Lolas Geschichte

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Nun war mir auch klar geworden, weshalb ich an dem jungen Timo so den Narren gefressen hatte. Er war nur wenig älter als mein Sohn, doch die Art wie er mich behandelte, schmeichelte mir und tat mir gut. Er sprach, scherzte und lachte offensichtlich gern mit mir, war ein guter Zuhörer und respektierte meine Meinung. Noch nie in meinem ganzen Leben war jemand so auf mich eingegangen; noch nie hatte ich von jemandem so viel gelernt.

Nach meinem gedanklichen Abstecher in die Vergangenheit mit all den aufwühlenden Gefühlen, freute ich mich heute besonders darauf, ihn zu sehen. Nach einigem Suchen entdeckte ich ihn unten beim Sihl Ufer. Er beobachtete Buddy, der konzentriert in der Wiese schnüffelte. Ich hatte Timo zuerst fast nicht erkannt. Es war endlich warm geworden, ein sonniger Frühsommertag. Timo trug zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, keine Mütze mehr und seine Haare waren ein ganzes Stück kürzer. Ich musste unwillkürlich lächeln. Die neue Frisur passte nicht mehr so sehr zu Buddys lockigen Seitenpartien, dafür sahen nun die  dichten Haarbüschel auf Timos und Buddys Kopf recht ähnlich aus.   Erst als ich schon fast neben den beiden stand, bemerkte ich, dass Timo mit einer jungen Frau sprach, die am Boden kauerte und die Enten und Schwäne mit ihren Jungen beobachtete. Ich sah sie zuerst nur von hinten, doch die schulterlangen, schwarzen Haare und die schlanke Gestalt kamen mir bekannt vor. Lola?! Doch als sie aufstand und sich umdrehte, sah ich, dass ihre dünnen Arme ohne Tätowierungen waren. Es war das Gesicht von Lola, doch ohne Piercings und Nasenring. Ich blieb verwirrt stehen. Lola hatte taff ausgesehen, ihre Tätowierungen waren bestimmt nicht Aufklebebilder aus dem Kaugummi Automaten gewesen. Buddy entdeckte mich und kam begeistert, wenn auch gemütlich, angetrottet. Unterdessen hatte er mich ins Herz geschlossen. Vielleicht auch nur die Hundekekse, die ich jetzt immer in der Tasche hatte.

„Komm“, rief mir Timo zu, „ich möchte dir jemanden vorstellen!“ Nein, es war definitiv nicht Lola. Wenn sie noch irgendwie ihre Tattoos hätte verschwinden lassen können, ein so aufrichtig freundliches und offenes Lächeln hätte sie bestimmt nicht zustande gebracht. Diese junge Frau war zudem etwas kleiner als Lola. „Bist du Lolas Zwillingsschwester?“ fragte ich dennoch als erstes, nachdem wir uns die Hand gegeben hatten. Sie lachte. „Das werde ich oft gefragt. Nein, wir sind weder vom Geburtsdatum, noch von der Gesinnung oder Einstellung her Zwillinge. Ich bin ihre jüngere Schwester Lilly. Es wundert mich nicht, dass sie dir nichts von mir erzählt hat. Sie ignoriert mich so gut wie möglich.“ „Wispy und Lola haben sich nur flüchtig getroffen“, erklärte Timo, „und gerade du solltest eigentlich hinter die coole Fassade deiner Schwester sehen können. Glaub mir, niemand dürfte dir, ihrer kleinen Schwester, auch nur ein Haar krümmen. Sie hat sich fürchterlich aufgeregt als du letzthin“….er zögerte mit einem Blick auf mich, „unseretwegen mit der Polizei zu tun hattest.“ „Sie nennt mich „ Die Lilie vom Felde“, schüttelte Lilly den Kopf, „und glaub‘ mir, das ist nicht als Kompliment gedacht. Sie hält mich für naiv und dumm und lässt mich das bei jeder Gelegenheit spüren.“ „Lola kann unglaublich schnippisch und verletzend sein, da hast du Recht“, stimmte Timo zu, „doch mir gefällt, wie bedingungslos sie alle Tiere liebt. Irgendwo tief in ihr muss ein guter, weichherziger Kern sein.“ „Wenn das so ist, hat sie ihn gut versteckt. Ich hoffe nur der Winzling stirbt nicht einen einsamen Tod in der Kälte um sich herum.“ Doch Lilly lächelte. Sie hatte offenbar ein sonniges Gemüt. „Es ist mir schon klar…wenn ich ein Hund oder eine Katze wäre, könnte ich nichts falsch machen.“ Timo schmunzelte ebenfalls. „Da ist etwas Wahres dran. Doch du musst zugeben, Lilly, ihr Doktor wäre verloren ohne sie. Seine neue Bekanntheit und Beliebtheit hat er grösstenteils ihr zu verdanken. Sie lässt ihn dies jedoch nie spüren und erzählt es niemandem.“ „Ja, das stimmt“, lachte Lilly hellauf, „hast du gehört was gestern in der Praxis passiert ist?“ Wir hatten uns unterdessen auf eine Bank gesetzt. Ich räusperte mich und unterbrach Lilly. „Lola arbeitet bei einem Arzt?“, fragte ich ungläubig. Ich stellte sie mir in einem tief ausgeschnittenen weissen Kittel vor, mit ihren wilden, farbigen Mustern auf Armen und Schultern, dem Nasenring und den Piercings im Gesicht. In einer Arztpraxis?! Wirklich?! „Beim Tierarzt hier um die Ecke“, berichtigte Lilly, „deshalb findet man diesen jungen Mann hier so oft in dieser Gegend“,  schubste sie Timo lachend in die Seite. Dieser schüttelte mit gespielter Verzweiflung den Kopf, rollte mit den Augen und stöhnte: „Frauen!“ Da er mich dabei ansah, entging ihm Lillys Blick. Doch ich wusste nun, dass die Schwestern sehr wohl etwas gemeinsam hatten.

Das Bild in meinem Kopf änderte sich nur wenig. Tiere haben zum Glück keine Vorurteile, doch wie ist es mit ihren Menschen? „Lola ist fürs Putzen zuständig“, unterbrach Lilly meine Gedanken,  „zugleich ist sie unersetzlich, wenn es um Diagnose und Behandlungen geht.“ „Wie denn das?! Warum ist sie nicht die Assistentin des Tierarztes, wenn sie sich so gut mit Krankheiten auskennt? Das will ich jetzt aber genau wissen“, bat ich.

Und so erfuhr ich die Geschichte von Lola, abwechslungsweise (und manchmal gleichzeitig) erzählt von Lilly und Timo.

Vor einem guten Jahr wurde Lola wieder einmal arbeitslos. Sie war danach im Streit bei den Eltern ausgezogen und wohnte bei einer Freundin. Zu deren Haushalt gehörte Mephisto, der schwarze Kater. Lola liebte ihn abgöttisch. Eines Tages, kurz vor Mittag, hörte sie Reifen quietschen auf der Strasse vor der Tür. Dann war es erst ruhig, bevor mehrere Kinder, die von der Schule kamen, anfingen zu schreien. Lola hörte eine Autotür zuknallen und gleich darauf eine Männerstimme über einen schwarzen Teufel fluchen. „Mephisto!“ schoss es ihr durch den Kopf. Sie rannte nach draussen. Und wirklich, am Strassenrand lag regungslos der kleine, drahtige schwarze Kater. Etwas Blut tröpfelte aus seinem Mund. Lola kniete sich weinend neben ihn und prüfte seinen Puls. „Er lebt noch“, schluchzte sie, „er muss sofort zum Tierarzt!“ Der Fahrer kratzte sich am Kopf. „Er ist mir direkt vors Auto gelaufen“, knurrte er, „und ich bin ohnehin spät dran. Ins Tierspital kann ich jetzt nicht noch fahren.“ Doch Lola hatte Mephisto bereits auf dem Arm und wickelte ihn in ihre Jacke. „Unser Tierarzt hat seine Praxis nicht weit von hier. Fahren Sie uns hin, das ist das Mindeste was Sie tun können! Sonst zeige ich Sie an!“versuchte sie den Mann anzufauchen, doch sie wurde von Schluchzern geschüttelt. Der Mann seufzte resigniert und öffnete die Beifahrertür. „Also gut, zeigen Sie mir den Weg.“

Der Tierarzt war nicht begeistert. Seine Praxis war klein und er kämpfte seit der Eröffnung mit finanziellen Schwierigkeiten. Es war nicht einfach. Die Leute gingen lieber in grössere Kliniken, die über ein eigenes Labor und ein Ultraschallgerät verfügten. Dies konnte er sich beides nicht leisten. Obwohl er seine ganze Energie, Zeit und sein Herzblut in die Praxis steckte, kam er nicht wirklich aus den roten Zahlen heraus. Zwar hatte er unterdessen einen kleinen Kundenstamm, doch die Zahlungsmoral der Leute war schlecht geworden. Es widerstrebte dem Tierarzt, gleich zu Anfang Geld von den Leuten zu verlangen, doch wenn seine Rechnungen nicht oder erst nach mehreren Mahnungen bezahlt wurden, beschloss er Mal für Mal, in Zukunft strikter zu sein.

„Ihre Katze hat offenbar innere Verletzungen. Ich muss sie röntgen, sehr wahrscheinlich braucht sie eine Operation. Das kann sehr teuer werden. Kommen Sie für die Kosten auf? Denn, bitte entschuldigen Sie meine Offenheit, Mephistos Besitzerin glänzt nicht gerade durch eine hervorragende Zahlungsmoral.“ „Sie wird bezahlen, oder ich bezahle…versprochen! Bitte retten Sie Mephisto! Er ist doch erst 8 Jahre alt. Ich bin ohne Tasche aus dem Haus gerannt, doch Sie bekommen Ihr Geld, ganz bestimmt“, bettelte Lola. Der Tierarzt schaute sie einen Moment lang schweigend an. Er blickte in schmerzerfüllte Augen, aus denen eine Flut von Tränen über die Wangen rann und vom Kinn auf die Kleidung tropfte. Mit ihrer laufenden Nase und den zitternden Lippen sah Lola wie ein kleines Mädchen aus und nicht wie die taffe junge Frau, die zu sein sie vorgab. Der Tierarzt glaubte ihr kein Wort, was das Bezahlen anging. Sie sah nicht aus wie jemand, der ein paar Tausend Franken aus dem Ärmel schütteln konnte. Dennoch gab er sich geschlagen. „Sie haben Glück, dass ich gerade Mittagspause machen wollte. Die ist nun wohl gestrichen.“ Er wickelte den bewusstlosen Mephisto behutsam in ein Tuch. „Ich nehme ihn mit in den Nebenraum. Lassen Sie mir Ihre Telefonnummer auf dem Schreibblock dort drüben, ich rufe Sie später an.“ Lola konnte nicht mehr sprechen. Sie nickte nur. Als sich die Türe hinter den beiden geschlossen hatte, schrieb sie unter ihre Telefonnummer ein grosses „Danke“ auf den Zettel und zeichnete eine Blume darunter.

Mephisto hatte mehrere Verletzungen davon getragen, doch er überlebte. Was nicht überlebte, war die Freundschaft zwischen den zwei Frauen, deren Wohnungspartner Mephisto gewesen war. Susanne hatte ihn von der Vormieterin übernommen, weil er nicht am neuen Ort bleiben wollte, sondern immer wieder vor ihrer Tür stand. Doch Mephisto machte klar, dass er der Chef im Haus war. Er liess sich nicht aus der offenen Küche vertreiben. Wenn Susanne am Kochen war,  stolperte sie Mal für Mal über ihn. Mephisto weigerte sich, die Katzentüre zu benutzen, er  bestand darauf, dass man ihm die Türe öffnete, wenn er raus wollte. Und nachher wieder rein. Und wieder raus. Und so weiter. Wenn es sein musste, unterstrich er seinen Wunsch oder besser gesagt Befehl durch Heulen und  Kratzen an der Türe, so lange wie es eben dauerte, bis ein entnervter Zweibeiner nachgab.

Wenn ihm Gäste nicht passten, konnte er dies deutlich zeigen, indem er ständig herumtigerte und laut schrie. Einmal passierte es sogar, dass er in ein Paar besonders verhasste Schuhe im Korridor urinierte. Bei Lola und ihm hingegen war es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Beide waren zumindest gegen aussen gleich stark und selbstbewusst. Wenn diese beiden schwarzhaarigen Seelenverwandten abends zusammen auf dem Sofa kuschelten, konnte man Lolas Haare und Mephistos Fell nicht mehr unterscheiden. Sie schnurrten, beziehungsweise flüsterten sich gegenseitig Liebesbezeugungen ins Ohr und sahen beide aus, als ob sie kein Wässerchen trüben könnten.

Susanne hatte überhaupt nicht im Sinn, für Mephisto so viel Geld auszugeben. Es war nicht so, dass sie ihn nicht auch gern gehabt hätte, doch sie kam aus einer Bauernfamilie und war nicht zimperlich Tieren gegenüber. Katzen gab es schliesslich wie Sand am Meer, oder nicht?! Susanne war zwar ein wenig älter als Lola, doch auch nicht auf Rosen gebettet. Und ihr gesamtes Erspartes zu opfern für diesen lauten, frechen Kater, kam ihr im Traum nicht in den Sinn. Falls sie wieder eine Katze wollte, würde sie sich jederzeit eine vom Bauernhof holen können. „Zwei junge, lustige Kätzchen, das wäre doch schöner als so ein missmutiger, eingebildeter schwarzer Kater“, schwärmte sie einer fassungslosen Lola vor und verstand nicht, warum diese augenblicklich explodierte und ausfallend wurde.

Als der Tierarzt meldete, man dürfe Mephisto am nächsten Tag abholen, hatte Lola eine schlaflose Nacht. Schliesslich schluckte sie ihren Stolz hinunter, etwas, das ihr sehr, sehr schwer fiel. Wahrscheinlich hätte sie dies nur für die allerengsten Familienmitglieder getan. Oder, in diesem Fall, für einen wirklich sehr geliebten, schwarzen Vierbeiner. Sie hatte nur eine einzige Lösung gefunden und wusste nicht einmal, ob sie funktionieren würde. Als erstes musste sie zuhause zu Kreuze kriechen und darum bitten, wieder einziehen zu dürfen. Sie konnte und wollte nicht mehr mit Susanne zusammen wohnen nach diesem Vorfall. Zudem war ihr klar, dass sie in Zukunft ihr ohnehin nicht üppiges Arbeitslosengeld sparen musste. Die Eltern nahmen ihr das Versprechen ab, sich besser an die Hausregeln zu halten und sich einen anständigeren Umgangston anzugewöhnen. Und sich natürlich so schnell wie möglich eine Arbeit zu suchen. Eigentlich wollten sie ihrer Tochter eine ausführliche Standpredigt halten; doch Lola war ungewohnt ruhig und verständnisvoll. Sie sah durch die Ereignisse der letzten Tage und die schlaflose Nacht erbarmungswürdig aus. Die Eltern gaben schliesslich nach, machten ihrer Tochter jedoch klar, dass sie sich nichts mehr gefallen lassen würden. Diese versprach alles, was Vater und Mutter hören wollten und holte danach sofort ihre Siebensachen aus Susannes Wohnung. In der Küche liess sie Geld für die laufende Miete und einen Zettel, auf dem stand: „Ich bezahle den Tierarzt, dafür gehört Mephisto jetzt mir. Viel Spass mit den neuen Kätzchen. Wir sind dann mal weg.“

Dann kam der schwierigste Teil. Mit Herzklopfen stand Lola etwas später vor dem Tierarzt, holte tief Luft und sagte: „Ich habe das Geld für Ihre Rechnung im Moment nicht.“ Er schaute sie schweigend an. Nicht, dass es ihn besonders überraschte, doch er hatte gehofft, sein Gefühl täusche ihn. Er war mehr resigniert als wütend, er hätte es ohnehin nicht fertig gebracht, ein verletztes Tier nicht zu behandeln. „Ich habe einen Vorschlag“, fuhr Lola rasch fort, „während ich spare und jeden Monat abstottere was ich kann, könnte ich doch bei Ihnen arbeiten. Gratis natürlich. Zwar habe ich keine Ausbildung in Tiermedizin, doch ich könnte Ihnen abnehmen, was es sonst zu tun gibt. Ihr Telefon beantworten, Ihre Rechnungen schreiben, putzen…was immer Sie wollen. Ich bin im Moment gerade arbeitslos.“ Sie hatte bemerkt, dass der Tierarzt offenbar nicht einmal eine Assistentin hatte. Er sah müde und überarbeitet aus. So fühlte er sich auch, doch einer völlig Fremden Zugang zu seinen Kundendaten zu geben, kam für ihn trotzdem nicht in Frage. Nach Feierabend jeweils noch die ganze Praxis zu putzen, fand er insgeheim jedoch auch zunehmend mühselig. Lolas Angebot reizte ihn, doch, wie er ihr später gestand, allzu viel traute er ihr nicht zu. Lola kannte diesen Blick. „Ehrlich, Doktor, ich bin Ihnen so dankbar, dass Sie Mephisto gerettet haben. Es tut mir sehr leid, dass ich die Rechnung nicht sofort bezahlen kann. Geben Sie mir doch eine Chance, etwas gut zu machen.“ Schliesslich einigten sie sich auf eine Probezeit. Gratisarbeit kam für den Tierarzt jedoch nicht in Frage, doch Lolas Lohn würde bescheiden sein.

Am Anfang durfte sie nur in den Nebenzimmern putzen, wenn es Leute in der Praxis hatte. Im einen Raum waren oft Tiere zur Überwachung oder Erholung nach Operationen untergebracht. Lola kümmerte sich sehr liebevoll und zuverlässig um sie, was dem Tierarzt nicht entging. Sie hielt seine Praxis tadellos sauber und war sich für nichts zu schade. Jeden Monat beglich sie einen kleinen Anteil der Rechnung. Als sie einmal im Praxisraum putzen musste, weil ein kleiner Hund vor Aufregung seine Blase nicht mehr unter Kontrolle hatte, bat der Tierarzt sie, zu bleiben und das Hündchen während der nachfolgenden Behandlung zu beruhigen. Er hatte bemerkt, dass Lolas Stimme eine fast magische, besänftigende Wirkung auf Tiere hatte.  „Was er nicht realisiert hatte“, lachte Timo, der mir diesen Teil der Geschichte erzählte, „ist, dass Lola wie ich mit den Tieren kommunizieren kann. Sie ist ein Naturtalent. Oft musste sie sich am Anfang auf die Lippen beissen, wenn sie merkte, dass der Tierarzt eine falsche Diagnose stellte. Oder dass die Tierbesitzer ihn anlogen. Dies war der schwierigste Teil für sie. Sie wollte niemanden mit ihrem Wissen erschrecken, doch sie hielt es manchmal fast nicht aus. Innerlich entschuldigte sie sich laufend  bei den Tieren dafür, dass sie sich nicht für sie einsetzte.“

Immer öfters war Lola nun während den Untersuchungen im Raum. Bereits ihre Anwesenheit schien die Tiere zu beruhigen, selbst wenn sie  im Hintergrund mit Putzarbeiten beschäftigt war. Niemand ahnte, dass die Vierbeiner und sie in ständige, telepathische  Gespräche vertieft waren . Den Tierarzt nannte Lola nur „Doktor“. Er hatte ihr nach ein paar Wochen das „Du“ angeboten. Sie nahm zwar an, doch sie erzählte ihm, dass sie ein grosser Fan der britischen Science Fiction Serie „Dr. Who“ sei; und sich schon immer gewünscht hatte, jemanden einfach mit „Doktor“ ansprechen zu können. Zwischen den beiden entwickelte sich eine eigenartige, jedoch höchst effektive Art der Zusammenarbeit. Zwar fiel dem Doktor auf, dass seine neue Hilfskraft stets im Voraus zu wissen schien, was er gleich sagen würde, oder was zu tun war. Er fand das sehr angenehm, machte sich jedoch keine weiteren Gedanken darüber. Hatten die Tierbesitzer in der ersten Zeit noch den einen oder anderen schiefen Blick auf Lola geworfen, so war sie unterdessen bei allen sehr beliebt geworden. Sie blickte deren verängstigte und  nervöse Lieblinge einfach ruhig an und wie durch Zauberei beruhigten sich diese und liessen sich danach meistens widerstandslos behandeln. Im Wartezimmer kursierten viele lustige Geschichten darüber. Lola hätte es nichts ausgemacht, den Leuten die Tierkommunikation zu erklären und vorzuführen, doch sie wollte nicht, dass ihr verehrter Doktor in ein schiefes Licht kommen könnte.

Sie fand es jedoch zunehmend schwierig, ihr Wissen für sich zu behalten. Die Tiere realisierten sofort, dass sie sie verstehen konnte. Sie erzählten Lola von langen Tagen allein in der Wohnung, von zu kurzen Spaziergängen und zu strengen Disziplinarmassnahmen. Sie schickten ihr telepathisch Bilder von zu selten geputzten Katzenklos, liessen sie billiges, fast ungeniessbares Futter schmecken und riechen, zeigten ihre Angst, wenn sie  durch Kinder oder gedankenlose Erwachsene geplagt wurden. Lola war jedoch auch immer wieder überwältigt von der bedingungslosen, riesigen Liebe, die alle Tiere zu ihren Menschen fühlten. Ihre schnelle Bereitschaft zu verzeihen, ihre Geduld und ihr Verständnis erfüllten sie mit grossem Respekt.

Eines Tages putzte sie gerade den kleinen Kühlschrank, in welchem sie Insulin und Impfstoffe lagerten, als sie ein Gespräch zwischen dem Doktor und einer Hundebesitzerin mithörte. Der kleine Beagle Ronny kam zum wiederholten Male mit Magen-Darmbeschwerden in die Praxis. Bisher hatte keine Behandlung für längere Zeit geholfen. Nun wurden weitere Tests und eine Ultraschallkontrolle in Betracht gezogen, obwohl beide Gesprächspartner nicht völlig überzeugt waren von dieser Idee. Die Frau scheute den Aufwand und die Kosten, denn sie hätte Ronny dazu ins Tierspital bringen müssen. Der Doktor hingegen hatte das diffuse Gefühl, er könnte etwas übersehen haben. Hatte er wirklich alles abgeklärt? Vergiftung, Nahrungsmittelunverträglichkeit, zu viel Magensäure… “Zu kalt!“ signalisierte Ronny, als Lola ihn fragend anblickte. „Sie gibt mir eiskaltes Futter! Das schlinge ich sofort herunter, ich kann nicht langsam fressen. Ich bin ein Hund. Nachher tut mir jedes Mal der Magen weh.“ Lola hörte auf zu putzen und überlegte, was sie tun könnte. „Sag’s ihm, sag’s ihm…!“ drängte der Hund. „Ich weiss nicht wie ich das unauffällig tun könnte, Ronny, sie sind ja beide im Raum“, seufzte Lola, doch dann hatte sie eine Idee. Sie holte einen Beutel Hundefutter aus dem Nebenraum, legte ihn in den Kühlschrank und rief ihrem Doktor zu: „Es tut mir sehr leid wenn ich störe, doch ich muss dich ganz dringend etwas zur letzten Lieferung Impfstoff hier fragen. Könntest du rasch kommen?“ Der Doktor war irritiert und erstaunt, denn Lola hielt sich sonst sehr diskret im Hintergrund, wenn sie ihm nicht assistierte. „Muss das gerade jetzt sein?“ fragte er ungeduldig.  „Ich glaube schon“, sagte Lola und hielt zum Schein kleine Fläschchen gegens Licht. Die Kundin meinte: „Gehen Sie ruhig, ich muss sowieso noch einen Moment nachdenken.“ Als der Doktor verständnislos und kopfschüttelnd vor Lola stand, zeigte diese auf das Hundefutter im Kühlschrank. „Ist dies nicht viel zu kalt gelagert? So ist es doch bestimmt schädlich?“ Mit dem Kopf zeigte sie auf Ronny. „Viel zu kalt“, sagte sie eindringlich, und nun verstand der Doktor. „Ja, diese Impfmittel dürfen keinesfalls so kalt gelagert werden“, sagte er laut. „Danke für deine Aufmerksamkeit.“ Und fragte, während er zum Behandlungstisch zurückging, die Kundin: „Wenn wir gerade von „zu kalt“ sprechen, da kommt mir etwas in den Sinn – Sie geben ihrem Hund das Futter doch nicht etwa eiskalt, direkt aus dem Kühlschrank?“ Damit löste sich das Rätsel und eine erleichterte Hundehalterin mit ihrem nicht weniger erleichterten Hund verliessen Minuten später die Praxis. „Wie bist du darauf gekommen?“ fragte der Doktor später, „ich kann es nicht fassen, dass ich vor lauter Symptomen und Therapiemöglichkeiten etwas so Elementares ausser Acht gelassen hatte.“ „Ach, das war Zufall“, winkte Lola ab, „der Hund einer Nachbarin hatte einmal ein ähnliches Problem und als ich den Kühlschrank putzte, kam es mir plötzlich wieder in den Sinn.“

Der Doktor liess es im Moment auf sich beruhen. Doch von da an ertappte er sich dabei, wie er  Lola jeweils einen schnellen Blick zuwarf, wenn er vor einem Rätsel stand bei der Diagnosestellung. Sagte er dann, während er ein Tier abtastete, anscheinend nur so vor sich hin: „Es könnte mit den Nieren zusammenhängen“, sah er Lola fast unmerklich nicken oder den Kopf schütteln. Es war eine kaum sichtbare Bewegung und er war nie ganz sicher, ob er richtig gesehen hatte. Doch wenn er danach handelte, war es immer korrekt.

Eines späteren Nachmittags kam eine Nachbarin ganz aufgelöst in die Praxis. Sie hatte Handzettel dabei und fragte, ob sie ein paar davon im Wartezimmer aufhängen dürfe. Ihre Katze Princess sei seit zwei Tagen verschwunden. Sie käme sonst jeden Abend zur gleichen Zeit nach Hause. Man könne fast die Uhr nach ihr stellen. „Darf ich mal sehen?“ fragte Lola und schaute sich das Bild der prächtigen, weissen Katze mit den langen Haaren genau an. „Haben Sie sie irgendwo gesehen?“ fragte die Nachbarin hoffnungsvoll, doch Lola schüttelte den Kopf: „Leider nicht.“ Dann wandte sie sich an den Doktor und fragte, ob sie etwas früher gehen könne am Abend. „Ich muss noch in die Autogarage, bevor sie dort schliessen.“ „Aber du hast doch gar kein Auto?“ fragte der Doktor erstaunt. „Du kannst ja nicht einmal fahren.“ Lola blickte schnell zur Nachbarin, doch diese war mit dem Aufhängen der Zettel beschäftigt und hatte nicht zugehört. Lola zuckte mit den Schultern. „Man findet nicht nur Autos in einer Garage. Es gibt auch Überraschungen.“ Der Doktor sah sie nachdenklich an. Dann wandte er sich an die unterdessen leise weinende Frau und fragte: „Haben Sie überall nachgesehen? Auch in der Garage?“ „In jedem Keller der Nachbarschaft und auch in den Garagen. Unsere eigene benutzen wir nicht mehr, seit wir kein Auto mehr besitzen. Dort kann sie nicht eingeschlossen worden sein.“ „Die Garage hat doch sicher ein Fenster“, meinte der Doktor, doch die Frau schüttelte den Kopf: „Nur ein kleines ganz hoch oben, es ist zudem vergittert. Ich weiss nicht einmal mehr, wo der Schlüssel zur Türe ist, ich war schon lange nicht mehr drin. Mein Mann auch nicht.“ Lola wandte sich an den Doktor: „Du hast Recht, ich sollte Fahrradfahren lernen. Als ich klein war, kosteten gute Räder noch ein Vermögen und ich hatte nie eines. Heute fährt jeder Schuljunge damit herum. Besitzt hier auch jedes Kind ein Velo?“ wandte sie sich an die Nachbarin und verkniff sich ein Schmunzeln, als sie sah, wie diese sich an den Kopf schlug: „Das Fahrrad unseres Nachbarjungen! Mein Mann hatte ihm erlaubt, es während den Ferien in unsere Garage zu stellen. Die Familie fuhr in den Urlaub und der Kleine hatte Angst, es werde ihm gestohlen oder beschädigt. Natürlich! Mein Mann öffnete kurz die Garagentüre für ihn….“ Und schon war sie aus dem Haus gerannt.

„Ich muss wohl nicht raten“, sagte der Doktor, „die Katze ist in der Garage?“ „Ich denke schon“, sagte Lola. „Sie hat mir Bilder aus einem muffigen, staubigen, fast dunklen Raum mit kaltem Boden geschickt. Nur von hoch oben kommt etwas Tageslicht herein. Es riecht nach Öl, Benzin und alten Putzlappen. Als ich sie nun genauer befragte, konnte sie mir die Umrisse von alten Autoreifen und einem Fahrrad beschreiben. Beides kennt sie von  der Strasse her. Sie hat Hunger und Durst, es ist gut, wenn sie bald gefunden wird.“

Der Doktor schaute auf die Uhr. „Für heute haben wir keine Patienten mehr. Ich müsste Büroarbeiten erledigen und ich weiss, dass du die Böden feucht aufwischen wolltest. Stattdessen“ – er setzte sich auf einen Stuhl im Wartezimmer, zog einen zweiten zu sich heran und klopfte mit der Handfläche drauf – „setz dich hierhin, junge Lady. Jetzt will ich wissen, wie du das machst. Die ganze Story, bitte.“

Später am Abend ging die Katzenbesitzerin von Tür zu Tür, um alle Nachbarn glückstrahlend darüber zu informieren, dass sie ihre weisse Prinzessin zwar schmutzig, hungrig und durstig, jedoch wohlbehalten in der Garage gefunden hatte. Sie wunderte sich, dass beim Tierarzt immer noch Licht brannte. „Sicher ein Notfall. Der junge Mann arbeitet viel zu viel“, dachte sie bei sich und überlegte, ob sie es wagen sollte, um die Zeit noch zu läuten. Sie wollte ihm so schnell wie möglich von der glücklichen Rettung erzählen und ihm für den Tipp danken. Als sie noch unentschlossen im Flur stand, wurde sie von einem jungen Mann überholt, der zwei grosse, weisse Schachteln im einen Arm trug und eine Flasche Wein im anderen. Während er laut:  “Pizzaservice!“ rief, klingelte er Sturm beim Tierarzt. Offenbar war er erwartet worden. Ware und Geld wechselten unter der halb offenen Türe so schnell den Besitzer, dass die erstaunte Frau nur einen kurzen Blick auf den Tierarzt erhaschte. Doch bemerkte sie sofort, dass er bedeutend entspannter, gelöster und glücklicher wirkte, als sie ihn je gesehen hatte.

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