Mona oder die Kröte

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Ich habe mal gelesen, dass man die Kröte am Morgen schlucken soll, damit das Unangenehmste des Tages gleich aus dem Weg geräumt ist. Während ich nach dem Frühstück mein Telefon in den Händen drehte, versuchte ich mir Mona als dicke Kröte vorzustellen. Doch da ich alle Tiere liebe, wollte es mir nicht gelingen. Der Teil mit dem Schlucken sowieso nicht. „Es wäre ohnehin ein beleidigender Vergleich“, dachte ich schliesslich, „beleidigend für die Kröte.“

Seufzend wählte ich die Nummer auf der Visitenkarte, die Mona mit Kugelschreiber eingekreist hatte. Ich hatte ein paar kurze Sätze einstudiert. Mona sollte mir sagen, was sie zu sagen hatte; und mich danach für immer in Ruhe lassen. Als der Hörer auf der anderen Seite abgehoben wurde, holte ich tief Luft und war bereit für meine Rede, wurde jedoch sofort ausgebremst, da Monas Assistentin am Apparat war. Kühle Business-Stimme. Im Hintergrund klingelten weitere Geräte, viele Leute sprachen gleichzeitig, es hörte sich nach lebhaftem Grossraumbüro an. „Frau Wagner ist ausser Haus, doch ich habe eine Nachricht für Sie“, sagte die Assistentin sofort, nachdem ich mich vorgestellt hatte. „Sie wird Sie um 14.00 Uhr beim Brunnen auf dem Lindenhof treffen.“ Ich wollte Mona nicht sehen und fand zudem diese Zeitvorgabe eine Frechheit. „Und wenn mir das nicht passt?“ fragte ich,  schnippischer als gewollt. Die junge Frau hatte sicher keinen angenehmen Job. Plötzlich wusste ich, an wen mich Mona vom ersten Moment an erinnert hatte: An die arrogante Chefin aus dem Film „Der Teufel trägt Prada.“ Selbst äusserlich gab es da gewisse Parallelen. Doch ihre Assistentin war offenbar kein kleines, verschupftes Ding. „Da kann ich Ihnen nicht helfen“, sagte sie mit deutlich hörbarer Gereiztheit in der Stimme, „Frau Wagner ist bei Modeaufnahmen und darf nicht gestört werden. 14.00 Uhr auf dem Lindenhof, soll ich Ihnen ausrichten. Schönen Tag noch.“

Im Laufe des Vormittags summte mein Telefon mehrmals mit begeisterten Textmitteilungen meiner jungen Freunde, die Destinys Zukunft planten und mir dazu gratulierten, Mona umgestimmt zu haben. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als mich gegen 14.00 Uhr auf den Weg zum Lindenhof zu machen. Ich wählte den versteckten, steilen kleinen Weg von der Fortunagasse her, damit ich nicht sofort vor Mona stehen würde. Ich liebte diesen idyllischen Platz mitten in der Stadt Zürich, mit seinen schönen, alten Bäumen und der wunderbaren Aussicht auf Limmat und Altstadt. Musste Mona mir die Freude daran verderben? Sie war bereits da, ich sah sie von weitem. Sie rauchte und ging nervös vor dem Brunnen hin und her. Ihre Anspannung war offensichtlich, sogar über die Distanz. Ich liess das Bild einen Moment lang auf mich wirken: Selbst die Brunnenfigur, bestehend aus einer geharnischten Frauengestalt zu Ehren der tapferen Zürcherinnen, die 1292 in Kampfmontur das Heer von Herzog Albrecht von Österreich abgeschreckt hatten, wirkte friedlich im Gegensatz zu Mona. „Um schonendes Anhalten wird gebeten“ – plötzlich hatte ich diesen Satz im Kopf, den sie in den Medien jeweils verwenden, wenn eine verwirrte Person gesucht wurde. Ich musste unwillkürlich lachen, gab mir einen Ruck und ging zu Mona.

„Hier bin ich. Sag, was du zu sagen hast, aber schnell, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.“ „Schonend“ konnte man dies nicht nennen, doch es war wirkungsvoll. Da ich Mona von hinten angesprochen hatte, fuhr sie vor Schreck zusammen, drückte ihre Zigarette unter dem Absatz aus und blieb stehen. Langsam drehte sie sich um. Zu meiner Überraschung sah sie aus, als ob sie geweint hätte. „Es tut mir leid Wispy, ich weiss wirklich nicht, mit wem ich sonst darüber sprechen könnte. Können wir uns setzen?“ Schweigend gingen wir zur nächsten Bank. Ich fand die offenbar aufgewühlte Mona fast noch unangenehmer als die zickige Version. Keinesfalls wollte ich ihre Vertraute werden und hoffte, das Gespräch nachher schnell wieder vergessen zu können. Als Mona schwieg, fing ich an, mit den Fingern auf die Bank zu trommeln. „Also?“ fragte ich nach einer Weile gereizt; und Mona holte tief Luft. Es tönte etwas zittrig wie ihre Stimme.

„Timo hat mir seine neue Freundin Helene vorgestellt“, sagte sie schliesslich. Ich fühlte einen kleinen Stich der Eifersucht. „Schön für dich“, sagte ich mit möglichst gleichgültiger Stimme, „uns anderen gegenüber macht er bekanntlich ein grosses Geheimnis daraus.“ „Das ist so“, bestätigte Mona, „ er tut dies wegen den Schwestern. Timo weiss natürlich, was die beiden für ihn empfinden. Er hat Lola und Lilly sehr gern, doch nicht auf diese Weise. Lola ist für ihn eine Art Seelenverwandte mit ihrer Fähigkeit, die Tiere zu verstehen, während Lilly vor allem seine Beschützerinstinkte weckt. Er fühlt sich eher wie ein grosser Bruder der beiden. Selbst wenn es anders wäre, könnte er sich nicht für eine der jungen Frauen entscheiden, ohne einen grossen Zwist herbei zu führen. Mit dieser Freundin wird er die beiden zwar enttäuschen, jedoch nicht gegeneinander aufbringen. Er überlegt sich noch, wie er Helene am besten in die Gruppe einführen soll, um möglichst niemanden zu verletzen. So ist er halt, mein Sohn.“ „Wunschsohn, Mona“, berichtigte ich. Sie drehte sich um und schaute mir voll ins Gesicht. „Wispy, Timo ist mein Sohn.“ „Oh Gott“, dachte ich, „jetzt wird es wirklich übel. Mona ist komplett übergeschnappt. Wie hält man die irren Gedanken einer Person schonend an?“ „Mona“, sagte ich nach kurzem Nachdenken vorsichtig, „du hast dich da in etwas hineingesteigert. Timo sagt selbst, dass du dir einen Sohn wie ihn gewünscht hättest. Doch du bist nun mal nicht seine Mutter. Diese heisst Dawn und ist ursprünglich Engländerin. Timo ist sehr stolz auf sie, er erzählt viel von ihr und ich habe auch Fotos gesehen.“ Und, als Mona nicht gleich antwortete: „Wenn das alles war, würde ich jetzt gern gehen.“ Ich war aufgestanden und nahm meine Jacke von der Bank. „Dawn hat Timo aufgezogen und er nennt sie Mutter“, sagte Mona mit leiser Stimme gegen meinen Rücken, „doch glaub mir, zur Welt gebracht habe ich ihn. Leider weiss ich nicht, was er von seiner frühesten Kindheit weiss, was ihm von mir erzählt wurde. Ob ihm überhaupt von mir erzählt wurde. Ich weiss nicht, wie er über die Frau denkt, die ihn als Baby aufgegeben hat. Möchte er sie kennen lernen? Oder verachtet er sie so sehr, dass ihn ihre Seite der Geschichte gar nicht interessiert? Das sollst du für mich herausfinden.“ Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte, also schwieg ich und setzte mich wieder.

Mona schaute nachdenklich auf die Limmat, als sie nach einer Weile zu erzählen begann: „Ich war sehr jung damals, jung und dumm, als ich Timos Vater Gian-Luca kennen lernte. Zwar war er ein paar Jahre älter als ich, doch sein italienischer Charme und sein Draufgängertum gefielen mir. Ich war noch dabei, meine Wirkung auf Männer auszuprobieren und sein Interesse schmeichelte mir. Ich hatte längst nicht so viel Erfahrung, wie ich vorgab, nur eine kurze Beziehung mit einem gleichaltrigen Jungen, der mir rückblickend kindisch und unreif vorkam. Gian-Luca hatte leichtes Spiel mit mir. Als das Thema Verhütung aufkam, versicherte ich ihm, dass ich die Pille nehme und zog die angefangene Packung aus der Handtasche. Dass ich wegen der Gewichtszunahme durch die Hormone schon länger keine Pille mehr geschluckt hatte, verschwieg ich. Ich sage ja…jung und dumm. Ausser Kleidern, Make-up und Partys hatte ich nicht viel im Kopf. „Warum überrascht mich das nicht?“ dachte ich bissig. Doch ich schwieg. Mona fuhr fort: „Ich wurde sofort schwanger. Meine Eltern machten mir endlos Vorwürfe und wollten mich zu einer Abtreibung drängen. Gian-Luca war geschockt und wütend, dass ich ihn quasi hereingelegt hatte, seine Verliebtheit war auf einen Schlag wie weggeblasen. Auf das Kind freute er sich dennoch sehr, er ist ein emotionaler Italiener wie er im Buche steht, ein richtiger Familienmensch. Für das Kind wollte er denn auch mit mir zusammen bleiben. Ich brach den Kontakt zu meinen Eltern ab und hoffte, ich könnte mit der Zeit Gian-Lucas Liebe zurückgewinnen. Ich zog zu ihm.

Hatte ich es am Anfang noch irgendwie romantisch gefunden, ein Baby von meinem Freund zu erwarteten, verlor sich dieses Gefühl so schnell wie mein Bauch wuchs. Ich war erst dabei gewesen, meinen nun erwachsenen Körper richtig kennen zu lernen, nun fühlte er sich wie besetzt an. Rauchen war verboten, Alkohol trinken, ausgehen, Party machen…nichts durfte ich mehr, es ging nur noch darum, was das ungeborene Kind brauchte, 24 Stunden am Tag. Ich fühlte mich vernachlässigt. Ich hasste die Schwangerschaftskontrollen. Wenn die Ärztin mit diesem forschen „Dann wollen wir mal…“ ihre Untersuchungshandschuhe anzog, wäre ich am liebsten schreiend davongelaufen. Das wachsende Kind auf dem Ultraschallmonitor zu beobachten, gefiel mir jedoch. Ich stellte es mir dann irgendwo da draussen vor, in Sicherheit und Geborgenheit; dass es in Wirklichkeit in mir wuchs und ich dafür verantwortlich war, konnte ich für den Moment einfach ausblenden. Ich liebte dieses werdende Baby und wollte sein Bestes, doch nicht auf meine Kosten. Ich weiss, das tönt fürchterlich. Ich war selber noch ein Kind. Nicht nur das, sondern eine verwöhnte, egozentrische Göre dazu.“

Ich musste mir heftig auf die Zunge beissen, um diesen letzten Satz unbeantwortet stehen zu lassen. Mona zündete sich eine neue Zigarette an. Wir schwiegen beide. Ich wusste nicht, ob ich ihr glauben konnte, doch wer würde so etwas erfinden? Mona wäre allerdings fähig dazu, aus was für Gründen auch immer, dachte ich gerade, als sie weiterfuhr. „Als Timo auf der Welt war, liebte ich ihn sehr, doch das Gefühl der Verantwortung erschlug mich  fast. Ich hatte keine Freundinnen mit Kindern, bei denen ich mich hätte aussprechen können. Mein Körper war mir unheimlicher denn je mit diesem leeren Bauch, der noch fast so gross war wie vor der Geburt, dem schmerzhaften, schlecht heilenden Dammschnitt und dem Milcheinschuss. Ich war mir fremd geworden. Tagsüber war ich unglücklich und überfordert mit dem schreienden Säugling und dem Haushalt, und abends, wenn Gian-Luca zuhause war, machte mich sein lockerer und entspannter Umgang mit Timo eifersüchtig und neidisch. Bei ihm schrie der Kleine nur selten, ihm schenkte er sein erstes, zahnloses Lächeln, ihm folgte er mit seinen Blicken, selbst wenn er in meinem Arm lag.

Ich stillte Timo früh ab und fing an, so oft wie möglich mit ihm zusammen aus dem Haus zu gehen. Sobald er im Kinderwagen eingeschlafen war, setzte ich mich in ein Café und hoffte auf etwas Ruhe. So war ich eine leichte Beute für Alois, einen älteren, wohlhabenden Österreicher auf der Suche nach einer jungen Geliebten. Indem er auf mich einging, mir zuhörte, mich in den Mittelpunkt stellte und das Baby so gut wie möglich ignorierte, fühlte ich mich endlich wieder begehrenswert. Ich fing an, Timo für ein paar Stunden bei benachbarten Müttern zu lassen, indem ich vorgab, einen wichtigen Arzt- oder Zahnarzttermin zu haben. Ich liess mich auf Alois ein. Wenn ich in seiner schönen, aufgeräumten Wohnung war, war dies wie ein zweites, anderes Leben für mich und ich fühlte mich selbst wieder schön. Doch das schlechte Gewissen begleitete mich ständig. Ich musste immer neue Mütter finden, die mein Baby hüteten, damit nicht auffiel, wie oft ich weg war. Timo lernte früh, sich immer wieder auf andere Leute einzustellen. Vielleicht entwickelte er dadurch seine telepathischen Fähigkeiten. Die Grossmütter kamen als Babysitter nicht in Frage, da ich auf keinen Fall wollte, dass meine Affäre aufflog. Genau dies passierte dennoch. Ich hätte es wissen müssen.

Scheinbar fanden es die Mütter der Umgebung nicht so toll, dass ich mein Kind ständig bei ihnen liess, mich im Gegenzug jedoch nie anerbot, ihre Sprösslinge zu hüten. Dies kam Gian-Luca zu Ohren. Ich mache es kurz: nachdem er alles erfahren hatte, warf er mich aus dem Haus und seine Mutter zog vorübergehend ein, um nach Timo zu schauen. Alois nahm mich auf. Nun hatte ich, was ich mir gewünscht hatte; einen stressfreien Alltag im Luxus ohne die Verantwortung für ein Kind. Doch schon bald vermisste ich Timo und Gian-Luca schmerzlich. Eigentlich hätte ich nur etwas Ruhe und ein paar ungestörte Nächte gebraucht. Ich durfte meinen Sohn jederzeit besuchen und machte am Anfang oft Gebrauch davon. Allerdings wurde mir nicht erlaubt, den Kleinen allein mit nach draussen nehmen. Ich war nur geduldet, in frostiger Atmosphäre. Gian-Luca ging mir möglichst aus dem Weg und seine Mutter murmelte immer etwas Böses vor sich hin, während sie mich mit vorwurfsvollem Blick anschaute.

Bald darauf lernte Gian-Luca Dawn kennen. „Dawn“ heisst – „‘die Morgenröte‘, ich weiss“, fiel ich ihr ins Wort. „Oder ‚das Morgengrauen‘“, fuhr Mona fort, „so nannte ich sie bei mir, denn ein Grauen wurden ab dann die Besuche für mich. Die neue Freundin wohnte schon bald im Haus und verwöhnte Timo nach Strich und Faden. Sie war ihm eine fröhliche, warmherzige, aufmerksame Vorbildmutter, das genaue Gegenteil von mir. Dawn wurde mein personifiziertes schlechtes Gewissen. Mich behandelte sie korrekt, doch ohne jede Spur von Freundlichkeit. Ich weiss, man kann es ihr nicht verübeln. Als Timo anderthalb Jahre alt war, fing er an zu fremden und klammerte sich schreiend an Dawn, wenn ich ihn auf den Arm nehmen wollte. Es war offensichtlich, dass meine Anwesenheit die perfekte kleine Familie stresste und alle froh waren, wenn ich wieder ging. Meine Besuche wurden seltener.

Als Gian-Luca und Dawn heirateten und offiziell das Sorgerecht für Timo beantragten, hatte ich keine Chance. Ich musste froh sein, dass nicht alle meine Unterlassungen auf den Tisch kamen. Zudem sicherten mir die beiden ein unbeschränktes Besuchsrecht zu, was sich vor Gericht gut machte. In Wirklichkeit waren sie erleichtert, dass ich immer seltener bei ihnen auftauchte und schliesslich ganz weg blieb. Später adoptierten sie Timo. Da ich mich nicht ernsthaft um das Kind gekümmert hatte, so das Beamtendeutsch, hatte ich dazu nichts zu sagen.  Aus Trotz hatte ich in der Zwischenzeit Alois geheiratet, obwohl er mich zu dem Zeitpunkt bereits tödlich langweilte. Umgekehrt war dies wohl auch der Fall, denn Alois sass schon bald wieder in den Cafés, auf der Suche nach einsamen jungen Frauen. Ich hätte Timo auch jetzt kein Zuhause bieten können, mein Mann mochte keine Kinder. Unsere Ehe hielt nicht lange, doch wir trennten uns in Freundschaft. Ich war erwachsen geworden. Meine Oberflächlichkeit und Leichtlebigkeit hatten einer deprimierten Ernüchterung Platz gemacht. Ich war noch keine 22 Jahre alt, geschieden, ohne abgeschlossene Ausbildung und mit einem Kind, welches ich schmählich im Stich gelassen hatte und nicht sehen konnte. Ich war nicht stolz auf mich.

Alois beschloss, nach Österreich zurück zu kehren, doch er wollte mich nicht so perspektivlos zurück lassen. Da wir nur kurz verheiratet gewesen waren, musste er mir trotz seines Vermögens nur für wenige Jahre Unterhalt bezahlen. Durch seine Beziehungen schaffte er es jedoch, mich bei der Frauenzeitschrift als Praktikantin unterzubringen, die ich heute leite. Bevor Alois die Schweiz endgültig verliess, überschrieb er mir das Haus am Waldrand, als Dank dafür, dass ich ihm die Scheidung so einfach wie möglich gemacht hatte. Und aus Respekt davor, wie hart und zuverlässig ich nun arbeitete für meinen winzigen Lohn.

Mehrere Jahre lang hatte ich das Glück, dass eine ehemalige Nachbarin den Kontakt zu mir Aufrecht erhielt. Sie war jung wie ich und hatte ein gewisses Verständnis für meine Situation. Sie berichtete mir ab und zu, wie Timo sich entwickelte. Manchmal gab es sogar ein Foto, aufgenommen auf dem Spielplatz oder an einem Quartierfest. Dann zog die Nachbarin weg und ich versuchte immer wieder, Timo wie zufällig über den Weg zu laufen, wenn er aus der Schule kam. Es gelang mir nicht allzu oft und wenn, war er von einer Gruppe anderer Jungs umgeben und erkannte mich nicht. Ich versuchte, ihn zu vergessen und kniete mich in meine Arbeit.“

Mona hatte mich während dem Sprechen nicht angesehen. Nun drehte sie sich zu mir: „Hast du Kinder, Wispy?“ „Ich habe einen tollen Sohn, eine süsse Enkeltochter und eine sehr geliebte Schwiegertochter…“ Eine Welle von Sehnsucht nach den dreien stieg in mir hoch und ich konnte für den Moment nicht weiter sprechen. Mona sah mich fragend an. „Sie wohnen in Rom und ich sehe sie nur selten“, seufzte ich. „Dann muss ich dir nichts erklären“, sagte Mona und tönte fast zufrieden, „sein eigenes Kind zu vergessen, auch wenn es bereits erwachsen ist, ist unmöglich. Es ist, als versuchte man das Atmen zu vergessen. Es geht nicht.“ Wir schwiegen eine Weile und beobachteten die Spatzen, die sich lauthals um ein zerdrücktes Stück Sandwich auf dem Boden stritten. „Wie hast du den Kontakt zu Timo wieder aufgenommen?“ fragte ich schliesslich. „Ich hatte mir alle möglichen Szenarien ausgedacht, doch da ich nicht wusste, ob Timo von mir wusste, liess ich alle Ideen nach und nach wieder fallen. Dann kam mir an Ostern vor drei Jahren der Zufall zu Hilfe. Ich hatte mit einer Freundin in einem gepflegten Restaurant zu Mittag gegessen und ging soeben auf den Vorplatz, um eine Zigarette zu rauchen, als ein kleiner Transporter auf den Platz fuhr. Vier junge Männer sprangen heraus und holten aus dem Anhänger zwei süsse kleine Lämmchen und ein Zicklein. Vorsichtig nahmen drei von ihnen je ein Tierbaby auf die Arme und gingen ins Restaurant, ich neugierig hinterher. Der vierte junge Mann blieb im Auto sitzen, bei laufendem Motor.

Die Männer gingen mit den leise blökenden Tieren zwischen den Tischen durch und fragten: „Wie viele Portionen Lamm oder Zicklein braucht es noch? Wer wartet noch auf sein Essen? Wir bringen diese drei gleich in die Küche zum Schlachten.“ Dabei kraulten sie die kleinen Köpfchen und flüsterten den Tieren etwas ins Ohr. Die Reaktion der Gäste war erstaunlich. Obwohl sie genau diese Tiere auf ihren Tellern hatten – wie auch ich zuvor – fingen einige Frauen an zu schreien und zu weinen und die Männer schienen durchs Band unangenehm berührt. Eine Frau rannte aufs Klo. „Was habt ihr denn?“ fragten die jungen Männer verwundert, „dachtet ihr, das Fleisch auf euren Tellern sei auf Bäumen gewachsen? Keine Angst, diese Kleinen können sich nicht wehren, wenn sie gleich für euch sterben.“  Die Kellnerin rief laut nach dem Wirt. Dieser kam aus der Küche und befahl den Männern, sofort das Restaurant zu verlassen. Doch sie machten in aller Ruhe ihre Runde um die Tische fertig. „Die haben hier ohnehin Hausverbot, ich rufe die Polizei“, versicherte der Wirt den Gästen. Daraufhin verliessen die jungen Männer das Restaurant und luden die jungen Tiere behutsam wieder in den Anhänger. Ich stand immer noch bei der Eingangstür. „Schreib die Autonummer auf“, rief der Wirt seiner Angestellten zu, die daraufhin zur Tür gelaufen kam. Doch ich nahm ihr Zettel und Stift aus der Hand und behauptete, die Nummer hätte ich mir bereits gemerkt. Während der Wagen wegfuhr, schrieb ich irgendwelche Zahlen auf. Es erübrigt sich wohl zu erwähnen, dass ich seither einen weiten Bogen um dieses Restaurant mache.“ Sie schwieg. „Einer der Männer war also Timo?“ fragte ich schliesslich. Erst jetzt merkte ich, dass Mona um ihre Fassung rang. „Mir liefen die Tränen übers Gesicht“, sagte sie schliesslich leise. „Doch dies fiel im allgemeinen Durcheinander nicht auf, mehrere Gäste hatten immer noch feuchte Augen. Auch wenn mir der Anblick der schutzlosen Tierbabys ebenfalls eingefahren war und ich das Bild bis heute nicht mehr aus meinem Kopf bringe, weinte ich aus einem anderen Grund. Der Fahrer und ich hatten einen kurzen Blick gewechselt. Ich hatte ihn sofort erkannt. Es war mein Sohn.“

„Danach war es ziemlich einfach“, erzählte Mona weiter. „Ich habe das Internet, Twitter und Facebook nach Tierschutzaktivitäten durchsucht und bin überall hingegangen. Meist nur als Zuschauerin, doch ab und zu bin ich mit einbezogen worden und eines Tages stand plötzlich Timo vor mir. Es war eine legale, bewilligte Aktion gegen das Tragen von echtem Fell, und so machte ich Timo das Angebot, ein Interview mit ihm in meiner Zeitschrift zu bringen. Ich versprach ihm, dass wir danach keine Werbung mehr für Pelzmode drucken würden. Zum Glück bin ich in der Position, dies zu entscheiden. Timo sagte zu und nach dem Interview erzählte ich ihm die Geschichte von der falschen Autonummer. Er dankte mir, konnte sich jedoch nicht an mich erinnern. Ich beschrieb ihm mein Haus und machte das Angebot, seine Freunde und er dürften sich dort treffen und ihre Aktionen planen. Ich glaube, er fand mich ein wenig seltsam. Es brauchte denn auch einen kleinen Notfall, bis die Gruppe wirklich anfing, mein Haus zu nutzen.“  Wenn das wahr ist“, fragte ich, noch immer misstrauisch, „wie kommt es, dass Timo deine Gedanken nicht aufgefangen hat? Wir wissen doch alle, dass man nichts lange vor ihm verheimlichen kann.“ „Zum Glück erwähnte Timo im Interview etwas in dieser Richtung“, sagte Mona. „Wie weit es wirklich geht, wusste ich damals noch nicht. Doch ich machte es sofort zu meiner Angewohnheit, an Timo als den Sohn zu denken, den ich gern gehabt hätte. Ich glaube, ich bin damit durchgekommen.“

„Und warum soll ich ihn jetzt über seine Vergangenheit ausfragen? Warum hast du es nicht längst über jemand anderes versucht?“, fragte ich. „Ich war lange Zeit einigermassen zufrieden mit der Situation“, erklärte Mona. „Ich konnte Timo sehen, hören, an seinem Leben teilnehmen. Doch ich musste einen gewissen Abstand halten, denn der Gedanke, wie er reagieren würde, falls er die Wahrheit herausfände, beschäftigte mich bis in meine Träume. Letzten Endes verarschte ich ihn ja eigentlich.“ Sie biss sich auf die Lippen. „Und dann kam er mit dir an. Er geht anders um mit dir als mit den jungen Frauen, sehr locker, sehr entspannt. Er muss offenbar nicht aufpassen, was er in deiner Gegenwart sagt. Und du ebenfalls nicht. Ich habe dich glühend um eure ungezwungene Nähe beneidet.“ „Deshalb also die Giftelei“, konnte ich mir nicht verkneifen zu bemerken. Sie grinste. „Genau, und es wäre wohl dabei geblieben, hätte er mir nicht kurz darauf Helene vorgestellt.“ „Was ändert denn das?“ wunderte ich mich, worauf sie ungeduldig ausrief: „Alles! Bist du schwer von Begriff, Pusteblume?“ Monas schwacher Moment schien vorbei zu sein. „Stell dir vor, er heiratet diese Frau und sie gründen eine Familie“, fuhr sie fort. „Falls er etwas von mir weiss und mir verzeihen könnte, denkst du nicht, das wären Momente, die er gern mit seiner leiblichen Mutter teilen würde? Es könnte doch sein, diese Hoffnung lasse ich mir nicht nehmen. Ich muss natürlich auch mit dem Gegenteil rechnen, doch dann wüsste ich, woran ich bin und hätte zumindest die Erinnerung an diese schönen Jahre. Wenn es so ungewiss bleibt wie jetzt, muss ich Ausreden suchen, um weder an einer Hochzeit noch an anderen Familienfeiern dabei zu sein, damit seine Eltern mich nicht sehen. Ich bin sicher, dass sie mich sofort erkennen würden. Und wenn Timo mich dann als die Frau vorstellt, bei der er seit Monaten viel Zeit verbringt, ohne zu wissen, wer sie ist…ich weiss nicht, mit welchen Reaktionen von allen Beteiligten ich dann rechnen müsste.“

„Was ist eigentlich mit deinem Namen?“ fragte ich. „Der müsste Timo aufgefallen sein, falls er von dir weiss.“ „Meinen jetzigen Nachnamen habe ich von Alois. Gian-Luca weiss nicht, dass ich ihn später geheiratet habe, der Name Mona Wagner wird ihm nichts sagen.  Er kannte mich als Ramona Frei. Doch wenn Timo mich ernsthaft gesucht hätte, hätte er mich natürlich gefunden. Dieser Gedanke hielt mich immer wieder davon ab, mit ihm über uns zu reden oder seinen Vater anzurufen. Ich wollte erst erreichen, dass Timo mich kennt und mag. Apropos Mona…unsere jungen Freunde denken, dies komme von Monika. Kann sein, dass ich das Missverständnis ein wenig gefördert habe.“ Mona musste lächeln. Dann wurde sie wieder ernst, stand abrupt auf und schaute auf die Uhr. „Ich muss zur Arbeit zurück. Also, lass dir etwas einfallen und gib mir so bald wie möglich Bescheid.“ Der neuerliche Befehlston ärgerte mich. „Eine ziemlich unmögliche Aufgabe, findest du nicht?“ schnauzte ich zurück. Sie verengte die Augen zu Schlitzen: „Dann lass uns hoffen, dass dein Gehirn nicht so flaumig ist wie dein Haar.“ Sie war wieder die alte Mona, kein Zweifel. Ich erhob mich ebenfalls und nahm meine Jacke von der Bank. Als ich mich wieder umdrehte, hatte Mona ein Couvert in der Hand. „Hier“, sagte sie kurz und legte es auf die Bank, bevor sie, ohne sich nochmals umzudrehen, davon stöckelte. Ich war noch immer nicht sicher, ob ich ihr glauben sollte. Vielleicht hatte sie sich diese Geschichte nur ausgedacht, weil sie so gern einen Sohn gehabt hätte. Ohnehin hatte ich keine Ahnung, wie ich an die gewünschten Informationen kommen könnte, selbst wenn die Geschichte wahr wäre. Ganz abgesehen davon hatte ich keinerlei Lust, Mona bei der Verarschung von Timo, wie sie es selbst genannt hatte, behilflich zu sein. Es war schlimm genug, dass ich dieses Gespräch für mich behalten musste.

Ich setzte mich wieder auf die Bank und hing eine ganze Weile meinen Gedanken nach. Dann öffnete ich das Couvert. Es enthielt ein weisses Blatt Papier mit sechs ausgedruckten Fotos drauf. Alle zeigten Timo, als kleines und als etwas grösseres Kind. Ich erkannte ihn sofort wieder, eine süsse Miniaturform des jungen Mannes, den ich kannte. Die Fotos der Nachbarin! Die Geschichte war also echt und ich hatte somit ein wirkliches Problem.

Auf dem Papier klebte ein gelber Post-it Zettel. Darauf hatte Mona in ihrer engen Schrift geschrieben: „Deine Hilfe gegen ein Heim für Destiny mit ihren Jungen.“ Nun hatte ich sogar ein Riesenproblem und der einzige Mensch, dem ich es unbedingt erzählen wollte, durfte nichts davon wissen. Hilfesuchend schaute ich zur Brunnenfigur hoch. „Ich weiss, ihr hattet damals grössere Sorgen, doch hast du einen Tipp für mich?“ Die Spatzen hatten ihr Gezänk aufgegeben und flogen auf den Brunnenrand. Einer flatterte bis zum Helm der kämpferischen, als Mann verkleideten Heldin aus dem 13. Jahrhundert, setzte sich auf dessen Rand und liess aus luftiger Höhe einen feuchten, weissen Klacks auf den Boden fallen. „Scheiss einfach drauf, meinst du..?!“ Wenn es doch nur so einfach wäre.

4 Antworten auf „Mona oder die Kröte“

  1. Ich fühle mich in meine Jugenzeit zurück versetzt. Immer am Mittwoch wurde die Wochenzeitschrift geliefert mit dem Fortsetzungsroman. Mittwoch Nachmittag war schulfrei und ich konnte es jeweils kaum erwarten, bis ich endlich weiterlesen durfte. Genau so geht es mir jetzt mit Wispy’s Erzählung.
    Gute Arbeit, bravo, wir warten gespannt auf die Buchfassung. Toi, toi, toi! Elisabeth

    1. Danke Elisabeth! Dein Kommentar freut mich riesig. Was für ein wunderschönes Kompliment. Es gibt mir viel Motivation und Freude, weiter zu schreiben. Ich habe mir fest vorgenommen, in Zukunft einen festen „Abgabetermin“ einzuhalten. Du gibst mir jetzt noch einen Grund mehr dazu. Nochmals danke…you made my day :-)!
      Liebe Grüsse Maja

  2. Welch eine wunderschoene Idee: der Seiltanz der Gedanken! Ich habe bei dem nassen Fell des gedankenlesenden Hundes auf eingeschlafenen Fuessen (!) keinen Raum fuer einen Kommentar gefunden, daher moechte ich Dir hier viel Freude, gute Balance und viel gute ‚Aussicht‘ bei Deinen Geschichten wuenschen! Aus der Freude heraus Freude geben – das schwingt in Deinem Schreiben! Weiter so!

    1. Herzlichen Dank Bianca! Die kleine Geschichte entstand vor fast einem Jahr spontan und seither entwickle ich sie Monat für Monat aus dem Stegreif weiter. Das Schreiben macht mir tatsächlich viel Freude. Die Charaktere helfen mir dabei, indem sie sich kräftig einmischen und ihren Kommentar abgeben, wenn sich aus ihrer Sicht etwas nicht so abgespielt hat :-). Erlebst du das auch so? Liebe Grüsse Maja

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