Und nun?

Ich schüttelte verwirrt den Kopf. „Was ist denn jetzt los? Wie habt ihr zwei euch überhaupt gefunden…?“ doch ich bekam keine Antwort. Timo kraulte Buddys Kopf, ohne aufzusehen, Mona betrachtete intensiv ihre Schuhspitzen und Gian-Luca schaute mit undurchdringlicher Miene in die Ferne. Da endlich realisierte ich, dass ich bei dieser längst fälligen Familienaussprache überflüssig und fehl am Platz war. Ich verabschiedete mich rasch und machte mich zu Fuss auf den Rückweg. Nur Buddy schaute mir verdutzt nach.

Ich hatte für den Abstieg den Wanderweg statt der Bahn gewählt, damit ich in Ruhe nachdenken konnte. Selbst wenn Dawn und Gian-Luca von selbst auf die Idee gekommen waren, dass Mona hinter Samiras Fragen stecken könnte, wie kamen sie auf mich? So wie mich Mona angefunkelt hatte, war es offenbar mein Fehler, dass das Ganze aufgeflogen war. Die Situation schien mir wie ein Puzzle, zu dem mir mindestens ein ganz wichtiges Teil fehlte.

Trotz meiner Müdigkeit ging ich nicht nach Hause, sondern direkt zur Buchhandlung. Nachdem ich alle Fakten im Kopf gedreht und gewendet hatte, kam ich immer wieder auf Samira zurück. Sie musste mir etwas verheimlicht haben. Dieser Verdacht bestätigte sich umgehend, als die Buchhändlerin mich kommen sah. Ihre Verlegenheit war offensichtlich. Ich liess ihre viel zu überschwängliche Begrüssung – sie nannte mich sogar bei meinem richtigen Namen – und ihre Fragen nach Destiny und den Jungen ohne ein Wort über mich ergehen. Dann zog ich einen Stuhl an den kleinen Tisch, zeigte auf den zweiten und sagte, da sich keine Kundschaft im Laden befand: „Setz dich bitte, Samira. Ich habe eine schlaflose Nacht und heute Morgen eine Begegnung der unangenehmen Art mit Mona und Timos Vater hinter mir. Nun bin ich müde und bekomme langsam, aber sicher eine sehr schlechte Laune. Du erzählst mir jetzt sofort, was ich noch nicht weiss, und zwar alles.“ Samira schaute sehnsüchtig den vor der Buchhandlung vorbeigehenden Leuten nach, bevor sie sich setzte. Sie hoffte offensichtlich, dass jemand den Weg in den Laden finden und sie damit vor meinen Fragen retten möge. „Dann möchtest du sicher einen starken Kaffee, soll ich nach oben gehen und uns einen brauen?“ fragte sie in einem weiteren Versuch, mir noch etwas auszuweichen. „Samira, jetzt. Ich habe keine Nerven mehr für Spielchen.“

Und so erfuhr ich, wie es weitergegangen war. Samira hatte das missglückte Gespräch mit Dawn keine Ruhe gelassen. Sie hatte deren Adresse im Internet eingegeben und eine Festnetz Telefonnummer gefunden. „Ich überlegte hin und her, ob ich sie anrufen sollte. Ich hätte mich für meine indiskrete Fragerei entschuldigt und vielleicht doch noch etwas herausgefunden. Spontanität ist meine Stärke, musst du wissen, deshalb bin ich im Theater zusätzlich in einer Improvisationsgruppe. Da bekommst du erst auf der Bühne eine Vorgabe -“ „Das kannst du mir ein anderes Mal erzählen“, unterbrach ich sie schroffer, als ich gewollt hatte. „Du hast sie also nicht angerufen?“ „Doch… zumindest wollte ich es. Als du dich so schnell verabschiedet hast mit den Worten, Gian-Luca fahre soeben auf den Parkplatz der Tierarztpraxis, sah ich meine Chance gekommen. Denn zuvor hatte mich vor allem der Gedanke abgehalten, der Ehemann könnte den Anruf annehmen. Also dachte ich, falls Dawn jetzt zuhause sei, dann sicher allein. Doch ich wurde direkt auf ein Handy umgeleitet und hatte zu meinem Schreck Gian-Luca am Apparat. Vor lauter Überrumpelung stammelte ich irgendetwas. Er hörte schweigend zu und so redete ich in meiner Verlegenheit immer weiter und verplapperte mich schliesslich. Meine gewohnte Schlagfertigkeit liess mich glatt im Stich. Es tut mir leid, Wispy. Offenbar wusste Gian-Luca bereits von meiner Begegnung mit seiner Frau und kombinierte sofort, dass ich das gewesen sein musste. Er unterbrach mich schliesslich und sagte, dass er gleich mit Buddy zur Allmend fahren werde, damit dieser sich austoben könne. Er werde mich auf dem Parkplatz erwarten. Dann hängte er auf. Ich fand, ich sei es ihm schuldig, hinzufahren.“

Samira stand auf und bediente zwei Kundinnen, die lachend und schwatzend ins Geschäft gekommen waren. Sie war offensichtlich erleichtert, dass diese unser Gespräch unterbrochen hatten. Nun wusste ich, dass meine Intuition mich nicht völlig fehlgeleitet hatte, als ich Gian-Luca am Telefon beobachtet hatte. „Findest du Timos Vater auch so attraktiv?“ fragte Samira, nachdem sie sich wohl oder übel wieder zu mir gesetzt hatte. „Samira, lenk jetzt nicht ab. Ich will einfach wissen, was passiert ist. Danach gehe ich heim ins Bett und mein Handy bleibt vorderhand ausgeschaltet. Mir reicht es im Moment mit euch allen.“ „Ich versuchte nur zu erklären…“, Samira tönte plötzlich ziemlich kleinlaut, „attraktive Männer sind seit jeher mein schwacher Punkt, vor allem, wenn sie genau wissen, was sie wollen. Wir gingen eine Weile mit Buddy spazieren und ich weiss nicht, wie es kam…Ich erzählte ihm nach und nach alles. Er hatte so eine bestimmte Art, nicht locker zu lassen. Dann fragte er mich nach Monas vollem Namen und ihrer Adresse, da er bisher vermutet hatte, sie lebe in Österreich mit seinem Nachfolger Alois. Beide Fragen konnte ich nicht beantworten, doch du hattest mir erzählt, dass sie die Chefredakteurin dieser grossen Frauenzeitschrift sei. Gian-Luca zückte sein Smartphone und hatte die gewünschten Informationen innert wenigen Augenblicken. Daraufhin sprach er nicht mehr viel, sagte bloss noch zu Buddy: „Was meinst du, holen wir die morgen früh aus dem Bett?“ Wir gingen zu den Autos zurück und machten uns beide auf den Heimweg.“ Samira sprang auf, da ihr Telefon klingelte. So hatte ich Zeit, diese Neuigkeit setzen zu lassen. Ich schaute schweigend aus dem Fenster, als sich Samira zehn Minuten später wieder zu mir setzte.

„ Bist du mir sehr böse?“ fragte sie nach einer Weile. „Nein, eigentlich nicht“, antwortete ich wahrheitsgetreu. „Auf der einen Seite bin ich sehr erleichtert, dass die Heimlichkeiten ein Ende haben. Du hast zumindest etwas versucht, als ich selbst keinen Plan hatte. Andererseits hätte ich Timo warnen können, wenn ich alles gewusst hätte. Und ich wäre Mona vorhin anders begegnet.“ „Ich weiss“, sagte Samira zerknirscht, „Ich hätte dich anrufen sollen. Ich habe mich sehr geschämt, als mir klar wurde, was ich da angerichtet hatte und dass ich dich mit hineingezogen habe.“ „Mein Handy war ohnehin die meiste Zeit auf lautlos gestellt“, räumte ich ein. „Nun ist es halt so passiert. Für die Hundefamilie ist schon alles eingerichtet, Mona kann keinen Rückzieher mehr machen. Vor allem jetzt nicht, da Timo alles weiss.“ Ich fühlte mich auf einen Schlag wie ausgelaugt und erzählte Samira nur noch kurz das Wichtigste rund um die Geburt der Welpen, bevor ich die Strassenbahn nach Hause nahm.

Obwohl ich bloss schlafen im Sinn hatte, musste mein Bett noch eine Weile warten. Denn vor meiner Eingangstür sass Timo auf dem Boden, die langen Beine ausgestreckt und den Kopf an die Wand gelehnt, mit seiner Jacke und einem Rucksack als Polsterung im Rücken. Er war mit dem Telefon in der Hand eingenickt. Ich setzte mich neben ihn und weckte ihn mit sanften Stupsern. „Oh gut, du bist es“, sagte er, als er endlich die Augen geöffnet hatte. „Wen hast du denn sonst vor meiner Wohnung erwartet?“ fragte ich und er grinste schief: „Ach, ich habe gerade etwas Wirres geträumt. Ich dachte, es sei eine meiner vielen Mütter.“ In meiner Übermüdung fing ich an zu kichern, als ob Timo einen ausserordentlich guten Witz gemacht hätte und steckte ihn an damit. Wir lachten noch immer, als ich die Tür aufschloss. „Nun im Ernst, Timo, was machst du hier? Ihr habt euch doch nicht schon ausgesprochen?“ fragte ich mit einem ungläubigen Blick zur Uhr. Er zuckte mit den Schultern. „Mona und mein Vater stehen bestimmt noch wie zwei funkensprühende Zankteufel auf dem Berg. Es ist ein Wunder, dass du sie nicht bis hierhin schreien hörst. Während den ersten Minuten ging es noch einigermassen zivilisiert zu und her. Mein Vater hatte beschlossen, dass er Dawn die ganze Geschichte erst auf der Reise erzählen wird, zu der sie in den nächsten Tagen aufbrechen. Er hofft, dass er ihr durch die Ferienstimmung und den Abstand zum Alltag schonender beibringen kann, dass sich meine Mutter in mein Leben zurückgeschlichen hat. Er verlangte jedoch, dass Mona Dawn einen ausführlichen Brief schreibt und sich für die Heimlichtuerei entschuldigt. Diesen wird er ihr unterwegs geben, sobald sie alles erfahren hat. Ich glaube, ich schreibe ebenfalls einen Brief und erkläre Mum, wie ich alles erlebt habe.“ Timo liess sich müde aufs Sofa fallen.

„Worüber streiten sie sich denn immer noch?“ fragte ich. „Über alles und jedes. Ich bekam gar nicht mehr gross die Gelegenheit, etwas zu sagen. Dafür kann ich mir jetzt vorstellen, wie es war, als die beiden noch zusammen lebten. Offenbar hatten sie sich schon auf dem ganzen Hinweg gestritten. Da scheint auf beiden Seiten noch nichts bewältigt oder abgeschlossen zu sein. Der Zank drehte sich denn auch nicht um die Ereignisse der letzten Tage, sondern um die Zeit nach meiner Geburt. Stell dir das vor! Im Stil von: wer hat damals mehr Fehler gemacht, wer hat wen vernachlässigt, wer hat besser zu mir geschaut? Kurz, wer ist an allem schuld? Ich stand daneben und fühlte mich wieder wie ein kleines Kind. Niemand interessierte sich für meine Fragen. Als sie allen Ernstes anfingen zu diskutieren, wer öfters aufgestanden sei in der Nacht, um meine Windeln zu wechseln oder mich zu beruhigen, reichte es mir endgültig. Ich drückte meinem Vater die Hundeleine in die Hand, bat ihn, noch ein paar Tage zu Buddy zu schauen und ging wortlos davon. Ich glaube, die beiden realisierten es nicht einmal wirklich. Erst auf der Talfahrt fiel mir ein, dass ich gar nicht wusste, wo ich jetzt bleiben sollte. Ich brauche für den Moment dringend einen ruhigen, stressfreien Ort, um meine Übersetzung fertig zu schreiben.“ Er zeigte auf den Rucksack. „Ich habe meinen Laptop von zu Hause geholt. Darf ich hier arbeiten? Die Auftraggeber sind mir entgegen gekommen und haben Destiny zuliebe den Abgabetermin auf morgen verschoben. Diesen gilt es nun unbedingt einzuhalten.“

Natürlich durfte er bleiben, ich freute mich darüber. Doch ich konnte nicht umhin mir zu überlegen, weshalb er nicht zu Helene gegangen war. So wie er von ihr sprach, schien es etwas Ernstes zu sein zwischen ihnen. Allerdings hatte er mir nie erzählt, wie diese Liebesgeschichte begonnen hatte. Ich überlegte gerade, ob ich ihn einfach fragen sollte, als sein Handy mehrmals hintereinander piepste. Lola schickte viele süsse Fotos von der Hundefamilie und schrieb, dass alles in bester Ordnung sei und Destiny sich hingebungsvoll um ihre Babys kümmere. „Offenbar ist heute Muttertag“, textete Timo zurück, „ich habe nämlich gerade eine zusätzliche geschenkt bekommen. Erzähle dir alles demnächst.“ Obwohl er viele Smileys anfügte, sah er plötzlich traurig und müde aus. Gedankenverloren streichelte er Bella, die sich sogleich nahe zu ihm gesetzt hatte. „Hey“, sagte ich leise und holte eine Decke. „Schlaf erst mal ein bisschen, das wird dir gut tun. Mein Sofa ist sehr bequem. Du hast viel erlebt seit gestern Abend.“ „Ja, das kann man so sagen. Ich bin in wenigen Stunden um vier Hunde und eine Mutter reicher geworden. Ich glaube, das ist mein Rekord.“ Timo versuchte zu lächeln, doch seine Augen blieben ernst. Er nahm den Laptop aus dem Rucksack und zögerte einen Moment, bevor er sprach. „Wispy, ich kann jetzt nicht mit Mona sprechen. Ich brauche erst Zeit, um über alles nachzudenken. Eine vage Ahnung, die man ignorieren kann, ist eins, die Gewissheit etwas ganz anderes. Bis gestern war Mona einfach eine gute Freundin und heute soll sie plötzlich meine richtige Mutter sein? Ich muss mich erst an den Gedanken gewöhnen.“ Er nahm ein paar Kleider aus dem Rucksack und hielt sie fragend in der Hand hoch: „Darf ich ein paar Tage hier bleiben? Wenn meine Eltern abgereist sind, kann ich im Haus wohnen. Solange ich noch etwas vor Mum verbergen muss, möchte ich das lieber nicht.“ Ich nickte und beschloss, Helene nicht zu erwähnen. Wenn Timo in diesem Moment etwas bestimmt nicht brauchte, waren es meine neugierigen Fragen. Er würde mir von selbst erzählen, was los war, wenn er dazu bereit war. Ich liess eine Reservezahnbürste und ein Duschtuch für ihn im Badezimmer und schlüpfte endlich ins Bett.

Bella folgte mir wie üblich ins Schlafzimmer. Mir schien, dass sie immer dünner wurde. In letzter Zeit liess sie wieder bedeutend mehr Futter im Napf zurück, egal, wie sehr ich sie fürs Fressen lobte. „Es tut mir leid, dass ich dich so lange allein gelassen habe“, versicherte ich ihr und kraulte sie hinter den Ohren, wie sie es gern hatte. „Die Nachbarin hat doch sicher gut zu dir geschaut?“ Bella fing an zu schnurren und kuschelte sich an mich. Gerade als ich in den Schlaf glitt, merkte ich jedoch, wie sie wieder vom Bett sprang und aus dem Zimmer verschwand.

Ich hatte länger geschlafen, als ich vorgehabt hatte, es war bereits späterer Nachmittag, als ich erwachte. Timo sass arbeitend am Küchentisch und Bella direkt neben dem Laptop, als ob sie mitlesen würde. Die Verbundenheit der beiden war von weitem spürbar. „Na du, hast du gut geschlafen?“ fragte Timo eine Spur zu fröhlich. Ich hatte von ihm gelernt, auf die kleinsten Untertöne und die Körpersprache der Menschen zu achten. Etwas stimmte hier nicht. Ich beschloss, für den Moment nicht zu fragen und wollte anfangen, uns etwas zu essen zu machen. „Lass doch“, meinte Timo, „ich bin fast fertig. Ich lade dich nachher in ein Restaurant ein, das haben wir uns verdient.“ Er schaute mich dabei nicht an. Etwas war nicht in Ordnung, nun war ich sicher. Ich liess ihn vorerst in Ruhe seine Arbeit fertig schreiben und ging unter die Dusche. Das flaue Gefühl, etwas Unangenehmes komme auf mich zu, liess sich jedoch nicht wegwaschen.

„Es macht mir wirklich nichts aus, für uns zu kochen“, sagte ich, als ich in die Küche zurückkam. „Ich möchte meine Katze nicht schon wieder allein lassen. Sie macht mir diese Tage erneut Sorgen.“ Timo klappte eben seinen Laptop zu, als Bella vom Tisch sprang und zu ihrem Wassergeschirr im Bad ging. „Sie trinkt auch ziemlich viel. Kannst du sie bitte fragen, wie sie sich fühlt und warum sie nicht richtig fressen mag?“ Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, wusste ich, was in der Luft lag. „Du hast bereits mit ihr gesprochen, nicht wahr?“ Meine Stimme tönte fremd durch den Kloss, der sich sofort in meiner Kehle gebildet hatte. Als Timo nicht gleich antwortete und dafür nach meiner Hand fasste, traten mir die Tränen in die Augen. „Stirbt sie?“ flüsterte ich kaum hörbar. Timo drückte liebevoll meine Hand. „Noch nicht jetzt. Doch sie macht sich langsam bereit, denn die Krankheit wird ihr immer mehr Beschwerden bringen. Du weisst ja, dass chronische Niereninsuffizienz meistens unheilbar ist. Wie viele Haustiere hat sie jedoch das Gefühl, für ihren Menschen so lange wie möglich durchhalten zu müssen. Sie hat mir eine ganze Reihe Bilder glücklicher, inniger Momente mit dir gesandt, um zu zeigen, wie geliebt sie sich fühlt. Doch Katzen sehen das Sterben anders als wir. Von allen Tieren wechseln sie am mühelosesten zwischen den Welten, es macht ihnen keine Angst. Viele waren schon mehrmals auf der Erde. Bella weiss, dass sie nach ihrem Tod weiterhin bei dir sein kann, nur auf eine andere Art und Weise. Wenn dir das bewusst ist und du aufmerksam bist, wirst du sie spüren und hören können. Zu intensives Trauern hingegen würde es für sie schwierig machen, zu dir durchzudringen.“ „Wie lange haben wir noch?“ fragte ich durch meine Tränen. „Wahrscheinlich einige Wochen oder gar Monate“, beruhigte mich Timo. „Es kann gut sein, dass sich Bella nochmals für eine Weile erholt. Doch sie spürt, dass ihre Zeit abläuft und will dich nicht unvorbereitet verlassen.“ In diesem Moment kam meine geliebte kleine Katze in die Küche zurück und strich erst Timo, dann mir um die Beine. Ich hob sie auf und drückte meine feuchte Wange gegen ihr Fell. „Ich kann mir das Leben ohne dich gar nicht mehr vorstellen“, flüsterte ich in ihr Ohr. „Das weiss sie, das ist es ja. Loslassen ist unendlich schwer und schmerzhaft, doch wir müssen es unseren Tieren zuliebe lernen. Bella möchte, dass ich dir dabei helfe und dir alles erzähle, was ich vom Übergang der Tiere und ihrem Leben danach weiss.“ Timo zog mich vom Stuhl hoch. „Doch es muss nicht heute sein. Ihr habt wirklich noch Zeit. Komm, wir gehen bei der Tierarztpraxis vorbei und besuchen die Hundefamilie. Lola und der Doktor sind vielleicht froh, wenn wir Destiny kurz nach draussen mitnehmen. Danach gehen wir fein essen.“ Als ich mit einem Blick auf Bella protestieren wollte, versicherte er mir: „Glaub mir, es ist ihr bedeutend lieber, wenn du mit mir weggehst, als wenn du sie nun jeden Moment ängstlich beobachtest. In ein paar Stunden sind wir wieder da. Vorläufig musst du noch nicht mit dem Schlimmsten rechnen, sie wird es uns wissen lassen, wenn ihre Zeit näher kommt.“ Ich gab nach. Als wir uns zum Gehen bereit machten, begann ich mich auf die Hundefamilie zu freuen und war eigentlich doch ganz froh, dass ich nicht kochen musste. Zudem hatte ich endlich die Gelegenheit, meine neuen, modernen Kleider auszuführen. Die kräftigen Farben schmeichelten mir wirklich, bemerkte ich zufrieden, als ich mich im Spiegel betrachtete.

Auf dem Weg nach unten klingelte ich bei Erna, der Nachbarin, die Bella gefüttert hatte, um mich zu bedanken. Timo war vorausgegangen, sie sah ihn nur noch durchs Treppenhaus verschwinden. „War das jetzt dein Sohn?“ fragte sie neugierig, doch ich konnte sehen, dass sie etwas anderes vermutete. Ich nickte bloss kurz. „Ich erkläre ihr den Irrtum ein anderes Mal“, dachte ich, „sonst kommen wir nie weg“, und folgte Timo die Treppe hinunter. „Du siehst übrigens zehn Jahre jünger aus, ich habe dich noch nie in solch auffallenden Kleidern gesehen“, rief Erna mir nach. „Ich glaube, sie hält dich tatsächlich für meinen jungen Liebhaber“, erzählte ich Timo ungläubig. „Vielleicht denkt sie, dass ich reich sei und dich aushalte. Erna wohnt noch nicht lange hier und ist eigentlich nett und hilfsbereit, bloss leider viel zu schwatzhaft. Sie liebt Tratsch und Klatsch über alles.“

Es wurde ein lustiger Abend. Nachdem die Hunde versorgt waren, gingen wir zu viert essen. Timo erzählte Lola und dem Doktor kurz die grosse Neuigkeit und bat sie dann, das Thema für den Abend ruhen zu lassen. Die beiden kamen seinem Wunsch nach, obwohl ich Lola ansah, dass sie ihren Ohren nicht traute und viele Fragen gehabt hätte. Dafür hörten wir die neuesten Geschichten aus dem Tierarztalltag und hatten viel zu lachen. Als ich mich im Restaurant umblickte, sah ich einige verstohlene Blicke auf uns ruhen. Lola und der Doktor waren ein auffallendes Paar. Rein optisch passten sie absolut nicht zusammen, doch es war offensichtlich, dass sie sehr verliebt waren. Der Tierarzt wirkte auch in den Privatkleidern seriös, sie umso ausgeflippter. Timo ging wie immer sehr liebevoll mit mir um. „Du gibst den anderen Gästen Ideen, wäre ja nicht das erste Mal heute Abend, dass du jemanden verwirrst“, schmunzelte ich, worauf er mich erst recht fest drückte.

Ich hatte ein bisschen mehr Wein getrunken, als ich mich gewöhnt war und fand plötzlich alles sehr lustig. Auch Timo spürte irgendwann die Müdigkeit und den Alkohol. Als wir ziemlich spät so leise wie möglich die Treppe hochgingen, mussten wir ein Kichern unterdrücken beim Gedanken, was Erna oder die anderen Leute im Haus jetzt wohl denken würden, wenn sie uns begegnen würden. Wir erschraken richtig, als sich plötzlich eine Tür öffnete und Erna im geblümten Morgenrock im Treppenhaus stand. Sie musste gelauscht haben, um uns zu hören. „Ich hätte deinem anderen Sohn gesagt, wo du bist und wann du nach Hause kommst“, sagte sie mit vorwurfsvollem, leicht beleidigtem Unterton. „Doch du hast mir ja nichts erzählt. Er wollte partout nicht bei mir in der Wohnung warten. Ich habe ihm ein paar Kissen hochgebracht. Dein Handy funktionierte wohl nicht heute Abend?“ Sie musterte Timo ungeniert. „Wer wartet oben?“ fragte ich verwirrt. Auf den Rest wollte ich um diese Nachtzeit nicht eingehen. „Nach dem Namen habe ich nicht gefragt“, sagte Erna süffisant. “Konnte ich denn ahnen, dass du nicht mehr nur einen, sondern offenbar plötzlich mehrere junge Söhne hast? Ein weiterer sitzt jedenfalls oben vor deiner Tür.“

4 Antworten auf „Und nun?“

  1. Schade, dass ich nun wieder bis zur Fortsetzung der Geschichte 3 Wochen warten muss. Liebe Maja, es ist immer eine Freude deine Geschichten zu lesen. Du verstehst immer so zu schreiben, dass man alles bildlich vor Augen hat, man lebt mit und ist enttäuscht, wenn die Geschichte schon wieder am Ende ist.

    1. Danke Brigit, du liebe, treue Leserin! Ich bin jedes Mal sehr gespannt auf deinen Kommentar, es bedeutet mir viel wenn dir die Geschichte gefällt. Ich denke beim Schreiben immer mal wieder an dich :- ).
      Genau genommen sind es noch 4 Wochen bis zum nächsten Kapitel, dies hat sich seit ein paar Folgen so eingependelt. Diesen Rhythmus versuche ich dafür auf den Tag genau einzuhalten.
      Nochmals herzlichen Dank und liebe Grüsse

  2. Liebe Maja. Ich sitze auf meiner Terrasse mit Blick aufs Meer in Griechenland und möchte endlich meinen letzten Tripp Report schreiben. „Dummerweise“ hast du mir den Link zu deiner Geschichte geschickt. So habe ich diese, unterbrochen von wenigen Stunden Schlaf, in einem Zug verschlungen. Ganz herzlich gratuliere ich dir zu deinem flüssigen, farbigen und packenden Schreibstil, man lebt wirklich mit! Hast du das Wissen um die kurze Trauerphase beim Ableben von Tieren schon gehabt, als deine Katze gestorben ist, oder hat sich das dann so gezeigt? Loslassen und das Selbstmitleid in den Hintergrund stellen ist sicher wichtig, bei jedem Verlust. Ich freue mich auf das nächste Kapitel, auch wenn die Dauer der Vorfreude von vier Wochen etwas gar lange ist ;-)). Ganz en herzliche Gruess, Hans-Ueli

    1. Lieber Hans-Ueli, ganz herzlichen Dank für dein Kompliment! Es freut mich sehr und hat mir total den Sonntagmorgen versüsst. So schön, dass dir die Geschichte gefällt :- ).

      Meine beiden Katzen starben 2016 mit nur 3 Monaten Abstand. Überraschenderweise verliess uns zuerst Phoenix, der lebenslustige, freche und übermütige Kater, dessen Nieren nach längerer Insuffizienz plötzlich versagten. Seine Schwester Soukie und ich stürzten in ein Loch. Wir trauerten beide aufs Heftigste und konnten einander gegenseitig nicht trösten. Obwohl Phoenix Minuten vor seinem Tod einer Tierkommunikatorin gesagt hatte, er lasse nur seinen Körper beim Tierarzt und komme gleich wieder mit nach Hause, spürte ich ihn nicht mehr.

      Dann hatte ich das Glück, dass Soukie in Amelia Kinkades Tierkommunikationsklasse vorgestellt wurde. 14 Studenten aus der ganzen Welt liessen sich auf sie ein, hörten ihr zu, stellten ihr Fragen und schrieben mir danach zum Teil lange Emails. Dadurch lernte ich sehr viel Tröstliches und Überraschendes. Vor allem traute ich meinen Ohren nicht, als Phoenix anfing, bei diesen Kommunikationen aufzutauchen! Er bat (oder eigentlich befahl, er konnte sehr bossy sein) den Leuten, mir auszurichten, dass es ihm sehr gut gehe. Und dass ich sofort! aufhören soll zu weinen und anfangen, ihm zuzuhören. Zu heftige Schwingungen rund um mich machten es ihm unmöglich, zu mir durchzudringen. Heute bin ich mit beiden Katzen in wunderbarer innerer Verbindung.

      Da ich mir oft gewünscht hatte,ich hätte dies alles früher gewusst, will ich es jetzt in meine Geschichte einbauen. Wer weiss, vielleicht tröstet oder hilft es irgendwo, wo dies gerade jetzt gebraucht wird.

      Ganz liebe Grüsse, Maja

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