Schützenhilfe von unerwarteter Seite

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Schliesslich machte ich mich auf den Heimweg, langsam und zu Fuss. Während dem Gehen kommen mir oft die besten Ideen und nun brauchte ich dringend eine! Ich beschloss, das Problem loszulassen, nicht mehr bewusst daran zu denken und auf eine Eingebung des Himmels zu warten. Allerdings war dies leichter gesagt als getan.

„Zaubern müsste man können“, dachte ich und realisierte in dem Moment, dass ich gar nicht weit von der kleinen Buchhandlung entfernt war, aus der ich den Schmetterling gerettet hatte. „Was für ein lustiger Zufall“, schmunzelte ich vor mich hin und lenkte meine Schritte auf die andere Strassenseite. Beim Eintreten ins Geschäft sah ich, dass die Buchhändlerin am Ausräumen der Schaufenster war. Sie stand auf einer kleinen Leiter, sah verschwitzt aus und die Haare hingen ihr ins Gesicht. Auf dem Fussboden stapelten sich Bücher, daneben standen Eimer mit Wasser und Putzzeug.

„Sieh an, die Schmetterlingsflüsterin“, sagte sie, als sie mich kommen sah. Da sie beide Arme voller Bücher hatte, nahm ich ihr diese ab und legte sie zu den anderen auf den Boden. „Darf ich Ihnen helfen?“ fragte ich, einer plötzlichen Eingebung folgend. „Ich habe Zeit, und da ich ein Problem im Kopf herum wälze, täte mir körperliche Arbeit sicher gut und würde mich ablenken.“ Sie zögerte und wollte höflich ablehnen, doch ich spürte, dass ihr meine Hilfe tatsächlich sehr gelegen käme. So zog ich meine Jacke aus und verstaute sie samt Handtasche hinter dem Kassenkorpus. „Sie wollen doch nicht im Ernst hundert Mal diese Leiter rauf- und runtersteigen? Zu zweit geht das Ausräumen viel einfacher und schneller.“  Sie sah mich dankbar an und reichte mir weitere Bücher. „Einfach auf den Boden stellen, sie müssen noch abgestaubt werden. Ich will die Schaufenster neu gestalten und bin dabei, mir ein Thema dafür auszudenken. Ich hoffe ebenfalls, dass mir während dem Arbeiten die richtige Idee einfällt.“ Ein paar Minuten lang arbeiteten wir schweigend. Dann lächelte sie mich an: „Entschuldigung, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich heisse Samira.“ „Schöner Name“, sagte ich. Sie lachte. „Er kommt aus dem Arabischen und bedeutet unter anderem ‘Unterhalterin‘. Ich mache meinem Namen nicht viel Ehre diese Tage, realisiere ich gerade. Ich habe diese Buchhandlung erst vor kurzem übernommen und wusste bei aller Liebe zu Büchern wohl nicht, was ich mir damit antat. Im Moment würde ‚Grüblerin‘  wohl eher zu mir passen.“

Ich nannte ihr meinen Namen und fügte hinzu: „Es wird Zeit, dass mich wieder mal jemand damit anspricht. Vor einigen Monaten habe ich junge Leute kennen gelernt, die darauf bestehen, mich ‚Wispy‘ zu nennen. Ich höre meinen richtigen Vornamen kaum noch.“ „Hm“, schmunzelte Samira, „ich kann sehen, wie sie auf diesen Spitznamen kamen und er passt doch gut zu dir. Deine Haare sehen aus wie luftige Wattebäuschen, man bekommt Lust, rein zu pusten.“ „Dann kannst du mich auch gleich Pusteblume nennen“, sagte ich und bevor ich mich stoppen konnte, war ich mitten in einer Beschreibung von Mona. Nach ein paar Sätzen schüttelte ich den Kopf und hörte auf zu sprechen. „Entschuldige Samira, ich wollte dich nicht vollquatschen. Ich hatte gerade eine unangenehme Begegnung mit dieser Person. Ich rede jetzt nicht mehr davon.“ Unterdessen hatten wir das erste Schaufenster ausgeräumt und machten uns daran, die Scheiben zu putzen. Wir arbeiteten Hand in Hand, als ob wir nie etwas anderes gemacht hätten. „Schade“, lachte Samira. „Es fing gerade an, spannend zu werden und offensichtlich beschäftigt dich dieses Treffen sehr. Erzähl mir doch einfach die ganze Geschichte. Dir wird es gut tun und ich kann etwas Unterhaltung gebrauchen. Da ich weder dich noch deine Freunde kenne,  wird es mich auf keine Weise belasten und wenn du willst, vergesse ich alles gleich wieder, kein Problem.“

Und so kam es, dass ich Samira erst zögernd, doch dann, von ihr ermutigt, ausführlich die ganze Geschichte erzählte, vom Moment an, als ich Timo kennen gelernt hatte. Sie war eine wunderbare Zuhörerin, die oft  laut lachte oder gespannt den Atem anhielt. Es tat gut, jemandem alles mitteilen zu können und mir wurde immer leichter ums Herz.  Als Samira von Destinys Rettung hörte, klatschte sie begeistert in die Hände. „Oh, ich wünsche mir schon lange einen Hund“, rief sie. „Darf ich vorbeikommen, wenn die Jungen auf der Welt sind?“ Und, als sie meinen Blick sah: „Keine Angst, deine Freunde  werden nicht merken, dass ich bereits so viel über sie erfahren habe. Mein grosses Hobby, neben Lesen, ist Schauspielern. Ich bin Mitglied einer sehr aktiven Theatergruppe. Und ich bin gut!“ Ich musste lächeln. „Na dann…ich freue mich natürlich, wenn du alle kennen lernst. Mich interessiert vor allem,  was du von Mona hältst. Denn nun erzähle ich dir den Rest, nämlich den Grund unserer Begegnung heute Nachmittag und was ich erfahren habe.“

Als ich geendet hatte, blieb Samira eine ganze Weile lang still. Wir räumten bereits das dritte Schaufenster aus. Es war heiss und stickig im Laden, irgendwo brummte nervtötend eine Fliege. „Wenn ich dich richtig verstanden habe“, brach Samira schliesslich ihr Schweigen, „sollst du Timo fragen, was er über seine leibliche Mutter weiss, beziehungsweise ob er überhaupt etwas über sie weiss. Jedoch soll er nicht merken, dass du ihn das fragst? Oder sich zumindest nicht wundern, warum du ihm plötzlich solche Fragen stellst? Eine ziemlich unmögliche Aufgabe, finde ich.“ „Genau das habe ich Mona auch gesagt“, rief ich aus. „Doch sie erpresst mich richtiggehend, wie du gehört hast. Was soll ich bloss tun?“ „Hm“, meinte Samira, „ich denk mir etwas aus, doch jetzt machen wir erst mal Pause. Wir brauchen etwas zu trinken.“ Sie brachte grosse Gläser mit gekühltem Tee. Wir tranken schweigend und hingen unseren Gedanken nach, bis plötzlich  Samira ihr Glas so laut auf den Tisch knallte, dass ich zusammen zuckte. „Ich hab’s!“ rief sie triumphierend. „Wir fragen nicht Timo, wir fragen Dawn.“ Obwohl ich ihr „wir“ rührend fand und mich darüber freute, konnte ich mit der Idee nicht viel anfangen. Ich konnte Dawn wohl kaum anrufen und ihr solch private Fragen stellen. „Nicht du, ich mache das!“ Samira hatte meinen skeptischen Gesichtsausdruck richtig interpretiert. „Schauspielerin, erinnerst du dich? Dies wird eine tolle Übung für mich. Komm, machen wir mit dem Putzen weiter und ich weihe dich in meinen Plan ein.“

Als erstes wollte Samira genau wissen, wie Dawn aussah, wo sie wohnte und was ich von ihrem Alltag wusste. „Sie ist sehr hübsch, mit dem hellen Teint vieler Engländerinnen und feinen Sommersprossen im Gesicht. Auf den Fotos, die ich gesehen habe, trug sie ihr dunkelblondes Haar meist auf Kinnlänge. Du wirst sie jedoch sofort an ihren auffallend blauen Augen erkennen. Sie und Gian-Luca wohnen am Stadtrand, im Auzelg Quartier. Dawn arbeitet Teilzeit, jeweils am Vormittag, leider weiss ich nicht wo und auch nicht, wann sie normalerweise nach Hause kommt“, berichtete ich. „Ich muss ihr wie zufällig begegnen“, sagte Samira nachdenklich. „Dann werde ich freudestrahlend auf sie zugehen und „Dawn! Ich habe dich so lange nicht mehr gesehen!“ rufen. Mona hat dir genug über Timos erste Jahre erzählt, dass ich glaubwürdig eine ehemalige Nachbarin spielen kann. Eine sehr redselige ehemalige Nachbarin, die einen Besuch am alten Wohnort gemacht hat. Seit Dawns Heirat mit Gian-Luca sind wahrscheinlich etwa fünfundzwanzig Jahre vergangen, sie könnte leicht eine oberflächliche Bekanntschaft aus jener Zeit vergessen haben. Ich werde sie daran „erinnern“, wo ich damals gewohnt habe. Dann werde ich ihr versichern, wie sehr ich sie immer dafür bewundert hätte, dass sie so eine tolle Stiefmutter für Timo war. Ich selber hätte ihn zuvor auch ab und zu gehütet.“ Samira spielte mir die neugierige Nachbarin mit Leib und Seele vor. „Wie geht es Timo denn heute? Hat er noch Kontakt mit seiner Mutter? Das war ja vielleicht eine Schlampe…“ Samira bemerkte meinen Blick und verteidigte sich: „Was! Es muss nach echter Entrüstung aussehen. Ich werde Dawn nicht in Ruhe lassen, bis ich erfahren habe, was ich wissen will. Ich kann sehr hartnäckig sein.“ Ich fühlte mich nicht wohl beim Gedanken, Timo so zu hintergehen, doch ohne irgendeinen Trick ging es wohl nicht. „So viele Lügen…“ seufzte ich dennoch. „Lügen?“ Samira schaute mich fast beleidigt an. „Du schätzt meine Schauspielkunst nicht. Doch für mich ist es sicherlich einfacher, da ich die beteiligten Personen nicht persönlich kenne.“ Ich gab klein bei. Wenigstens war es ein Plan. Doch etwas war mir noch nicht klar. „Wie willst du es anstellen, dass du sie zufällig auf der Strasse triffst? So wie ich verstanden habe, wohnen Timos Eltern in einem typischen Familienquartier, wo man sich gegenseitig kennt. Du würdest auffallen. Ganz abgesehen davon, dass du bestimmt nicht die freie Zeit hast, mehrmals auf gut Glück dorthin zu gehen.“ „Da hast du allerdings Recht“, stimmte mir Samira zu. „Weisst du denn sonst etwas über Dawn? Wo sie einkauft? Ihre Hobbies?“ Ich musste nachdenken. „Yoga“, rief ich dann, „Timo hat gesagt, dass sie nie die Power Yoga Stunde in ihrem Fitnessstudio ausfallen lassen würde. Ich weiss sogar, wo dieses Center ist, ich hatte Timo für eine Nachbarin danach gefragt.“ Samira holte ihren Laptop hervor und wir öffneten die Webseite des Fitnessstudios.  „Oh, wir haben Glück“, meinte Samira, „Power Yoga gibt’s da nur zweimal pro Woche, am Montag und am Donnerstag. Heute ist Freitag, also gehe ich am Montag hin. Das passt gut, da meine Buchhandlung montags geschlossen ist. Was denkst du, fährt sie mit dem Auto hin oder nimmt sie die Strassenbahn?“ Das wusste ich leider nicht. „Kein Problem“, meinte Samira. „Dann spreche ich sie erst nach der Trainingsstunde auf der Strasse an. Das ist sowieso klüger, vorher wird sie mich vielleicht abwimmeln, vor allem, wenn sie zeitlich knapp dran ist. Oder noch besser“, wieder klatschte sie wie ein Kind in die Hände, „ich gehe zu einer Probelektion. Dazu muss man sich laut Webseite nicht mal anmelden. Wir haben schliesslich nur eine einzige Chance, diesen Plan durchzuziehen.“ Ich legte ihr die Hand auf den Arm und drückte ihn: „Dein selbstverständliches „wir“ tut so gut. Als ich hier reinkam, fühlte ich mich ziemlich allein gelassen. Normalerweise male ich, wenn ich mit etwas nicht zu Rande komme, doch heute zweifelte ich, dass es helfen würde.“ „Du malst? Richtige Bilder?“ fragte Samira interessiert und für den Rest des Nachmittags hatten wir ein neues Gesprächsthema. „Möchtest du ein paar kleinere Bilder in meinen Schaufenstern ausstellen?“ fragte sie mich schliesslich. „Zum Beispiel von deiner Katze? Wir könnten Haustiere zum Thema eines der Fenster machen, dazu habe ich viele Bücher. “ Wir holten Papier, um unsere vielen Ideen aufzuzeichnen und aufzuschreiben. Da wir uns gegenseitig mit Einfällen übertrumpften, hatten wir viel Spass. Gegen Abend machte uns Samira etwas Kleines zu essen. Während der ganzen Zeit meiner Anwesenheit hatten nur sechs Leute den Laden betreten, gekauft hatten bloss zwei davon etwas. Es wurde höchste Zeit, der Buchhandlung neue Kundschaft zu verschaffen.

„Nun muss ich wirklich nach Hause, Bella braucht ihr Fressen“, sagte ich schliesslich. „Nochmals zu Dawn. Ich hoffe sehr, dass am Montag alles wunschgemäss klappt.  Nicht nur wegen Mona. Dawn und Gian-Luca haben demnächst eine längere Reise geplant.“ „Umso besser“, meinte Samira fröhlich, „dann wird sie die seltsame Begegnung mit mir schnell wieder vergessen haben. Magst du am Sonntag nochmals vorbei kommen? Ich wohne hier im Haus, ein Stockwerk höher. Dann üben wir meinen Auftritt.“

In dieser Nacht schlief ich schlecht. Während sich Samira offensichtlich freute, ihre Schauspielkunst praktisch anwenden zu können, fühlte ich mich nicht wohl bei der Sache. Doch eine andere Lösung wollte mir nicht in den Sinn kommen. Am nächsten Tag schrieb ich Lilly eine Nachricht und fragte nach Destiny. Ich erklärte, dass ich bis etwa Mitte der nächsten Woche keine Zeit hätte, bei Mona vorbei zu kommen. „Wir haben ein volles Haus hier am Waldrand“, schrieb sie, „wir sind alle dabei, das Aussengehege und eine Hütte für die Hunde zu bauen. Destiny bleibt übers Wochenende beim Doktor, sie könnte bald gebären. Lola ist ebenfalls bei ihm, ich glaube sogar seit gestern. Jedenfalls war sie nachts weder hier noch zuhause.“ Aufs Wort „gestern“ folgten ein Smiley, zwei Herzen und eine ganze Reihe Fragezeichen. „Das wären doch schöne Neuigkeiten“, textete ich zurück und hoffte inständig, dass sich Lilly jetzt nicht noch mehr Hoffnungen auf Timo machen würde. Ich schickte einen Gruss an alle und legte das Telefon erleichtert zur Seite. Ich hätte im Moment mit niemandem der Gruppe sprechen wollen. Stattdessen holte ich meine Malsachen hervor. Samira hatte vorgeschlagen, im Herbst meine Bilder in ihrer Buchhandlung auszustellen. „Wir organisieren eine kleine Feier zur Eröffnung und verschicken Einladungen“, hatte sie gleich Pläne gemacht. Ihr Enthusiasmus und ihre Begeisterung waren ansteckend und ich fand den Gedanken an eine Ausstellung aufregend. Als erstes entwarf ich einen provisorischen Flyer für die Vernissage mit einem meiner Lieblingsbilder. Als ich meinen Namen darunter setzte, bekam ich richtig Herzklopfen. Ich hatte meine Bilder noch nie öffentlich gezeigt. Den Flyer klebte ich zur Motivation an die Staffelei. Dann fing ich ernsthaft an zu malen und arbeitete bis tief in die Nacht.

Am Sonntag legte Samira eine so gekonnte Show hin, dass ich ihr die ehemalige Nachbarin glatt abgenommen hätte. Um ihr Interesse zu erklären, hatte sie einen Neffen erfunden, der sich schwer tat mit dem Gedanken, adoptiert worden zu sein. Sie war wirklich eine tolle Schauspielerin, sagte nicht zu viel und nicht zu wenig. Ich gab mir die grösste Mühe, die überrumpelte Dawn zu spielen, der es zwar peinlich war, dass sie die ehemalige Nachbarin nicht erkannte, die jedoch überhaupt keine Lust hatte, mit ihr über vergangene Zeiten zu sprechen. Doch Samira kitzelte all die Informationen aus mir heraus, die sie haben wollte. Wenn es sich nicht um Timos Geschichte gehandelt hätte, hätte ich die Vorführung total geniessen können. „Du warst aber auch nicht schlecht“, lobte Samira nachher. „Komm doch mal mit zur Theatergruppe und schau, ob es dir da gefällt. Du würdest lernen, mit noch festerer Stimme zu sprechen und selbstbewusster für dich einzustehen. Du wirst sehen, solche Fähigkeiten können sehr nützlich sein. Ich konnte dich zu leicht manipulieren vorhin. Diese Mona zum Beispiel soll ja nicht denken, dass sie dich je wieder für ihre Sache einspannen kann.“  Dann betrachtete sie mich kritisch von oben nach unten. „Du würdest zudem lernen, dich ein wenig zu schminken und Kleider in Farben anzuziehen, die dir stehen. Weisse Haare brauchen kräftige Kontraste. Dezent und Pastell ist vorbei für uns, sonst werden wir glatt übersehen. Da kommt mir in den Sinn, ich brauche etwas zum Anziehen für die Yogastunde morgen. Kommst du am Vormittag mit mir einkaufen?“ Ich sagte sofort zu. So würde der Tag schneller vergehen und ich hätte weniger Zeit zum Grübeln und Zweifeln. Zudem tat mir Samiras Gesellschaft gut. So gern ich mit meinen jungen Freunden diskutierte und lachte, bei intensiveren Gesprächen machte sich naturgemäss der Altersunterschied bemerkbar. Samira war nur wenige Jahre jünger als ich und hatte offenbar viel Lebenserfahrung. Ihre energievolle und tatkräftige Art, die Dinge anzupacken, wirkte  erfrischend. Als typische Vertreterin des Sternzeichens Waage drehte ich hingegen fällige Entscheidungen manchmal endlos im Kopf herum.

Als wir am nächsten Tag durch die Läden schlenderten, wurde bald klar, dass diese Shoppingtour wohl eher mir galt als Samira. Bestimmt hatte sie den Schrank voller Sachen, die sich für eine Yogastunde eigneten. Sanft von ihr gedrängt, probierte ich schliesslich ein paar Kleider an, die ich vorher nicht mal angeschaut hätte. In den Umkleidekabinen schüttelte ich den Kopf, wenn ich mich im Spiegel sah, doch Samira zerrte mich heraus, liess mich hin und her gehen, mich drehen und wenden. „Toll, wie die Farben wirken, du siehst gar nicht mehr wie eine graue Maus mit weisser Krone aus“, rief sie, nicht gerade feinfühlig. Doch da ich vor ein paar Tagen ähnlich über mich selbst gedacht hatte, musste ich lachen und kaufte mir tatsächlich ein paar neue Sachen. „Die stehen dir alle super, nun zieh sie auch an, du wirst schliesslich nicht jünger“, sagte Samira auf ihre unverblümte Art, als wir danach einen Kaffee tranken. Sie hatte sich schliesslich ein Paar Leggins und ein sportliches Top gekauft, weil ich sie mehrmals daran erinnert hatte, dass sie doch Yogakleidung kaufen wollte. „Wie konnte ich das nur vergessen“, hatte sie gerufen und mich angeblinzelt dabei. Ich hatte jedoch die Ahnungslose gespielt, eine winzig kleine Rache meinerseits. Samira fiel überall auf, wo wir hinkamen. Es war nicht nur ihre lebhafte Art, sie sah auch besonders schön aus an diesem Tag. Sie trug einen langen Jupe, eine Bluse und eine ärmellose, kurze Weste, alles in aufeinander abgestimmten Blau- und Purpurtönen. Sie würde bei Dawn auf jeden Fall einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Als wir uns verabschiedeten, wurde ich wieder nervös. Samira spürte es. „Mach dir keine Sorgen, Dawn wird nicht wissen, wie ihr geschieht. Bevor sie es selbst richtig realisiert, wird sie mir bereits die ganze Geschichte erzählt haben.“ Samiras Selbstvertrauen war beneidenswert. Ich schaute ihr nach, wie sie leichtfüssig davon ging, während die lange, weisse Haarmähne auf ihrem Rücken hin und her schwang.

Zuhause nahm ich Bella auf den Schoss und schaltete den Fernseher ein. Vor dem Abend würde ich nichts mehr von Samira hören. Ich machte mich auf eine  Wartezeit gefasst, die mir wohl unendlich lange vorkommen würde. Drei Stunden später wünschte ich mir fast, es wäre so. Lola hatte mich angerufen. Bei Destiny hatten erste Wehen eingesetzt, doch es ging nur langsam vorwärts und die Hündin war sehr unruhig. „Die Geburt kann lange dauern und man sollte Destiny nicht allein lassen. Der Doktor hat noch mehrere Patienten im Wartezimmer und braucht meine Hilfe. Es geht heute besonders hektisch zu und her bei uns, das macht Destiny zusätzlich nervös. Timo hat einen wichtigen Abgabetermin morgen und muss seine Übersetzung fertig schreiben. Die andern arbeiten oder sind nicht zu erreichen…kannst du sofort kommen, um auf Destiny aufzupassen?“ Ich machte mich gleich auf den Weg, erleichtert, dass ich Timo nicht begegnen würde, bevor ich meine Informationen hatte. Doch als ich die Tür zur Praxis öffnete, trottete mir Buddy entgegen. „Es geht Destiny nicht gut“, berichtete eine aufgelöste, sichtlich gestresste Lola. „Ich habe Timo nochmals angerufen und er konnte seinen Abgabetermin verschieben. Er ist bereits im Nebenzimmer. Sein Vater kommt gleich und holt Buddy. Kannst du solange mit ihm im Wartezimmer bleiben? Es geht nicht, dass er hier überall rumläuft, nicht heute.“ Damit verschwand sie wieder im Behandlungszimmer.

Mir blieb nichts anderes übrig, als mich ins Wartezimmer zu setzen und auf den Mann zu warten, dessen Frau wohl gerade in diesem Moment kräftig an der Nase herumgeführt wurde. Und das meinetwegen.

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