gehörte Pippi Langstrumpf Melodie vor mich hin summte. Wie lautete schon wieder der Text? Ah richtig: „Ich mach‘ mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt…hey…Pippi Langstrumpf – die macht was ihr gefällt. -“

Ich streckte meine Beine aus und überlegte mir, wie diese wohl in bunt geringelten Socken aussehen würden.

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