Das blaue Band

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Es war reiner Zufall, dass ich ein paar Tage später doch eine Ahnung von Timos Doppelleben bekam.

Ich hatte mir angewöhnt, ihn um die Mittagszeit vor dem Shopping Center an der Sihl zu treffen. Meistens fand ich ihn mitten unter den Leuten, die er fasziniert beobachtete und deren Gedanken und Träume er auf telepathische Art zu empfangen versuchte. „Spannender als jedes Buch und jede TV Show“, behauptete er jeweils. Er liebte es, traurige oder mutlose Menschen aufzuheitern und zu trösten. Meistens schickte er mich hin, um ihnen mit der richtigen Bemerkung oder einem unerwarteten Kompliment genau die Freude und Zuversicht zu schenken, die sie in dem Moment brauchten. Mit verrückten Ideen und viel Spass planten wir, wo und wie ich diese sozusagen massgeschneiderten Aufmunterungen scheinbar spontan an den Mann oder an die Frau bringen konnte. Wir lachten viel und teilten uns bei diesen Brainstormings oft fast eine ganze  Rolle Pfefferminzbonbons. „Du wirst eine richtige Schauspielerin“, lobte Timo. Ehrlich gesagt, merkte ich selber wie ich aufblühte. Mein Leben war spannender und farbiger geworden. Ich lächelte nun oft vor mich hin beim Gedanken, dass ich eine Art Glücksfee geworden war, plötzlich und unerwartet.

Dies lenkte mich auch von meinen eigenen Sorgen um meine geliebte Katze ab. Timo wusste davon und versuchte uns zu helfen. Er hatte mich um ein Foto von Bella gebeten, nahm täglich telepathisch Kontakt mit ihr auf und tat alles, um sie zum Fressen zu bewegen. Ihre Nierenfunktion war beeinträchtigt und wie es diese Krankheit leider mit sich bringt, hatte sie fast keinen Appetit mehr. Da jeder Tag ohne Futter ihr enorm schadete, brauchte es ein ständiges Bitten, Betteln und Locken meinerseits, damit sie wenigstens ein paar Bissen zu sich nahm. Ich versuchte ihr jedes erhältliche Futter schmackhaft zu machen. Oft war es für mich eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Ich schwankte zwischen Hilflosigkeit und Frust an einem Tag und Hoffnung und Freude am nächsten.

Dass Timo keinen Hund mit Superkräften brauchte, um Gedanken zu lesen, war mir längst klar geworden. „Konntest du das schon immer?“ hatte ich gefragt und zu meinem Erstaunen erfahren, dass alle Menschen als kleine Kinder diese Fähigkeit haben und auch mit Tieren kommunizieren können. Später geht dies meistens verloren und vergessen zugunsten der gesprochenen Sprache. Das heranwachsende Kind lernt schnell, dass diese viel effektiver ist in Familie und Umfeld. Bei vielen Urvölkern war und ist Gedankenübertragung auch unter Erwachsenen seit jeher völlig normal.

„Man kann sich diese Fähigkeit wieder zurück holen“, versicherte Timo, „es ist, als ob man sich an eine vergessene Fremdsprache erinnert. Es braucht am Anfang jedoch viel Übung. Ich hatte das Glück, dass mein hoffnungslos romantischer und philosophischer Vater sich mit diesen Themen beschäftigte und sie mir schon als Kind nahe brachte.“

„Und wie holt man dieses Wissen aus der Versenkung?“ fragte ich skeptisch. „Ich selber liege meistens falsch, wenn ich versuche herauszufinden, was jemand denkt.“ „Es ist nicht schwierig“, sagte Timo langsam und mit bedeutungsvoller Stimme, „allerdings musst du dafür einen Mord begehen.“ „Wie bitte?!“ Zu Timos Erheiterung blieb mir der Mund offen stehen. Er lachte laut auf und drückte mich kräftig. „Nur sinnbildlich gesprochen natürlich – du musst dein Ego und deine eigenen Gedanken, das was die Buddhisten Affengeschnatter im Hirn nennen, zum Schweigen bringen. Ach, ich liebe es, dich auf den Arm zu nehmen, du aufrechte und gesetzestreue Schweizerin.“

Bevor ich protestieren konnte, redete er weiter. „Wenn du dich mit einem Menschen oder Tier innerlich verbinden willst, geht es nur um diese und nicht um dich. Deine Gedanken und Ansichten sind für den Moment schlicht nicht gefragt. Je leerer und ruhiger dein Geist ist, desto offener und empfänglicher bist du für fremde Gefühle. Ich persönlich komme am schnellsten in diesen Zustand, indem ich mich nur noch auf die Geräusche meiner Umgebung konzentriere. Erst achte ich auf die leisen, nahen, dann auf die weiter entfernten Töne und schliesslich versuche ich das fast Unhörbare aufzufangen. Auf diese Art wird alles ruhig in mir und es öffnet sich quasi ein leerer Raum für die andere Seele. Deren  Ansagen kommen daraufhin so klar, als ob sie auf eine Tafel geschrieben würden. Ich muss nur noch lesen. Doch wie gesagt: es braucht Übung. Das Ego mag es gar nicht, wenn es übergangen wird; und nicht zu werten, sind wir uns einfach nicht gewöhnt.“

Ich holte tief Luft und beschloss ihm die Frage zu stellen, die mir schon lange im Kopf herum ging. Nicht, dass es mich etwas anging! Doch dieser intelligente und offenbar gesunde junge Mann vertrieb sich die Tageszeit vor einem Shopping Center. Arbeitete er denn nicht? Seine Kleidung war immer sportlich und leger, dazu sauber und ohne diese grässlichen Löcher und Risse, die heutzutage offenbar dazu gehören. Sein Hund war ebenfalls gut genährt und gepflegt. Obdachlos waren die beiden ganz sicher nicht. So gern mir Timo aus dem Leben anderer erzählte, mit Details aus seinem eigenen geizte er.

Und so schwieg er erst einmal, als er realisierte, worauf ich mit meiner vorsichtig gestellten Frage hinaus wollte. Dann seufzte er traurig und schaute weg. „Ach weisst du Wispy, es ist nicht einfach, Arbeit zu finden. Buddy könnte ich sowieso nicht den ganzen Tag allein lassen. Meistens kommen wir mit dem Arbeitslosengeld durch. Doch oft bleibt mir nichts anderes übrig, als an den Bahnhöfen zu betteln. Wenn ich sage, dass ich Geld für Hundefutter brauche, sind die Leute meistens spendabel. Es ist trotzdem sehr demütigend.“ Ich wollte ihm ins Gesicht schauen, zu oft hatte er mich schon auf die Schippe genommen. Doch er biss sich auf die Unterlippe, wandte abrupt den Kopf ab und streichelte intensiv Buddys lockiges Fell. Täuschte ich mich oder bebte sein Rücken ein wenig? Er würde doch nicht…? Ich legte ihm den Arm um die Schultern. Sie zuckten tatsächlich ein wenig. Hilflos schaute ich Buddy an und zischte schliesslich: „Mach doch etwas! Ich dachte, Hunde spüren, wie es ihrem Meister geht?!“

Buddy gähnte, streckte sich ausgiebig und legte sich dann flach auf den Boden. Von da blinzelte er zu mir hoch. Lachte er mich etwa aus?! Er lachte mich aus! Nun richtete sich auch Timo auf und schaute mich an. Er hatte tatsächlich Tränen in den Augen – vor lauter unterdrücktem Lachen. Er prustete los und nahm mich fest in den Arm. „Es tut mir so leid Wisp“, japste er, „ich konnte einfach nicht widerstehen. Was hast du mir nicht alles zugetraut, als wir uns das erste Mal getroffen haben! Vom Taschendieb über den Trickbetrüger bis zum psychisch gestörten Sozialfall war alles dabei. Dies war meine kleine Rache.“ Er amüsierte sich königlich auf meine Kosten.

„Ach komm, nicht beleidigt sein“, schmeichelte er ein paar Minuten später, „ich erzähle dir dafür jetzt die Wahrheit. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich dreisprachig aufgewachsen bin. Mein Vater stammt ursprünglich aus Italien, meine Mutter aus England. Unsere Familiensprache ist zwar Schweizerdeutsch, doch wenn ich mit einem der beiden allein bin, reden wir seit jeher in der entsprechenden Muttersprache. Später habe ich den Bachelor of Arts bestanden und arbeite nun als freiberuflicher Übersetzer. So kann ich meine Arbeitszeit selber einteilen und zu Buddy zu schauen, ist auch kein Problem. Abgabefristen und Zeitdruck kenne ich allerdings zur Genüge. Doch ich werde zum Glück anständig bezahlt für meine Arbeit. Hey, ich bin natürlich auch super gut. Das Szenarium mit dem Bettelplakat um den Hals kann noch warten.“ Und wieder schüttete er sich aus vor Lachen.

„Und wo wohnst du, wenn du nicht gerade in dem geheimnisvollen Haus am Waldrand zu finden bist, von dem du mir erzählt hast?“ Ich wollte seine unerwartete Offenheit nutzen. Tatsächlich lenkte er nicht wie üblich ab. „Ich durfte die Einliegerwohnung meiner Eltern mieten. Früher haben die Grosseltern dort gewohnt. Für mich ist es perfekt so, ich habe ein eigenes Bad, eine eigene Küche und zwei kleine Zimmer. Wenn ich mal ohne Buddy weg will, wird für ihn gesorgt. Meine Eltern haben mir dieses Angebot nach dem Tod der Grosseltern vor zwei Jahren gemacht, weil sie möglichst keine fremden Leute im Haus wollten. Es gibt nur einen Hauseingang. Korridor, Balkon und Garten werden gemeinsam benutzt. Eine Win-Win Situation, wenn du so willst. Und nun wohnt tatsächlich ein Hund namens Buddy bei uns! Meine Eltern lieben ihn mindestens so sehr wie in meinen Tagträumen. Mein sehnlichster Kinderwunsch ist fast 20 Jahre später doch noch in Erfüllung gegangen.

Es hat noch etwas Gutes. Meine Familie unterstützt meine Aktionen zwar nicht, doch Mutter und Vater sind loyal genug um mich zu decken, wenn ich wieder einmal für ein Weilchen verschwinden muss. Manchmal fragt die Polizei nach mir. Meine Eltern erzählen dann, dass ich wohl für ein paar Tage weggefahren sei, zum Wandern, Bergsteigen, Skifahren oder zu einer Freundin. So genau wüssten sie es nicht. In meinem Alter müsse ich ja nicht mehr Rechenschaft ablegen und aufs Handy anzurufen bringe erfahrungsgemäss nicht viel, da ich es meistens nicht einmal dabei hätte. Zu ihrer Erleichterung müssen sie überhaupt nicht lügen dabei. Sie sind wie du“, lachte Timo, „immer schön auf dem rechten Weg bleiben.“

„Deine Familie, sagst du? Hast du denn Geschwister?“ wollte ich die Gunst der Stunde nutzen, doch Timo schaute schon seit einiger Zeit immer wieder auf die Uhr und hatte bereits mehrere Telefonanrufe weggedrückt. Nun wurde er unruhig und erklärte, dass er noch etwas vor habe und erst Buddy nach Hause bringen müsse. Ich bekam einen flüchtigen Kuss auf die Wange und von Buddy einen feuchten Stupser gegen die Hand, als ob er sich fürs Auslachen entschuldigen wollte. Und weg waren sie.

Ich hätte gern noch etwas Weiteres gefragt. Als Timo vorhin mit seinem Smartphone herumgespielt hatte, war mir eine Art Armband aufgefallen, welches unter seinem linken Ärmel hervorblitzte. Kobaltblau und Magentafarben. Als ehemals begeisterte Zeichnerin erkannte ich diese beiden Farben sofort und wusste um ihre mystische Bedeutung.

Ich nahm mir vor, beim nächsten Treffen danach zu fragen. Es war Mitte Nachmittag und nachdem ich eine weitere Auswahl an Katzenfutter Säckchen für Bella eingekauft hatte, fuhr ich zum Hauptbahnhof, um mein Tram- und Busabonnement erneuern zu lassen. Wie üblich musste ich mich hinter einer langen Reihe Wartender anstellen. Gelangweilt sah ich mich um und beobachtete die Leute. Da fiel mir ein stämmiger junger Mann mit kurzgeschorenen Haaren auf, der ein paar Meter von mir entfernt hin und her gehend in sein Telefon sprach. Er war ganz schwarz gekleidet und fuhr sich ständig mit der linken Hand über den Kopf. Er hielt dabei sein Handgelenk so gedreht, dass man die Innenseite von überall her gut sehen konnte. Er trug ein kobaltblaues Armband mit magentafarbenen Mustern, welches auf seiner Arminnenseite zu einem breiten „V“ wurde.

Ich wühlte umständlich in meiner Tasche, als ob ich etwas suchen würde, trat aus der Kolonne aus und versuchte in die Nähe des Mannes zu gelangen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich versuchen wollte, etwas von diesem Gespräch mitzubekommen. Doch der Mann achtete darauf, dass er immer frei stand. Er schaute sich aufmerksam um. Immer mehr meist junge Leute blieben in seiner Nähe stehen und schienen auf etwas zu warten. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich nicht oder nicht gut kannten, doch offenbar gehörten sie trotzdem zusammen. Sie standen in mehreren kleinen Gruppen herum und redeten nicht viel. Doch alle trugen das blaue Armband, meistens von der Kleidung fast verborgen. Es schien ein Kennzeichen zu sein.

Durch Timo hatte ich bekanntlich schauspielern gelernt. Ich suchte mir eine nett aussehende junge Frau am Rande der Gruppe aus, stolperte gekonnt neben ihr und liess meine Tasche mit so viel Schwung fallen, dass all meine Katzenfuttersäckchen weitum verstreut lagen. Sie bückte sich sofort und half mir auflesen, dabei rutschte ihr Pulloverärmel nach hinten und ich sah das schöne Band mit den satten Farben und dem breiten „V“ auf der Handgelenkinnenseite. „Oh, was für ein schöner Schmuck“, rief ich entzückt aus. „Wo kann man denn so etwas kaufen?“ Die junge Frau presste die Lippen zusammen und zog schnell den Ärmel bis fast über die Hand. „Es tut mir leid, ich muss nun gehen“, sagte sie hastig und wirklich, die Gruppe machte sich bereits auf den Weg zu den Tramhaltestellen. Die Leute gingen betont unbeteiligt und mit Abstand nebeneinander her, als ob sie sich nicht kennen würden.

Nur der Schwarzgekleidete war noch da. Er schien auf einen jungen Mann zu warten, der vom Gleis her geeilt kam und achtete nicht auf mich. Ich stellte mich hinter ihn und wühlte schon wieder suchend in meiner Handtasche. Ausser Atem traf der offenbar letzte der eigenartigen Gruppe ein. „War Bud hier?“ fragte er keuchend. „Nein“, sagte der erste, „er koordiniert alles und trifft uns vor Ort.“ Und damit machten sie sich ebenfalls auf den Weg.

Nun ärgerte mich meine Futterbeutel Aktion ein wenig. Einige der Jungen hatten mich und die junge Frau beim Aufsammeln beobachtet. Wenn ich nun dicht hinter ihnen hergehen würde, in der Hoffnung mehr zu erfahren, würde das sicher sofort auffallen. Der Grossteil der Gruppe war sowieso bereits verschwunden. Und hatte ich nicht erst noch beschlossen, dass ich gar nichts von Timos geheimen Aktionen wissen wollte?

„Erst Pippi Langstrumpf und jetzt wirst du Miss Marple, oder was?!“ schimpfte ich innerlich ein bisschen mit mir selber. Doch ich schmunzelte den ganzen Heimweg über vor mich hin.

Später am Abend fasste ich einen plötzlichen Entschluss. Ich stand von der Couch auf, schaltete den Fernseher aus und ging auf den Dachboden. Eigentlich hatte ich nur meine Zeichenutensilien holen wollen, die da seit Jahren unbenutzt Staub angesetzt hatten. Ich hatte Lust bekommen, das geheimnisvolle Armband mit den schönen Farben zu malen, welches mir nicht aus dem Kopf ging. Zwei Stunden später sass ich immer noch auf dem Dachboden und wühlte in Fotos, Briefen und Zeichnungen, überwältigt von all den Erinnerungen. Ich hatte so vieles versucht zu vergessen und und zu verdrängen und dies mit einer latenten Melancholie bezahlt, für die ich glaubte, keine Erklärung zu haben. Nun war ich bereit für eine Konfrontation. Was konnte mir schon passieren?

2 Antworten auf „Das blaue Band“

  1. Gute Erzählung! Ich hoffe mehr über Whispy zu erfahren, diese Person wirkt sehr sympathisch. Ich freue mich auf die nächste Folge.

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