Der Mann mit dem Pferdeschwanz

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Samira hatte in diesem aktuellen Theaterstück keine sehr grosse  Rolle. Seit sie die Buchhandlung von ihren Brüdern übernommen hatte, war ihre Freizeit beschränkt und ihre Energie reichte nicht mehr für stundenlanges Texte büffeln. Während die anderen probten, gingen wir im Nebenzimmer leise durch den Fundus an Kleidern. Samira bemerkte meinen Mangel an Enthusiasmus und meine Niedergeschlagenheit. Sie legte tröstend den Arm um mich, sagte jedoch vorsichtig: „Entschuldige, meine Liebe, aber ich muss Timo recht geben. Du bist diese Tage sehr dünnhäutig und erträgst nicht die Andeutung einer Tierquälerei, ich könnte mir vorstellen, dass dich diese Aufgabe überfordert. Vermutlich würdest du zu heulen oder zu schreien anfangen, wenn du dir diese Pelzkrägen um den Hals legen müsstest. Wenn du mich fragst, bist du im Moment nicht die richtige Person dafür. Kann Timo nicht jemand anderes schicken?“ „Vermutlich nicht und ich will ihn auch nicht im Stich lassen, jetzt, wo ich endlich einen Teil beitragen darf“, seufzte ich unglücklich. Unterdessen war ich in ein elegantes Kostüm geschlüpft und trug darüber einen teuer aussehenden Mantel mit passendem Hut. Nach Samiras Anweisungen drehte und wendete ich mich vor dem Spiegel und musste zugeben, dass Kleider wirklich Leute machten. Doch ich sah fremd aus in den Sachen und fühlte mich nicht wohl. Neidisch beobachtete ich Samiras selbstverständliche Eleganz, während sie spielerisch ein paar der Theaterkleider anprobierte. Sie sah in allem gut aus. Bei ihr wertete ein simpler Schal ein schlichtes Kleid total auf, während ich in ähnlichen Sachen wie verkleidet aussah. Zudem hatte es wenig Auswahl in meiner Grösse. „Du solltest diese Aufgabe übernehmen, Samira, du wärst perfekt dafür“, sagte ich schliesslich entmutigt. „Das würde ich gern“, versicherte sie, „doch ich kann die Buchhandlung nicht einfach für ein paar Tage schliessen. Komm, gehen wir zu den andern, sie machen gerade Pause. Vielleicht haben sie ein paar Tipps für uns. Bei der Probe danach muss ich für eine halbe Stunde dabei sein, ich schlage vor, du übst in dieser Zeit das Gehen in hochhackigen Schuhen. Das sieht überzeugender aus und gibt dir mehr Statur.“

Einige der Theaterleute hatte ich bereits bei der Vernissage kennengelernt. Es war eine lustige, kreative Truppe, die offenbar genauso intensiv feiern konnte wie sie ihre Stücke einübte. Wie ich herausgehört hatte, unternahmen sie auch privat so einiges zusammen. Die jeweiligen Partnerinnen und Partner gehörten gleichberechtigt wie die aktiven Mitglieder zur Gruppe, halfen hinter den Kulissen mit und waren unbezahlbare Stützen beim Abhören der Texte. Während der Kaffeepause erklärte Samira allen, weshalb ich hier war und was ich lernen wollte. Die Regie des Theaters führten Susanna und Ralf, die ich für ein altes, eingespieltes Ehepaar gehalten hatte, bis mir Samira nach der Vernissage erzählte, dass sie Geschwister waren und Susanna mit einer Frau namens Lena zusammen lebte. Diese Freundin lernte ich an jenem Abend kennen und war beeindruckt von ihrem selbstsicheren und entspannten Auftreten. Sie trug die in verschiedenen Blondtönen gesträhnten Haare kurz und asymmetrisch, was ihr ein fröhliches, unkonventionelles Aussehen gab. Susanna bildete mit ihrem braunroten, exakt geschnittenen Pagenkopf den perfekten Kontrast dazu. Beide Frauen hielten offenbar nicht viel von Farbenmix bei Kleidern: Susanna trug einen langen Jupe mit Bluse und leichtem Pullover in verschiedenen Rottönen, während Lenas saloppes Oberteil und die engen Jeans quittengelb waren, so dass die ganze zierliche Person zu leuchten schien. Dass die beiden Frauen ständig turtelten, schien weiter niemandem aufzufallen oder die Gruppe  war es sich schlicht gewohnt. Während Susanna mit ihrem Bruder oft äusserst temperamentvoll über das Theaterstück und die Regie diskutierte – man hätte es schon fast streiten nennen können – wurde sie augenblicklich sanft und friedlich, sobald ihre Freundin neben ihr stand.

Lena nahm mich unter ihre Fittiche, während auf der Bühne weiter geprobt wurde. Statt dass mich ihre souveräne, lockere Art aus dem Tief holte, wurde ich noch unsicherer und war mir schliesslich selber fremd.  „Schätzchen, so wird das nichts“, sagte Lena denn auch nach einer Weile. „Du wirkst nicht glaubwürdig, wenn du nach wenigen Schritten in diesen Schuhen ins Straucheln gerätst und ständig an deinem Kleid herum zupfst. Was hattest du eigentlich mit deinen Haaren im Sinn? Die Frisur müsste schon einigermassen zu den Kleidern passen, das Schminken hingegen können wir dir beibringen. Wenn wir mehr Zeit hätten, würden wir alles hinkriegen, doch wenn ich recht verstanden habe, soll die Aktion schon bald starten. Du brauchst zusätzlich noch einiges an Sprechtraining ­– der Ton, in welchem du Pelzmäntel zu sehen wünschst, ist trotzig und aggressiv statt selbstbewusst. Fährst du wenigstens mit dem Auto vor, damit du nur wenige Schritte gehen musst bis zu den Geschäften? Wenn ich richtig verstanden habe, wirst du einige Tage unterwegs sein?“ „Nein, ich habe nicht einmal den Führerschein“, musste ich kleinlaut gestehen und verlor den Mut immer mehr. Als Samira ihre Probe beendet hatte und wieder zu uns stiess, war ich den Tränen nah. „Wenn Timo mich nur begleiten könnte“, wünschte ich mir sehnlichst, doch Samira versuchte ein Lachen zu verbergen und schüttelte den Kopf. „Entschuldige, Wispy. Ich habe deinen jungen Freund zwar erst einmal gesehen und von deinen Schilderungen her ist mir klar, dass Timo ein ganz aussergewöhnlicher und liebenswerter Mensch sein muss. Doch äusserlich gesehen ist er kaum der Typ, dem man den Kauf eines Pelzmantels für seine Mutter abnehmen würde.“ Ich verzog das Gesicht, musste ihr jedoch insgeheim recht geben. Susanna setzte sich mit einem Kaffee in der Hand zu uns und hörte zu. Dann sprang sie plötzlich auf:  „Nehmt euch doch auch einen Kaffee! Ich glaube, Wispy braucht dringend eine Pause. Ich muss kurz telefonieren, ich hatte soeben eine glänzende Idee. Wartet hier auf mich, ich bin gleich zurück.“ Sie machte ihren Anruf im Korridor und somit ausser Hörweite, wir sahen sie jedoch hin und hergehen und intensiv gestikulieren. Nach einer Weile kam sie lächelnd zurück, doch ich bemerkte ein nervöses Zucken um ihre Augen. „Alles klar“, meinte sie, ohne Samira anzusehen und machte sich erneut an der Kaffeemaschine zu schaffen, „Dave könnte Wispy begleiten und die Rolle ihres Ehemannes spielen. Er würde sie mit dem Auto von Ort zu Ort chauffieren und in den Geschäften das Reden übernehmen. Zusammen wären sie ein super Team.“  Ich schaute Samira fragend an, denn diese hatte sich bei der Erwähnung des Männernamens verschluckt und hustete nun ununterbrochen. „Dave ist mein Nachbar“, erklärte Susanna nun, „er war früher aktives Mitglied der Theatergruppe. Vor zwei Jahren mussten Samira und er ein Liebespaar spielen. Auf der Bühne sah es überzeugend aus, doch hinter den Kulissen flogen ständig die Fetzen. Sie wollten sich gegenseitig übertrumpfen, zwei zu starke Charaktere, die sich leider einfach nicht zusammenraufen konnten.“ Und, mit schiefem Blick Richtung Samira: „Jedenfalls hat Dave danach leider das Schauspielern aufgegeben. Er behauptet bis heute, dies hätte nichts mit unserer Freundin hier zu tun, doch ich merke bei jedem Gespräch, wie sehr er das Theater und unsere Gruppe vermisst. Du musst zugeben, Samira, für diese kleine Aktion mit deiner Freundin wäre er hervorragend geeignet.“ Susanna hatte offenbar ihr Selbstbewusstsein wieder gefunden und ihr Ton hatte etwas Schärfe bekommen. Samira zuckte mit den Schultern und hustete weiter, doch ich hatte den Verdacht, dass sie dies künstlich verlängerte. „Wie auch immer“, meinte Susanna nun entschieden, „Dave brauchte etwas Überredungskunst meinerseits, da er nicht mehr schauspielern wollte, doch die Herausforderung reizte ihn gegen seinen Willen. Ich werde ihm morgen die nötigen Instruktionen geben. Er ruft dich in den nächsten Tagen an, Wispy, ist das in Ordnung? Darf ich ihm deine Nummer geben?“ Ich sagte noch so gern ja. Mit einem Schlag waren meine Zweifel verflogen. Zu zweit sah die Sache bereits bedeutend besser aus. Nur schon der Gedanke, dass ich in den hochhackigen Schuhen nicht auf lange Zugreisen, sondern vermutlich nur wenige Schritte gehen musste, versetzte mich in Hochstimmung. Auf dem Heimweg war ich wieder bester Dinge und versuchte, Samira über diesen Dave auszuquetschen, doch sie war einsilbig. „Alle geben mir die Schuld daran, dass er die Gruppe verlassen hat, doch du wirst sehen, dass es nicht einfach ist, mit ihm auszukommen. Als Schauspieler ist er allerdings fast unschlagbar…“ murmelte sie schliesslich. „Ausser für dich?“ rutschte mir heraus, worauf ich keine Antwort, dafür einen ziemlich giftigen Seitenblick erhielt.

Timo war begeistert, als er am übernächsten Tag hörte, dass ich vielleicht begleitet werden würde auf meiner Mission. Wir sassen in einem überfüllten Café vor dem Einkaufszentrum. Es war ein kalter Tag, niemand mochte sich draussen aufhalten. „Ein Ehepaar, natürlich, weshalb bin ich nicht selber auf die Idee gekommen? Während dieser Mann mit dem Verkaufspersonal spricht, kannst du vermutlich unbeobachtet durch die Mäntel und Jacken gehen und deren Etiketten und Deklarationen kontrollieren. Zu zweit könnt ihr viel mehr erreichen. Hast du ihn schon kennengelernt?“ „Er hat mich heute angerufen und wir treffen uns morgen Abend im Theatercafé, um alles zu besprechen“, berichtete ich. „Von der Stimme her hatte ich ein gutes Gefühl, ich denke er wird höflich, jedoch bestimmt und souverän auftreten.“ Ich verschwieg Timo, dass es die schönste, sonorste und männlichste Stimme gewesen war, die ich je gehört hatte. Dieser Dave hätte mir das Telefonbuch vorlesen können und ich hätte vermutlich hingerissen zugehört. Nun fuchste es mich ein wenig, dass ich so gar nichts über sein Aussehen wusste. Samira würde ich wohl besser nicht darauf ansprechen. Als ich ihn selbst danach gefragt hatte am Telefon, damit wir uns erkennen würden, hatte er nur gelacht und versichert, nach der Beschreibung seiner Nachbarin würde er mich im Café problemlos entdecken. „Mich musst du halt nehmen, wie ich bin“, waren seine abschliessenden Worte und ich konnte mir nicht vorstellen, dass dies ein Problem sein würde.

„Kommst du später mit zu Mona?“ unterbrach Timo meine Gedanken und schaute zum wiederholten Mal auf seine Uhr. „Ich habe versprochen, heute nochmals die Hundefamilie zu hüten, bis Albert von der Arbeit kommt. Man kann den Welpen fast beim Wachsen zuschauen, sie werden täglich noch süsser. Ich würde sie alle behalten, wenn ich könnte. Nun hast du sie schon eine Weile nicht mehr gesehen, du vermisst sie doch sicher?“ Ich nickte bloss und liess Timo ohne Worte wissen, dass ich Angst davor hatte, eine zu enge Bindung zu Benji aufzubauen, bevor ich abreisen musste. Manche Dinge benötigten keine gesprochenen Worte mehr zwischen uns. Er drückte meinen Arm, um mich wissen zu lassen, dass er verstanden hatte. Allerdings hatte ich nun das unwiderstehliche Bild des kleinen, goldenen Fellbündels in meinem Kopf und fühlte eine grosse Sehnsucht nach Benji, gleichzeitig mit einer neuen Welle von Trauer um Bella. „Ja, ich komme gern mit dir“, sagte ich schliesslich. In meine leere Wohnung hätte ich im Moment nicht zurückgehen können. „Lass uns die Rechnung bezahlen und aufbrechen.“

Dies war allerdings leichter gesagt als getan. Die Bedienung, eine Frau mittleren Alters mit unzufriedener Miene, hatte zuvor ohne ein Wort zu sagen unsere Bestellung aufgenommen und uns danach die Tassen mehr oder weniger auf den Tisch geknallt. Ich hatte Timo fragend angeschaut. „Schwierig“, sagte dieser. „Sie ist sehr verschlossen. Es könnten Eheprobleme sein, Schwierigkeiten mit halbwüchsigen Kindern oder Schwiegereltern, finanzielle Sorgen – es fühlt sich bei ihr alles etwa gleich an. Ich spüre neben Frust und Überforderung eine beginnende Gleichgültigkeit, die leicht in eine Depression führen könnte. Was würde sie wohl aufheitern?“ Darauf hatte ich keine Antwort. Nun spielte Timo gedankenverloren mit Buddys Leine, während ich die Rechnung an mich nahm und versuchte, die Aufmerksamkeit der Kellnerin zu erhaschen. Diese räumte mechanisch das schmutzige Geschirr von den Tischen und schaute sich nicht um, obwohl sie allein für die vielen Gäste zuständig war. Timo und ich wechselten uns jeweils ab mit Bezahlen, an jenem Tag war ich dran. „Wie kann das so lange dauern“, beschwerte ich mich ungeduldig, doch Timo sprang auf, drückte mir Buddys Leine in die Hand und sagte, er sei gleich zurück. Ich hatte soeben endlich unsere Rechnung beglichen, als er mit einer farbigen Geschenktüte ins Restaurant zurückkam. „Meine Tante hatte dieselben Probleme mit den Beinen wie Sie“, sagte er zu der mürrischen Frau, die ihn misstrauisch musterte. „Muss ganz schön wehtun am Ende des Tages.“ Erst jetzt bemerkte ich ihre Krampfadern und die aufgeschwollenen Knöchel, die aus den halbhohen Schuhen zu quellen schienen. „Wenn Sie Ihren Füssen heute Abend ein langes, warmes Bad mit diesem Salz gönnen und danach die beiliegende Salbe einmassieren, gehen Sie morgen wie auf Wolken. Nach dieser strengen Arbeit haben Sie zuhause eine Verwöhnstunde für sich verdient.“ „Mein Timo, wie er leibt und lebt“, dachte ich gerührt. Wie üblich waren wir weg, bevor die Frau sich von ihrer Überraschung erholt hatte. „Hast du überhaupt Tanten?“ stupste ich Timo in die Seite. „Ja, in Italien, etwa so viele wie Mütter“, feixte dieser. „Ob sie Probleme mit den Beinen haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Doch dass schmerzende Füsse einem das Leben zusätzlich schwer machen können, ist leicht nachzufühlen. Sich selber zu verwöhnen, könnte ein befreiender kleiner Schritt aus der Tretmühle sein, in diesem Fall sogar wortwörtlich.“

In Monas Wohnzimmer wurden wir stürmisch begrüsst von der Hundefamilie. Ich konnte mich kaum sattsehen an der unterdessen schönen, gesunden Destiny und ihren munteren Babys, deren Schwänzchen aufgeregt hin und her wedelten. Sie schubsten sich gegenseitig von unseren streichelnden Händen weg, jedes wollte die grösste Aufmerksamkeit. Benji hatte sich sofort eng an meine Beine gekuschelt und mein Herz wurde schwer. „Es war gar nicht so einfach, im Haus den richtigen Ruheplatz für sie zu finden“, riss mich Timo aus meinen Gedanken. „Wenn zu viel los war um sie herum, wurden die Kleinen nervös und schliefen nicht mehr genug. Totale Ruhe gefiel ihnen jedoch auch nicht, dann machten sich ständig auf die Suche nach uns. Mona ist nicht sehr glücklich damit, dass die ganze Hundefamilie nun direkt neben dem Sofa platziert ist, doch schon bald werden auch die Babys einige Zeit des Tages im Freien verbringen können. Komm, nehmen wir sie alle für ein paar Minuten mit nach draussen, ich will dir das feudale Hundehaus zeigen. Wir sind total stolz auf unseren Eigenbau.“

Benji kugelte und tollte mit den anderen im Gras herum, doch er liess mich nicht aus den Augen. „Darf ich das nächste Mal Samira mitbringen, Timo? Sie hat sich auf den ersten Blick in die beiden weissgesockten Schwestern verliebt, als ich ihr Fotos und Videos zeigte. Sie möchte sich eine, vielleicht sogar beide reservieren. Wie sie sagte, hatte sie sich schon lange einen Hund gewünscht.“ „Das wäre super“, meinte Timo, „denn eigentlich wollen wir die Schwestern nicht trennen, wenn es irgendwie geht. Sie sind ständig zusammen. Wir nennen sie denn auch Hanni und Nanni. Die Namen können allerdings problemlos geändert werden, sie hören ohnehin nicht auf sie.“  Als ob sie alles verstanden hätten, legten sich die beiden Hundemädchen vor mir auf den Rücken und wollten gleichzeitig ihre kleinen, schwarzweiss gemusterten Bäuche gekrault haben. Sie waren etwa gleich gross, während ihr erst geborener Bruder ein wenig schneller gewachsen war. Benji drängte sich sofort eifersüchtig dazwischen. Er war noch immer der Kleinste der vier und würde vermutlich zierlich bleiben. „Bei welchen Menschen landest du wohl?“ flüsterte ich ihm ins Ohr und hoffte inständig, dass auch er sein endgültiges Zuhause bei jemandem aus meinem Bekanntenkreis finden würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, ihn ganz zu verlieren. Benji stupste meine Nase mit der seinen an und fiepte leise. „Ich weiss, ich weiss…“, flüsterte ich wehmütig. „Ich würde dich sofort behalten. Doch es ist wirklich nicht möglich. Ich verspreche dir jedoch, dass nur der beste Platz gut genug sein wird für dich. Schliesslich habe ich deine Mama gehört und gerettet, da werde ich bei eurer Adoption wohl ein Wörtchen mitzureden haben.“

Als wir ein Auto vorfahren hörten, vermuteten wir, dass Albert früher von der Arbeit komme. Doch es war Mona. Nach einer förmlichen gegenseitigen Begrüssung standen wir uns alle drei einen Moment lang verlegen gegenüber. „Ich muss überraschend an einen Event heute Abend“, sagte Mona schliesslich, „deshalb möchte ich vorher duschen und mich umziehen. Beachtet mich nicht, in einer Stunde bin ich wieder weg.“ Doch ich hatte Timos Gesichtsausdruck gesehen und seine Zerrissenheit und die Emotionen gespürt, die beim überraschenden Erscheinen seiner Mutter in ihm aufgestiegen waren. „Können wir uns bitte kurz zusammen ins Wohnzimmer setzen?“ bat ich die beiden, „ich hatte eine Idee für die Pelzkampagne, die ich mit euch besprechen will. Dauert nicht lange.“ Als sie zögerten, wurde ich energischer. „Wir können natürlich auch hier draussen stehen bleiben, wenn euch das lieber ist. Ich brauche jedoch euer Feedback. Falls mein Vorschlag machbar ist und ihr in gut findet, haben wir nicht viel Zeit für die Durchführung.“ Ich wäre gern ins Haus gegangen, da ich zu frieren begann, doch Mona und Timo blieben wie angewurzelt stehen und starrten sich stumm an. So schilderte ich ihnen, wie mir der Ausdruck in den Gesichtern der jungen Leute beim letzten Informationstreffen Eindruck gemacht hatte. Ich hatte sie mir auf Einzelfotos vorgestellt, jeweils mit einem Haustier wie Hund, Katze, Chinchilla oder Kaninchen in den Armen, darunter den Text: ‚Echten Pelz trägt man nur so‘. „Und du, Mona“, sagte ich mit aller Bestimmtheit, die ich aufbringen konnte, „hättest garantiert die Möglichkeit, diese Fotos an verschiedenen Orten publizieren zu lassen. Der Text ist natürlich nur mal ein Vorschlag, vielleicht fällt euch etwas Besseres ein.“ Ob es an der Kälte lag oder an der schmerzlichen Unsicherheit in Timos Blick, jedenfalls vergass ich für einen Moment meine gute Kinderstube, als sich die beiden weiterhin anschwiegen und stampfte wie ein kleines Kind auf den Boden auf. „Verdammt noch mal, sagt etwas zueinander. Es muss ja nicht gleich die grosse Aussprache sein, doch so geht es nicht weiter!“ schrie ich, so laut ich konnte. Beide schauten mich verblüfft mit offenen Mündern an und mussten dann unwillkürlich über diesen unerwarteten Wutausbruch lachen. „Mona, ich –“ begann Timo, während seine Mutter mit Tränen in den Augen gleichzeitig zu sprechen angefangen hatte. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und gab meinem jungen Freund einen Kuss auf die Wange. „Ich lasse euch jetzt allein und nehme den Bus zurück in die Stadt. Über meine Idee können wir ein anderes Mal sprechen“, flüsterte ich ihm ins Ohr und ging, so schnell ich konnte, Richtung Strasse.

Als ich am nächsten Abend ins Theatercafé kam, war Dave offenbar bereits dort. Sehen konnte ich ihn zwar noch nicht, doch ich hörte gleich beim Eintreten mehrfach seinen Namen. Er sass an der Bar und war umringt von ehemaligen Theaterkolleginnen und Kollegen, die sich, dem grossen Hallo nach zu urteilen, sehr freuten, ihn zu sehen. Ich blieb an der Tür stehen und beobachtete die Szene. Zu meiner Überraschung merkte ich plötzlich, dass ich ziemlich Herzklopfen hatte. „Ah, da ist deine Ehefrau, Dave“, rief Susanna lachend quer durch den Raum, als sie mich nach kurzer Zeit entdeckte. „Komm her, Wispy, und lern deinen Göttergatten kennen!“ Langsam ging ich auf die Gruppe zu. Das erste, was ich von meinem zukünftigen Komplizen sah, war der lange, grauschwarze Pferdeschwanz, der ihm bis fast auf den Rücken hing. Wenn ich etwas nicht ausstehen kann, sind es Männer mit Pferdeschwänzen, ganz besonders ältere Männern mit Pferdeschwänzen. Übertreffen kann dies nur noch die Kombination mit Bart oder grossem Schnurrbart, die mir beide schon in Einzelausführung nicht gefallen. „Lass ihn wenigstens glatt rasiert sein“, wünschte ich mir inständig, als sich Dave langsam auf dem Barhocker umdrehte. Doch ich konnte kaum etwas von seinem Gesicht sehen, so sehr war es von struppigem Barthaar überwuchert. Ich glaube, ich stand einfach da und starrte ihn an, zutiefst enttäuscht. Jedenfalls überlegte ich mir, ob es wirklich eine gute Idee sei, sich von einem Mann vom Typ Waldmensch in Pelzläden begleiten zu lassen. „Keine Angst, der kommt vorher noch weg “, hörte ich die unglaublich schöne Stimme vom Telefon mit einem amüsierten Lachen sagen. „Kann sein, dass ich mich ein wenig gehen liess in letzter Zeit.“ Ertappt und verlegen nahm ich den Blick von der Gesichtsbehaarung und schaute hoch, direkt in die ausdrucksvollsten dunklen Augen, die ich je gesehen hatte.

 

 

 

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